Feuer!

Natalie Schrank (14 Jahre) aus Bassen

Auf einmal rieche ich es. Zuerst denke ich, ich bilde es mir nur ein. Aber als ich die Augen schließe und versuche, wieder einzuschlafen, wird der Gestank schlimmer. Mein Hals beginnt, von dem fiesen Rauchgeruch zu brennen. Durch das angelehnte Fenster höre ich Stimmen. Sie klingen hysterisch und aufgebracht.

Ein Hund bellt ununterbrochen. Können die Nachbarn ihren verdammten Streit nicht mit geschlossenem Fenster führen? Und kann bitte jemand die Stimmbänder dieses Hundes kappen? Noch erscheint mir alles ganz harmlos...

Ich befinde mich auf einem Schüleraustausch in Malaga und teile mir das Zimmer mit einem Mädchen aus meiner Parallelklasse. Wir sind in einem großen Apartment bei unserer Gastmutter und ihrer Nichte im fünften Stock eines Gebäudes. Es ist halb zwei nachts, als es draußen laut wird. Ich wecke meine Zimmergenossin Esra, und wir überlegen kurz, woher der Gestank kommen könnte. Die Spanier haben komplett andere Essenszeiten und bleiben abends bis spät in die Nacht in irgendwelchen Restaurants. Grillt da vielleicht jemand?

 Wir schließen das Fenster und versuchen, unbefangen weiterzuschlafen. Aber Esra und ich sind beide verunsichert. Dann, kaum eine Minute später, hören wir Schritte im Apartment. Jemand klopft an die Tür von Bettina, der Schweizerin, die im Zimmer gegenüber von uns schläft. Nun hören wir leise Stimmen. Noch bevor unsere Gastmutter und ihre Nichte Anjelica auch bei uns klopfen können, springen wir aus unseren Betten und reißen die Tür auf. Plötzlich spüre ich Panik, und ich weiß, was los ist, noch bevor Anjelica es erklärt hat: Es brennt – im Apartment direkt gegenüber von uns!

Habe ich erwähnt, dass ich höllische Angst vor Feuer habe? Genau genommen ist Feuer meine größte Angst, schon seit ich ein Kind war. Dann geht alles ganz schnell: Fassungslos eilen Esra, Bettina und ich barfuß und im Schlafanzug Anjelica und ihrer Tante hinterher bis zur Wohnungstür. Während Luz, unsere Gastmutter, hektisch den Schlüssel sucht, schwirrt mir nur ein Satz durch den Kopf: „Oh mein Gott!!!“ Anjelica winkt uns näher zu sich und erklärt in einem Mischmasch aus Spanisch und Englisch – den ich zum ersten Mal klar verstehe – dass wir uns die Nase zuhalten und das Einatmen vermeiden sollen. Ich bin noch nicht mal annährend bereit, da öffnet Anjelica die Tür einen Spalt, und schon quellen uns dichte Rauchschwaden entgegen. Mir stockt schlagartig der Atem, Adrenalin schießt durch meinen Körper. Anjelica schlägt die Tür sofort wieder zu und gibt uns ein Zeichen, dass wir jetzt die Luft anhalten müssen. Kaum hat sie das gesagt, schwingt die Wohnungstür auch schon wieder auf, und sie verschwindet in der dichten Rauchwolke. Wir müssen ihr sofort folgen. Ich glaube, mein Herz schlagen zu hören, als ich in den komplett von Rauchschwaden durchfluteten Hausflur trete, der zum Treppenhaus führt. Außer ein paar schwachen Konturen erkenne ich nichts. Wir eilen los, und ich habe bereits nach drei Schritten das Bedürfnis einzuatmen – normalerweise kann ich die Luft mehr als 45 Sekunden anhalten, aber jetzt geht’s nicht. Ich versuche zu atmen und spüre sofort Hustenreiz und wieder dieses fiese Brennen im Hals. Ich schirme Mund und Nase unter meinem Shirt ab, was das Atmen etwas erleichtert.

Innerhalb weniger Sekunden erreichen wir die Treppe. Dort tummeln sich die Bewohner der Apartments im fünften und sechsten Stock. Ich bin kurz davor, sie anzuschreien, sie sollen sich gefälligst bewegen, damit wir hier lebend rauskommen. Erst dann sehe ich die Feuerwehrmänner, die den Weg versperrt haben, um ihre Löschmaterialien nach oben zu bringen. Mein Herz schlägt immer schneller, und ich wippe hibbelig von einem Fuß auf den anderen. Innerhalb weniger Sekunden haben die Feuerwehrleute den Weg freigeräumt. Ich renne los – Treppenabsatz für Treppenabsatz, bis ich endlich das Erdgeschoss erreicht habe. Ich habe nur wenige Sekunden vom fünften Stock runter gebraucht und bin noch nicht mal annähernd außer Atem – ja, das Adrenalin! Esra und Bettina kommen einige Sekunden später unten an, und dann auch Luz und Anjelica. Wir verlassen das Haus und warten. Es scheint Stunden zu dauern, bis die Feuerwehr uns wieder reinlässt. Die Wohnungsbesitzer sind total fertig, die Frau weint die ganze Zeit. Der Kühlschrank ist im Apartment explodiert. Gott sei Dank wurde niemand ernstlich verletzt. Luz muss zwar mit zu den Sanitätern, da sie zu viel Rauch eingeatmet hat, aber es dauert nicht lange, bis wir gemeinsam wieder nach oben in unser Apartment gehen. Der Rauch erschwert uns noch immer die Sicht, aber es ist kein Vergleich zu vorher. Der Boden ist nass und schmutzig, weil die Feuerwehrmänner ein paar Vasen umgestoßen haben. Während sich Anjelica und weitere Bewohner Wischmopp und Besen schnappen, um den Flur aufzuräumen, schickt Luz uns zurück in unsere Zimmer.

Esra und ich unterhalten uns erst mal eine halbe Stunde darüber, was für schreckliche Angst wir hatten. Irgendwann überkommt uns dann doch die Müdigkeit. Gerade, als ich halb eingeschlafen bin, ertönt ein Geräusch, das ich wahrscheinlich nie mehr vergessen werde. Sturmklingeln – bestimmt zehn Mal hintereinander an unserem Apartment. Esra und ich sind als erste wieder auf den Beinen und stürmen los. Da hören wir bereits die Worte: „Schon wieder! Schon wieder!“. Meine Knie werden weich wie Butter. Das Apartment hat zum zweiten Mal in dieser Nacht Feuer gefangen – und die Feuerwehr ist schon lange fort. Sofort ruft Anjelica den Notruf. Sie ist die Ruhe in Person. Ich bin sicher, hätte sie uns allen nicht ruhig zugeredet, wäre ich durchgedreht. Diesmal haben wir noch Zeit, unsere Flipflops überzustreifen, bevor wir wieder durch den rauchverquollenen Flur bis ins Erdgeschoss und aus dem Gebäude eilen. Alle Wohnungen werden erneut evakuiert. Die Feuerwehr löscht den zweiten Brand, bis das Wasser an den Außenwänden des Gebäudes runtertropft. Eine gefühlte Ewigkeit später können wir wieder nach oben. Der Rauch hat sich ein wenig verzogen, sodass man durch die Fenster im Flur die Außenwand der brennenden Wohnung zum Innenhof hin erkennen kann: Rund um die Fenster erstrecken sich dort, wo mal weißer Putz war, pechschwarze Brandspuren. Es ist sechs Uhr, die Nacht ist vorbei. Vergessen habe ich sie aber noch lange nicht.

Natalie Schrank (14 Jahre) aus Bassen

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