Eine Woche nur die Wahrheit

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Sie sagt selbst: „Lügen ist mein Lebenselexier!“ Und trotzdem macht chili-Autorin Mara den Selbstversuch und sagt eine ganze Woche nur die Wahrheit. Für manche Freundschaft wäre  eine Notlüge aber besser gewesen.

Von Mara Schumacher (20 Jahre) aus Riede

Bei mir begann die Lügerei in der Grundschule. Meine beste Freundin und ich waren kleine Ganoven. Andere Mädchen spielten in der Pause „Pferd“ – wir beide spielten „Agent“. Richtig los ging es mit dem allwöchentlichen Schwimmunterricht, gegen den wir beide eine starke Abneigung hatten. Wie flossenamputierte Fische kauerten wir am Beckenrand und schworen uns, NIE mehr mitzumachen. Also täuschten wir Woche für Woche irgendwelche Gebrechen vor, zwackten bei Mama Entschuldigungen ab, und, tja – wenn man schon als Kind weiß, dass man mit Lügen unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen kann, weiß man diese Tatsache als Teenager erst recht zu schätzen.

Mal sind es kleine Notlügen, die uns aus misslichen Situationen befreien, mal geschickte Ausreden – und manchmal riesige Lügen-Gebäude. Ich hab sogar schon gigantische Lügenkonstruktionen aufgeschrieben und auswendig gelernt, damit mich pikante Fragen nicht ins Stottern bringen. In solchen Momenten wird mir bewusst, dass was Gewissenloses in mir schlummert. Ich gebe zu, dass ich viel lüge. Aber würde ich immer die Wahrheit sagen, hätte ich keine Freunde mehr, wäre zu Hause rausgeflogen und würde längst im Knast sitzen.

Um zu beweisen, dass ein Leben ohne Lügen und Ausreden gar nicht möglich ist, habe ich beschlossen, einen Versuch zu machen. Ich werde sieben Tage nur die Wahrheit sagen. Das kann ja heiter werden...

TAG 1

Wer sein wahres Gesicht zeigt, muss auf Schminke verzichten. Normalerweise schaue ich ungeschminkt nicht mal aus dem Fenster. Ich fühle mich fürchterlich. Blass, Augenringe. Wie ‘ne tote Forelle, die gerade an Land gespült worden ist. Meine Mama sagt, dass ich ungeschminkt „süß“ aussehe, so wie damals mit zwölf. Mich erinnert meine „pure Schönheit“ eher an diese Gespenster-Tussi, die bei „The Ring“ aus’m Fernseher kriecht.

Im Büro denken alle, die Auszubildende wäre krank: „Mara, alles okay? Du siehst GAR nicht gesund aus...“ Den ganzen Tag fühle ich mich beobachtet und verspüre den Zwang, morgen mein „wahres Gesicht“ wieder mit Lügen anzumalen!

TAG 2

 Die Berufsschule beginnt – zu meinem Leidwesen als Langschläferin – um 7.50 Uhr. Und weil die Busverbindungen in Riede ungefähr so sind wie in der argentinischen Pampa, bin ich entweder um 6.50 Uhr oder um 8.15 Uhr in der Schule. Ich sehe es nicht ein, mitten in der Nacht eine Stunde lang sinnlos in der Schule rumzuhocken, also nehme ich den späteren Bus. Auf die Frage „Warum bist Du zu spät?“ antworte ich sonst routiniert mit „Stau / Baustelle / Der Bus hatte ein technisches Problem.“ Ich könnte auch sagen, dass die Hauptstraße in Riede gesperrt ist, weil Archäologen da Dinosaurier-Knochen ausgraben. Was in Riede abgeht, weiß eh kein Mensch. Aber heute muss ich ja ehrlich sein. „Ich hatte keine Lust, so früh aufzustehen.“ Mein Lehrer guckt mich irritiert an, dann lacht er: „ Na, wenigstens bist Du ehrlich!“ Ich bin überrascht. Wie entspannt es doch ist, wenn man sich nicht noch mit Lügengeschichten rumplagen muss!

TAG 3 

Ein echt nerviger Bekannter fragt mich zum 82. Mal, ob wir was zusammen machen wollen. Never ever. Nicht mal, wenn er der letzte Mensch auf Erden wäre, hätte ich dazu Bock. Das sage ich ihm aber nie, sondern krame tief in meinem Ausreden-Repertoire: „Leiiiiiiiiider muss ich lernen / auf meine Cousins aufpassen / Laminat verlegen.“ Dieses Mal fällt es mir wirklich schwer, ehrlich zu sein. „Du, dazu hab ich ehrlich gesagt keine Lust.“ „Achso...“, sagt er, „und wieso nicht?“ Ich muss die Wahrheit sagen, nicht nur wegen des Experiments. Sonst fragt er mich wahrscheinlich in 60 Jahren noch, ob wir schon mal zusammen Särge aussuchen wollen oder so. Nein, nein, nein! Also antworte ich wahrheitsgemäß: „Weil Du nervst. Und Deine Geschichten haben Fremdschäm-Potenzial.“ Schweigen.

Ein paar Minuten später werde ich auch aus seiner Facebook-Freundesliste entfernt. Obwohl er mir ernsthaft auf den Senkel ging, ist mir jetzt doch etwas mulmig. Die Wahrheit hat soeben eine Bekanntschaft vernichtet. Ich bin mir sicher, dass sie das auch mit Freundschaften kann. Davor hab ich Angst.

TAG 4

Von jemandem Interessantes werde ich bei Facebook angeschrieben mit der Standardfloskel: „Na, was machst Du gerade?“ Ich könnte mir jetzt so viele spektakuläre Sachen ausdenken wie: „Ich plane gerade meinen Städtetrip nach Madrid“ – man will ja nicht zugeben, dass man gerade in schlampigen Schlafsachen auf dem Sofa vor sich hin vegetiert. Aber heute muss ich ehrlich antworten: „Ich sitze vorm Laptop, gucke GZSZ und google, wie man Blutflecken aus Klamotten kriegt. Nebenbei schneide ich mir die Fußnägel, und...“ Das ist halt das, was ich mache, wenn ich offiziell „nichts“ mache. Und er wollte das nun mal wissen. Nun ist er, glaube ich, angeekelt von mir: „Ach so, dann will ich Dich nicht länger stören, bis denn.“ Scheiße!

TAG 5

Es ist Freitag! Wieder mal hab ich unbedacht bei drei verschiedenen Aktivitäten für den Abend zugesagt: Kino, Essen gehen und Party. Zwei werde ich mindestens absagen müssen. Oder alle drei, denn eigentlich hab ich heute Bock auf gar nix. Die Universal-Ausrede für dieses Problem wäre: „Sorry, ich lieg voll mit Grippe flach.“ Heute muss ich schweren Herzens allen mitteilen, dass ich lieber früh schlafen gehe. Das hat zur Folge, dass ich eine Ewigkeit blöde Sprüche über mich ergehen lassen muss: „ Du Langweilerin!“, „Ey, wie alt bist Du? 70 oder was?“, Blablablabla.

TAG 6

Ich erhalte den Rückruf von einem Autohaus, bei dem ich vor ein paar Tagen eine Anfrage für eine Probefahrt gestellt habe. Es gibt kein Autohaus im näheren Umkreis, bei dem ich noch nicht versucht habe, eine Probefahrt mit ‘nem schicken Schlitten rauszuleiern. Manchmal klappt das sogar – natürlich nur mit der entsprechenden Lügengeschichte. Kein Autoverkäufer, der bei Bewusstsein ist, würde sonst dabei zusehen, wie eine 21-Jährige mit einem 60.000 Euro-Auto „Fast & Furious“ im Bremer Feierabend-Verkehr spielt. Meist erzähle was von einem gewissen großzügigen Erbe.

Der skeptische Autoverkäufer am Telefon fragt, wie alt ich sei und ob ich mir schon Gedanken über die Zahlungsweise gemacht hätte. Er müsse das vorher absichern, weil er tagtäglich Anfragen von Jugendlichen bekäme, die sich das Auto in 100 Jahren nicht leisten könnten und nur mal eben ein paar Stunden auf dicke Hose machen wollen. Also Leute wie ich. Normalerweise würde ich ihm jetzt meine Märchengeschichte erzählen. Dass ich selbstverständlich bar zahle, Finanzierung sei schließlich nur was für Spießer. Heute antworte ich mit weinerlicher Stimme, dass ich auch nur auf dicke Hose machen will, weil ich das Auto so toll finde und damit ‘ne Runde durch Riede cruisen möchte. Scheiß Wahrheitswoche!

Aus der anfänglichen Skepsis des Autoverkäufers wird Zorn: „Ich kann doch nicht jedem Fahranfänger 340 PS anvertrauen und hoffen, dass er heil wieder zurückkommt! Wenn was passiert, ist der Ärger groß – sowohl für Sie als auch für uns! Da sind Sie hier an der falschen Adresse!!!“ Aufgelegt.

Arroganter Saftladen! Da sagt man EINMAL die Wahrheit und wird so herablassend behandelt! Der war doch auch mal jung und hatte kein Geld! Spießer.

TAG 7

Final-Tag. Endlich! Heute ist es stressig bei der Arbeit. Ich soll in sehr kurzer Zeit ein Anschreiben erstellen und brüte schon ewig über einem Absatz. Gerade, als ich den perfekten Satz im Kopf habe, stürmt meine Kollegin aus ihrer Mittagspause wieder rein und freut sich lautstark, weil ihr die Kassiererin bei „Burger King“ zu viel Wechselgeld gegeben hat. Ich starre böse auf meinen Bildschirm. Mein perfekter Satz hat soeben mein Hirn verlassen. Ich raste gleich aus! Da kommt sie auch schon wieder reingepoltert, um mir mit Burger im Mund zu erzählen, dass es bei Aldi Pfannenwender gibt. Ich halte es nicht mehr aus: „Boah, kannst Du mal für ‘ne Stunde einfach gar nix sagen?!“ Normalerweise hätte ich lautstark bei diesem Affentanz mitgemacht, bis uns unsere Chefin ermahnt hätte. Sie guckt mich geschockt an und redet den ganzen Tag nicht mehr mit mir. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich war zu direkt, es tut mir so leid...

Mein Fazit: Also, erst mal gehe ich nie wieder ungeschminkt aus dem Haus – es sei denn, es ist Halloween. Wenn ich auf die Woche zurückblicke, fallen mir eigentlich nur negative Seiten von Wahrheit ein: Sie ist oft beschämend, irritierend, peinlich und verletzend. Und vor allem erfordert sie ganz viel Mut. Lügen sind dagegen wie ein luftig-leichtes Federkleid, das man sich mal eben rüberwerfen kann, wenn es zu heiß wird.

Allerdings können Lügen auch eine Anstrengung sein – erst recht, wenn Dir jemand auf die Schliche kommt. Oft sind es ja nur kleine Zufälle, die große Lügen aufdecken und Dich zum riesigen Arsch machen. Es gibt nichts Peinlicheres, als zugeben zu müssen, dass man gelogen hat. Ich werde versuchen, ein Mittelmaß zu finden.

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