Noch mal anders alt

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Unsere Großeltern sind alt. Das sind sie ja schon, wenn wir geboren werden. Aber irgendwann merken wir plötzlich, dass sie noch mal wieder älter werden. Unsere chili-Autoren erzählen von diesem Moment...

„Ich bleibe die Kleine“

Von Kimberley Kirchmann aus Kirchweyhe

„Oma-Besuche“ haben immer eine ganz klare Struktur: Kaum habe ich einen Fuß über die Türschwelle gesetzt, schon werde ich von  Oma „geherzt“. Dieses Verb umschreibt ganz gut das Geküsse, Gedrücke und in-die-Wange-Gekneife, dem ich (für eine Minute) hilflos ausgeliefert bin. Und dann navigiert mich Oma auch schon zum Tisch, und es heißt: Essen, essen und essen (bis 14 Uhr). Nach einer kurzen Runde Halma springt meine Oma mit entgeistertem Blick auf die Uhr auf („Herrje, schon 15 Uhr! Höchste Zeit, Kaffee zu trinken!“) und deckt den Tisch.

Ich stehe auf und will ihr helfen, nein, ich versuche aufzustehen und versuche, meiner Oma zu helfen. Aber als hätte sie einen siebten Sinn dafür, drückt sie mich wieder auf die gepolsterte Sitzbank und sagt mit erhobenen Finger: „Wirst Du wohl schön sitzen bleiben!“

Nie habe ich einen Gedanken daran verschwendet, dass sich das alles mal ändern könnte: Ich habe mit ihr um die Wette gegessen, beim Spaziergang hat sie mir dann auch „Eisgeld“ in die Hand gedrückt – ein Wort, das nur Omas gebrauchen. Es war ganz egal, ob wir uns gerade im tiefsten Winter befanden – ein Eis hat immer noch gepasst.

Aber in den letzten Monaten musste ich ein paar Mal zwinkern, um nicht ein paar Tränen zu vergießen. Oma hat sich verändert, sie rührt kaum noch was von ihrer eigenen „Fünf-Sterne-Küche“ an. Auf Brettspiele konnte sie sich nicht mehr richtig konzentrieren, und von einem auf den anderen Tag brauchte sie einen Rollator zum Gehen.

Mittlerweile herze ich meine Omi. Einfach, weil sie so klein ist, und wer weiß, wie lange ich noch Gelegenheit dazu habe.

Meine Oma ist in der letzten Zeit sehr vergesslich geworden. An unserer „Eisdiele“ ist sie einfach vorbei gelaufen und hat sich erst am nächsten Tag ganz aufgelöst daran erinnert, dass wir doch eigentlich unser Eis hätten essen müssen. Obwohl meine Oma jetzt  zittert, wenn sie die Kuchenteller hält, lässt sie es sich nicht nehmen, die „Kaffeetafel“ ganz alleine einzudecken. Auch wenn sie sehr viel Zeit dafür braucht. Ich tue dann so, als würde ich ihr Zittern nicht bemerken, weil ich weiß, dass Oma vor „ihrem kleinen Mädchen“ auf keinen Fall Schwäche zeigen möchte.

„Der Tod ist ein Arsch“

Von Alexandra Hübscher aus Hoya

Der Tod ist ein Arschloch. Eine 65-Jährigen aus dem Leben zu nehmen, während andere noch mit 89 Jahren Zuhause leben und sich zum Kartenspielen treffen, ist einfach nur ungerecht. Dabei ging es meiner Oma Anfang letzten Jahres noch gut. Sie lebte alleine, war gesund und bei klarem Verstand. Doch dann führte eine Krankheit zur nächsten – und die letzte schließlich zum Tod. Sie hatte drei Schlaganfälle  und litt unter einer Demenz im Anfangsstadium. Das alles ging so schnell, dass ich es gar nicht richtig verstand.

In klaren Momenten konnte meine Großmutter erzählen, wie es ist, wenn sie mal wieder „neben der Spur“ ist. Sie leide an Wahnvorstellungen und dass sie Angst vor diesen Momenten haben würde.

Ihre und unsere Hilflosigkeit und die Ratlosigkeit der Ärzte waren für mich besonders schlimm. Der Gedanke, dass sie mich eines Tages vergessen könnte, war schrecklich. Ich war wütend, verzweifelt und endlos traurig. Nach dem zweiten Schlaganfall war sie halbseitig gelähmt, und der dritte raubte ihr letztlich das Leben. Sie war so  schwach, müde und an irgendwelche Schläuche und piepsende Geräte angeschlossen.

Doch obwohl die Krankheit ihr Leben bestimmte, dachte sie an die schönen Seiten des Lebens. Als sie aber meinen Vater bat, meinen Onkel aus Lübeck herzuholen, war  klar, dass sie die Hoffnung auf Heilung aufgegeben hatte. Das war  der Moment, in dem ich mich von der Situation zu distanzieren versuchte. Ich verkroch mich zu Hause und weigerte mich, sie im Krankenhaus zu besuchen. Im Nachhinein weiß ich, dass das falsch war. Es wird nur schwieriger, wenn man versucht, so einer Situation aus dem Weg zu gehen. Einen Tag, bevor sie starb, besuchte ich sie Gott sei Dank dann doch noch.

Als ich nach Omas Tod  die Trauer langsam überwunden hatte und mich nur noch an die glücklichen Momente mit ihr erinnerte, erfüllte mich die kleine Hoffnung, dass es für Menschen wie sie nach all dem Leid und der Sorge irgendwo einen Ort gibt, an dem es ihnen besser geht. Ich glaube, dass dieser Ort einfach aus all den schönen Momenten besteht, die wir zusammen erlebt haben.

„Sie reden vom Sterben“

Von Rieke Klotz aus Kirchweyhe

Meine Großeltern sind  beide 86 Jahre alt und wohnen in Hamburg. Meine Mama besucht sie einmal in der Woche. Meine Schwester und ich schaffen es nur höchstens einmal im Monat. Aber immer, wenn ich sie besuche, wird mir klar, dass ich mir mehr Zeit für sie nehmen sollte.

Wir sitzen am Esstisch. Das Geschirr ist nicht mehr so sauber wie früher. Früher hat mein Opa gut gesehen, jetzt merkt er es nicht mal mehr, wenn seine Brille schmutzig ist. Das macht mich traurig, und ich fühle mich machtlos, weil ich nichts dagegen tun kann. Der Prozess des „alt-Werdens“ hat auch sie nicht verschont. Ich weise meine Großeltern nicht mehr da-rauf hin, wenn der Kaffee zum Kuchen fehlt, sondern stehe selbstverständlich auf und hole ihn ohne ein Wort zu sagen. Meine Oma kann auch nicht mehr so gut gehen, sie läuft hinter einem Rollator her. Nicht nur das äußerliche und körperliche Schwinden ihrer Kräfte tut mir leid. Vor allem, dass sie geistig nicht mehr ganz auf der Höhe sind, bedrückt mich. Opa fängt an, mich und meine Schwester zu verwechseln, und er denkt immer noch, dass er meine Oma austrickst und sie es nicht mitbekommt, wenn er mir heimlich einen zehn-Euro-Schein zusteckt. Oma redet viel mit dem Fernseher und beschimpft die Soap-Stars von „GZSZ“ und „Verbotene Liebe“. Das finde ich klasse und lache mit ihr – und über sie. Das versteht sie aber auch und kann sich herzlich darüber freuen, dass ich mich amüsiere. Opa redet viel von  Politik, da versuche ich ihm immer zuzustimmen, denn ich weiß, dass eine vollständig ausgearbeitete Diskussion sich mit ihm nicht mehr lohnen würde. Ich glaube, da traue ich meinem Opa nicht genug zu.

Natürlich erzähle ich immer viel von mir, wenn ich bei Oma und Opa bin. Sie möchten immer alles wissen. Aber wenn ich das nächste Mal wiederkomme, werden sie sich an vieles nicht mehr erinnern können. Deswegen erzähle ich auch nicht mehr alles.

Wenn ich mich nach ihrem Befinden erkundige, dann reden sie oft davon, dass sie sterben möchten und eh nicht mehr lange hier auf der Erde sind. Dann versuche ich schnell das Thema zu wechseln, weil ich einen ziemlich dicken Klos im Hals bekomme.  

„Oma ist so abweisend“

Von Anni Koch aus Syke

Im Alter verändert man sich und wird kompliziert, störrisch und unflexibel. Das sagt man zumindest so. Ich aber könnte nicht sagen, dass meine Oma jemals anders war. Müsste ich sie mit drei Adjektiven beschreiben, würde meine Wahl auf zwanghaft, kalt und abweisend fallen. Darf man so überhaupt von seiner Oma reden?

Die wirkliche Schreckensherrschaft meiner Oma begann vor zwei Jahren: Mitte Oktober rief sie an, dass Opi eine Strafgebühr zahlen sollte, weil er sein Bahnticket zum Krankenhaus nicht abgestempelt hätte. Mein Papa sollte sich drum kümmern. Nur dank ihrer Geizigkeit haben wir überhaupt erfahren, dass Opi ins Krankenhaus war. Seine Haut war übersät mit roten Pocken, die wohl richtig schlimm gejuckt haben müssen. Sofort sind wir zu Opa ins Krankenhaus gedüst. Alle zwei, drei Tage waren wir bei ihm und mussten mit ansehen, wie aus einem stattlichen, großem Mann ein Hilfloser wurde. Opi wurde von Woche zu Woche schwächer. Die Ärzte wussten nicht, was er hatte. Oma nahmen wir mit ins Krankenhaus. Doch anstatt sich neben ihren Mann ans Bett zu setzen, der sie in diesen letzten Wochen seines Lebens brauchte, wuselte sie im Zimmer rum. Handtücher einsammeln, im Schrank rumkramen, hierhin und dahin laufen. Sie tat alles. Sie setzte sich nur nicht an seine Seite, an sein Bett. Und hielt nicht seine Hand.

Eine Woche vor Opas Tod kam dann die Diagnose: Lymphdrüsenkrebs. Opa würde sterben. Das war klar. Sollte sich meine Großmutter nun besinnen und wenigstens in der letzten Tagen seines Lebens für Opa da sein? Nein, sie sagte: „Mit dem habe ich abgeschlossen.“ Und kam von da an nicht mehr mit ins Krankenhaus. Und verabschiedete sich nicht von ihrem sterbenden Mann.

In der Friedhofskapelle konnten mein Bruder und ich der Predigt gar nicht folgen. Wir waren so sehr in Erinnerungen vertieft und bemüht, beim Heulen keine lauten Geräusche zu machen. Die einzige Regung meiner Großmutter war: Ein Blick auf die Uhr, um zu sehen, wie lange die Andacht noch dauern würde. Unglaublich... Und nach der Beerdigung wollte sie sich nicht umarmen lassen, stieß mich weg und sagte: „Jetzt geht es nur noch um mich.“

Ein halbes Jahr später versuchte Großmutter, sich mit einem Medikamentencocktail umzubringen. Hat nicht geklappt. Nach fünf Wochen komatösem Zustand wachte sie wieder auf und wurde von den Pflegern nach und nach wieder aufgebaut. Hilfe wollte sie nicht. Weder von uns noch von der Caritas. Ein paar Wochen später schluckte sie wieder Tabletten. Und das Spiel ging von vorne los. Komatöser Zustand, Krankenhausaufenthalt. Einzige Veränderung: Sie wollte unbedingt ins Altersheim. Sie machte meinem Vater Druck, meiner Vater dem Altenheim. Als ein Platz dort frei wurde, wollte sie von ihrem Wunsch nichts mehr wissen. Sie unterschrieb schließlich doch den Mietvertrag, zog dort ein und bombardierte uns mit stakkatoartigen Anrufen, bei denen sie in den Hörer schrie: „Ihr habt mein Leben zerstört! Ich bin eine arme Frau!“ Kein Gespräch war mehr möglich, bis heute. Briefe, die ich an sie schreibe, schickt sie postwendend zurück.

„Sind das meine eigenen Erinnerungen?“

Von Katrin Roßmann  aus Cluvenhagen

Blumenkohl mit weißer Soße. Das war mein absolutes Lieblingsessen. Und jeden Freitag, wenn ich zu Oma ging, weil meine Eltern ihren „kinderlosen Abend“ hatten, kochte sie es für mich. Danach spielten wir „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Mau-Mau“.

Ich hatte das Glück, dass meine Oma bei uns im Haus wohnte. Wenn ich manchmal im Sommer mit Freunden im Garten spielte, stand sie oben auf ihrem Balkon und ließ über eine Schnur ein Körbchen runter. Darin lag dann Eis für uns. Abends erzählte sie mir oft Geschichten von früher, vom Hof, den sie hatten, von den Tieren, von meinem Vater als Kind. Und wenn sie Suppe gekocht hat, habe ich immer mitgeholfen, Fleischklöschen zu drehen. Darin war ich richtig gut, ich konnte sogar zwei auf einmal!

Leider habe ich nur noch diese wenigen Erinnerungen an meine Oma. Aber es sind schöne. Die Bilder in meinem Gedächtnis sind nicht gestochen scharf, aber allein die Fetzen fühlen sich gut an. Nur sind das wirklich alles meine Erinnerungen? Oder kommt viel von den Geschichten und Anekdoten, die mir meine Eltern später erzählt haben?

Ich war in der Grundschule, als meine Oma starb. Es war schlimm. Manchmal glaube ich aber, dass ich das gar nicht richtig verstanden habe damals. Der Tod war etwas Abstraktes und so weit weg. Auf einmal war meine Oma fort. Für immer.

Ich würde mich so gern an noch mehr erinnern. Auch an die Zeit mit meiner anderen Oma, die ich seltener sah, weil sie weiter weg wohnte. Ich bin mir sicher, dass beide klasse Omas waren. Ich hätte gern die Chance, sie heute noch mal zu sehen. Mit ihnen zu reden. Ihnen Fragen zu stellen...

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