Sollte es die „Pille danach“ ganz einfach und unkompliziert ohne Rezept geben?

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So wirkt die "Pille danach".

Ungeschützten Sex gehabt? Kondom gerissen? Und was jetzt? Die "Pille danach"! Experten diskutieren derzeit, ob es sie künftig rezeptfrei in der Apotheke geben soll. Hier zwei Meinungen.

Ja

Von Kiki (16 Jahre) aus Weyhe

Meine Kehle fühlt sich an, als wäre ich drei Stunden durch die Wüste gelaufen, ohne einen Tropfen Wasser. Mein Herz rast, die Erinnerungen von gestern Nacht werden immer klarer. Ich schicke das gefühlt 100. Stoßgebet zum Himmel: „Bitte, lieber Gott, lass mich nicht schwanger sein! Bitte, bitte, bitteeeeee!“ Tränen rollen über meine Wangen, durch meinen Kopf toben Horrorszenarien: Mutter mit 17 Jahren! Abtreibung! Oder ein kugelrunder Bauch! Und dann: Schule abbrechen! Kein vernünftiger Job! Keine Zukunft! Alle meine Träume... Da kann ich auch gleich meine Karriere bei „Mitten im Leben“ starten. Ich sehe mich schwerfällig in einem Kartoffelsack mit Ärmeln durch den Supermarkt tapsen, den Einkaufswagen voller saurer Gurken. Mit Milchtänken, die mir die Sicht auf meine „superbequemen Gesundheitslatschen“ versperren. Ich verdrücke vorm Laden noch ‘ne Currywurst mit Erdnussbutter, dann geht’s zur Krankengymnastik, wo ich mich mit einem Gymnastikball abquäle und nicht sagen kann, wer von uns beiden mehr Ähnlichkeit mit einem Kugelfisch hat. Mein Freund haut ab, als beim Ultraschall „zuckersüße Drillinge!“ angekündigt werden, und ein paar Monate später hetzte ich tags und nachts ohne Pause zwischen schreienden, kackenden Babys hin und her.

Halt! Stopp! Soweit darf es nicht kommen! Ich DARF nicht schwanger sein! Wie ein Blitz schlägt’s in meinem Kopf ein: Die „Pille danach“! Schnell wechsele ich bei Google die Seite von grausamen Abtreibungsmethoden zur „Pille danach“. Blablablabla... Aha: Erfolgt die Einnahme innerhalb von 24 Stunden nach dem Missgeschick, muss ich zu 95 Prozent mein ohnehin schon kleines Zimmer nicht noch mit Drillingen teilen! Ich reiße mir einen Pulli über, aber als ich schon auf dem Fahrrad sitze, wird mir klar: Heute ist Sonntag. Gestern bei der Party hab ich mich noch über den Ruhetag gefreut – heute denke ich: Zur Hölle damit!!! Was mache ich denn jetzt nur? Zum Notarzt!

Ich suche die Adresse in der Zeitung raus. Da steckt meine Mutter den Kopf aus ihrem Schlafzimmer. „Wo willst Du denn um acht Uhr morgens schon wieder hin? Du bist doch erst vor drei Stunden nach Hause gekommen!“ Scheiße!! „Ähhh“, stammel ich, „ich... hab vergessen, mein Geschenk abzugeben.“ Ganz schlechte Notlüge. Sie guckt mich verduzt an. Ich mache eine Handbewegung, die locker aussehen soll, dabei ist mir so übel, dass ich aufpassen muss, nicht gleich mit dem ganzen Fahrrad umzukippen.

Wie ein Häufchen Elend sitze ich dann im Wartezimmer und denke: 95 Prozent... Und was, wenn ich zu den fünf Prozent gehöre...? Als ich endlich aufgerufen werde, stürze ich ins Zimmer, breche noch bevor ich dem Doktor mein Leid klagen kann, in Tränen aus und schäme mich fürchterlich. Er streicht mir über den Kopf, hört mir ruhig zu und schreibt dann ohne nachzufragen ein Rezept. Ich glaub, ich hab gar nicht mehr „Tschüss“ gesagt, so schnell rase ich zur Apotheke, wo ich meine letzten 20 Euro in Münzen zusammenkrame, die Pillenpackung aufreiße und die kleine Tablette mit einem Schluck Wasser runterstürze... Es schmeckt bitter – aber für mich nach großer Erleichterung, Freiheit und dem Glück, dass meine Jugend jetzt doch noch nicht zuende ist. Ich bin SO dankbar. Alles noch „just in time“. Ich lächle einen kleinen Jungen an, der mir entgegenkommt. Ach, Kinder – wie süß. Gottseidank, es ist nicht meins!

Am nächsten Tag gibt es ein Riesentheater, als meine Mutter die achtlos in meine Hosentasche gestopfte, leere Pillenpackung findet, die ich schon konsequent aus meinen Gedanken verdrängt habe. Trotzdem: Durch diese eigene Erfahrung bin ich absolut dafür, dass die „Pille danach“ rezeptfrei, schnell und unkompliziert ausgehändigt wird. Für mich war es ohne Übertreibung die schlimmste Angst, die ich jemals ausstehen musste. Die Zeit im Wartezimmer hat mich halb wahnsinng gemacht. Und es war mir so peinlich! Natürlich sehe ich die Gefahr, dass das die Vorsicht einige Teenager einschränken könnte. Dass sie denken, die „Pille danach“ bräuchte man genauso wie die Kondome davor nur mal eben schnell aus dem Supermarkt zu holen. Und trotzdem. Ich kann mir vorstellen, dass viele sehr junge Mädchen das Problem aus Scham, zum Arzt zu gehen, aus Angst, Panik oder einfach aus Dummheit auch erst mal verdrängen würden. Und dann wäre es zu spät. Was für ein Drama. Deswegen bin ich absolut für die rezeptfreie Abgabe.

Nein

Von Mara Schumacher

Ich wundere mich gerade über mich selbst, dass ich bei diesem Thema den für mich ganz untypischen Moralapostel raushängen lasse. Aber ich bin dagegen, dass die „Pille danach“ einfacher und ohne Rezept vom Arzt zu bekommen sein soll. Ich finde, dass so ein Beschluss die Grenze zum „ Alles scheißegal, alles easy, alles nicht so wichtig“-Wunderland niederbrennen würde. Und ich finde, diese Pforte sollte nicht komplett offen sein ohne einen Wärter, der noch einen kritischen Blick drauf wirft, wer da so alles durchschlüpfen will.

Der Expertenausschuss für Verschreibungspflicht tagte vor kurzem, und ich habe das Gefühl, dass unter diesen vermeintlichen Experten auch einige Rindviecher mit ordentlich Stroh im Kopf sind. Die „Pille danach“ soll ohne Arztbesuch und ohne Rezept in Apotheken frei zugänglich sein, verlangten die Befürworter. Angeblich gebe es keine medizinischen Argumente, um die Rezeptpflicht zu begründen. Aha. Auch wenn ich kein Arzt bin – ganz ehrlich: Jeder Mensch weiß doch, dass die Pille kein Tic-Tac ist, sondern eine Hormonrakete, die auch nicht jeder problemlos verträgt. Ich stell mir nur mal vor, ein junges Mädchen reagiert allergisch auf den Wirkstoff und hält das nur für normale Teenie-Kreislaufprobleme. Und dann? „Tja, schwanger wurde ‘se nich, aber verreckt isse.“ Allein schon deswegen finde ich es irrsinnig, dieses Medikament ohne Beratung einfach auszugeben.

Mal davon abgesehen: Sind die medizinischen Argumente etwa die einzigen, die bei diesem Thema Gewicht haben? Wenn man die „Pille danach“ braucht, ist das in meinen Augen ein Notfall. Eine Ausnahme. Ich habe aber Bedenken, dass diese Sonderfälle zur Regel werden, wenn das Medikament frei zugänglich ist, ohne dass man das gefürchtete Gespräch mit einem Arzt führen muss. Das könnte dazu führen, dass man zu leichtfertig und unvorsichtig wird, weil man sich sowieso immer auf der sicheren Seite fühlen kann: „Ups, Pille vergessen! Egal – hol ich morgen halt die ,Pille danach’!“.

Die Rezeptfreiheit soll ganz unkompliziert eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Aber genauso verhindert sie, dass wir uns ständig bewusst machen, wie wichtig es ist, sich mit Verhütung und den Folgen einer Schwangerschaft beziehungsweise dieser Hormonbombe zu beschäftigen. Klar hat keiner Bock dazu, aber ich finde es sehr wichtig, dass man in so einem Notfall mit einem Arzt spricht und sich vor Augen führt, dass man nicht richtig verhütet hat, damit es nicht wieder passiert. Sonst kann man die „Pille danach“ ja gleich bei Rossmann verkaufen, gleich neben den Hustenbonbons. Dann würde der Einkaufszettel der Zukunft so aussehen: „Eine Flasche Shampoo, drei Schachteln ,Pille danach’, Kasten Bier, eine Tüte Chips...“ Ich finde, dieses Medikament sollte niemals zu irgendeinem Alltag gehören. Es muss die Ausnahme bleiben. Die Rettung, wenn man unvorsichtig war.

Ich kann die Argumente für die Rezeptfreiheit durchaus verstehen. In vielen anderen Ländern wird das schon so gemacht. Angeblich sinken dort die Schwangerschaftsabbrüche. Und die Hilfe ist schneller erhältlich als mit Arztbesuch. Das ist wichtig, weil jede Minute zählt, damit sie ihre volle Wirkung noch erzielen kann. Das sind Informationen, die Überzeugungskraft haben. Aber bei all diesen Fakten kommen die Gefühle und Gedanken zu kurz, die man hat, wenn man plötzlich mit einer eventuellen Schwangerschaft konfrontiert ist. Und genau die kann man sich nicht machen, wenn man mit Hilfe der „Pille danach“ alles ganz schnell wieder vergessen kann. Dabei sind diese Gefühle und Gedanken megawichtig, damit nie wieder so ein Verhütungsfehler passiert. Es stimmt auch nicht, dass es für uns weniger peinlich ist, die Tablette einfach so in der Apotheke kaufen zu können. Mit Beratung vom Arzt kann ich ein Rezept über den Tresen schieben. Ohne kann es auch dieses Szenario geben: Kalter Januar-Abend, Grippezeit. Du stehst in der rappelvollen Supermarkt-Apotheke, 20 röchelnde, schniefende Kunden hinter Dir, und die Apothekerin brüllt: „TACH! WAS BEKOMMEN SIE? ACH, SIE BRAUCHEN DIE PILLE DANACH ? WIE LANGE IST DER GESCHLECHTSVERKEHR DENN JETZT HER??“ Nein, danke.

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