Mein Leben mit Essstörung und Magersucht:

Ich will als Mensch leben - und nicht mehr als Krankheit.

chili-Reporterin Laura hat acht Jahre lang gekämpft – gegen ihren Körper, gegen ihre Gefühle, gegen ihr Leben. Und dann endlich auch gegen die Esstörung. Es war ein heftiger Kampf mit vielen Rückschlägen. Lest am besten selber:

chili-Autorin LauraVon Laura Nöh (20 Jahre) aus Heiligenfelde

chili-Autorin Laura

Nein, Heidi Klum und ihre Supermodels hatten keine Schuld. Und auch „die Medien“ waren ausnahmsweise mal nicht die Hauptverantwortlichen. Acht Jahre lang kämpfte ich gegen meine schwere Essstörung. Nach vier Klinikaufenthalten, Therapien bei neun Psychologen, zwei Krankenhauseinweisungen und dem Leben in zwei Einrichtungen für Essgestörte habe ich es heute geschafft, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich will nicht mehr als Diagnose auf zwei Beinen leben, sondern als Mensch, der ich zwar immer war, der sich selbst aber nie als solcher behandelt hat.

Irgendwo in meiner Kindheit liegt der Punkt, an dem es losging. Meine Eltern gaben sich viel Mühe, mein Leben sorglos und schön zu gestalten. Probleme hielten sie von mir fern. Wenn es mal welche gab, versuchten sie die hinter verschlossenen Türen unter sich auszumachen. Sie haben es gut gemeint. Sie wollten, dass ich mich sicher und sorglos fühle. Heute denke ich, Eltern sollten nicht so viel verstecken, sondern ihren Kindern ruhig auch mal was Unangenehmes zumuten. Sie sollten weniger Angst davor haben, uns schon früh zu erklären, warum Dinge sind, wie sie sind. Natürlich vorsichtig und kindgerecht. Denn Kinder sind die besten Spione, wenn es um das Aufspüren von unterdrückten Stimmungen und Problemen geht. Und wenn man merkt, dass irgendwas nicht stimmt, aber nicht darüber geredet wird, fühlt man sich ausgegrenzt und unsicher, ob man seinen eigenen Beobachtungen und Empfindungen trauen kann.

Das war bei mir auch der Fall. Ich sah, wie mein Umfeld mit Sorgen und eigenen Gedanken umging, und so entwickelte auch ich die Eigenschaft, alles für mich zu behalten. Wenn ich unzufrieden, traurig oder ratlos war und nicht weiterwusste, gab es wenig, was dafür sorgte, dass ich mich besser fühlte. Eigentlich nur eins: Mich ablenken und etwas essen.

Essen wurde für mich zu einem Mittel, um mich zu beruhigen und schlechte Gefühle für eine Zeit zu vergessen. Wegen dieser Art der Bewältigung war ich in der Grundschule schon bald stabiler als die anderen Kinder. Das fiel meinen Mitschülern natürlich auch auf. Ihre Bemerkungen über mein Äußeres waren ein Grund mehr, mich zurückzuziehen und zu Hause das zu tun, was mich beruhigte. Essen ließ mich meine seelischen Verletzung eine Weile vergessen. Mit zwölf Jahren aß ich so viel, dass ich mich übergeben musste. Ich sah das allerdings nicht als ein Stoppzeichen an, sondern als einen neu entdeckten Vorteil. So konnte ich nach kurzer Zeit schon wieder etwas essen, was mich jedes Mal für einen kurzen Moment tröstete und körperlich zufrieden machte.

Ich fand das Brechen gar nicht mehr so schlimm. Im Gegenteil. Ich spürte förmlich, wie ich plötzlich sogar in der Lage war, meinen innerlich aufgestauten Druck zu lösen. Ich konnte mich trösten und und dann alles Schlechte wieder auskotzen. Ich war glücklich, dass ich endlich einen Weg gefunden hatte, alles essen zu können und trotzdem mein Gewicht halten, es sogar noch reduzieren zu können! Mir kam es vor wie eine riesengroße Stärke, mich und meinen Körper so kontrollieren zu können. Es war, als hätte ich keine Schwächen mehr. Ich fühlte mich unantastbar. Ich fühlte nichts Schlechtes mehr. Ich fühlte eigentlich gar nichts mehr. Und das fühlte sich toll an. Manchmal brach ich so heftig, dass ich Magenkrämpfe bekam. Das machte ich meist dann, wenn ich verletzt oder gekränkt war, und es half mir, diese miesen Gefühle zu vergessen. Das Kotzen drängte einfach alles in den Hintergrund.

Aber es kam, wie es kommen musste: Ich übertrieb es. Meine Mutter hatte wohl schon länger einen Verdacht, und als sie eines Tages früher als erwartet nach Hause kam, erwischte sie mich kotzend, hustend, zitternd, mit schmerzverzerrtem und verheultem Gesicht vor der Toilette.

Heute kann ich jede Reaktion meiner Eltern, die darauf folgten, sehr gut verstehen. Meine Mutter stellte mich zur Rede. (Mittlerweile erbrach ich bis zu 25 Mal am Tag.) Sie suchte Rat bei einem Kinderarzt, der mir in Einzelgesprächen erklärte, dass ich unter einer schweren psychischen Erkrankung leiden würde. Verständnislos bestritt ich das – wie viele andere mit einer Sucht. Aus meiner Sicht ging es mir gut, ich wollte weiter so leben. Ich hatte bis dahin auch noch nichts von den Folge-Erscheinungen verspürt. Ich ließ mich widerwillig überreden, trotzdem an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Außerdem wurde ein Familientherapeut beauftragt, die Spannung zu lösen, die sich durch meine Krankheit bei uns zu Hause gebildet hatten. Meine Art, mit mir selbst und meinen Gefühlen umzugehen, war zur Mauer geworden zwischen meinen Eltern, mir und der Realität.

Außerdem war ich in der „Blüte meiner pubertären Phase“, da ist das Verhältnis zu Eltern ja eh schwierig. Die Erwachsenen wurden immer mehr zu meinen Gegnern. Sie beobachteten mich beim Essen. Versuchten mir ständig zu erklären, dass es falsch war, was ich tat. Und bezeichneten mich als krank, was ich nicht einsah. Sie hatten Angst um ihr Kind, das sich selbst so schwer schadete, und das sie so liebten. Aber diese Liebe fühlte sich für mich an wie Kontrolle. Und der wollte ich entkommen. Verzweiflung, Wut und Misstrauen wuchsen auf beiden Seiten immer weiter, was unsere Beziehung noch mehr schwächte.

Wer bin ich eigentlich? Und wie sehen mich andere? Bin ich schön und schlank genug oder fett und hässlich? Ein Zerrbild von Jan-Christopher Hoffmann aus Nienburg

Als ich einen Schwächeanfall hatte wegen meines aufgebrauchten ElektrolytHaushalts, wies der Arzt mich ins Krankenhaus ein.

Eine Schwester sagte zu mir, wie bescheuert ich doch sei, mein Essen zu erbrechen. Es waren Worte, die mich treffen und aufrütteln sollten. Das taten sie auch. Aber ich konnte nicht damit umgehen. Ich wusste nicht, was ich fühlen und wie ich mich jetzt verhalten sollte. Es gab für mich nur gut und schlecht, und ich wusste nicht, was davon jetzt was war. Ich konnte mich selbst nicht verstehen. Einerseits wollte ich stark sein und so wirken. Auf der anderen Seite ballten sich der Druck meiner Familie, mein Selbsthass, die Hänseleien in der Schule, mein Stolz, die Aussagen der Mediziner, Ekel, Verzweiflung und das Wissen, dass wirklich was nicht stimmt mit mir, dass ich mich echt nicht normal verhalte. Dieses Gemisch schien sich immer weiter auszudehnen. Es machte mir ein schlechtes Selbstwertgefühl und brachte viele Fragen, die ich mir nicht mehr beantworten konnte.

Ich solle reden, sagten die Ärzte, die Psychologen, eigentlich alle. Das tat ich dann auch in der Selbsthilfegruppe. Aber ich wusste einfach nicht wie. Irgendwann bat mich die Therapeutin, die Gruppe zu verlassen.

Mittlerweile erbrach ich Blut. Ein weiterer Krankenhaus-Aufenthalt und viele Sorgen meiner Eltern später, war ich bereit, in eine geschlossene Klinik zu gehen. Fünf Monate verbrachte ich dort in Gesellschaft von sieben magersüchtigen jungen Frauen. Ich lernte Tipps und Tricks, mein Umfeld zu täuschen. Und dass Hungern noch eine ganz andere Dimension der Kontrolle ist. Nun war also auch die Magersucht zu meinem Wegbegleiter geworden. Fünf Monate später schaffte ich es, meine Eltern davon zu überzeugen, mich nach Hause zu holen. Meine Mitpartientinnen schnitten oder verletzten sich so schwer, dass auch meine Familie meinte, ich würde in der Klinik noch kränker. Aber ich hatte mich verändert. Zuhause wohnen war so nicht mehr möglich, also zog ich kurz vor meinem 16. Geburtstag in eine Einrichtung des Betreuten Wohnens nach Bremen. Ich hoffte, dort mit psychotherapeutischer Begleitung ein neues Leben beginnen zu können.

Drei Jahre schwankte ich zwischen bulemischen und anorektischen Phasen – ich fraß und kotzte oder hungerte gnadenlos im wilden Wechsel. Teilweise gab ich bis zu 100 Euro täglich allein für Nahrungsmittel aus. Ein weiterer Klinikaufenthalt in Bad Bramstedt gab mir die Chance, diesen Teufelskreis für einige Monate zu unterbrechen. Ich lernte dort, welche verschiedenen Arten von Gefühle es gibt und wie wichtig geregeltes Essverhalten ist.

Zurück in Bremen, bekam ich leider keine direkte Anbindung an eine psychatrische Behandlung. Und die Krankheit kam mit voller Wucht zu mir zurück.

Wieder ging es nach Bad Bramstedt. Und dieses Mal bewegte sich tatsächlich etwas. Ich wurde mir zum ersten Mal wirklich meiner Erkrankung und ihrer Gefahr bewusst. Und mir wurde klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich beschloss, in eine Einrichtung für essgestörte junge Frauen in Bielefeld zu ziehen.

Dort herrschte die totale Kontrolle. Drei Haupt- und vier Zwischenmahlzeiten waren vorgeschrieben. Nach 21 Uhr durfte man auch als Volljährige das Haus nicht mehr verlassen. Jede Bewegung und jedes Verlassen des Hauses wurde kontrolliert, um heimliches Joggen zu verhindern. Magersüchtige und Bulemikerinnen wurden gleich behandelt – was ich für einen Fehler halte, denn die Krankheiten und ihre Symptome unterscheiden sich ja sehr. Auch sonst war Individualität kein Thema. Es wurde pädagogisch streng nach autoritärem Lehrbuch gearbeitet. Regeln, Regeln, Regeln.

Weil ich eine starke Abneigung gegen Ungerechtigkeit habe und es mich nervte, wie meine Mitbewohnerinnen und ich darunter litten, begann ich, viele dieser Regeln zu brechen. Und ich animierte auch die anderen Mädchen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, anstatt kritiklos allen Richtlinien zu folgen.

Es dauerte nicht lange, bis die Betreuer mich als die Übeltäterin ansahen, die Unruhe in den Ablauf brachte. Sie versuchten, mich von der Gruppe zu isolieren und ignorierten meine Kritik. Ich sollte keine Fragen mehr stellen, aufhören, nach dem Sinn ihrer Arbeit zu suchen und alles zu hinterfragen.

Ich fühlte mich regelrecht gemobbt, wurde krank und entschied, ein weiteres Mal in die Klinik zu gehen. Dieses Mal war ich in einer Allgemeinen Klinik und traf auf wunderbare Menschen, die alle eine belastende Vergangenheit hatten. Da traute ich mich auch, mich zu öffnen. Ich erzählte von mir, und dass alles, was ich anfing, zum Scheitern verurteilt wäre. Meine Mitpatienten bauten mich auf und gaben mir Mut.

Ich entschloss mich, mein Leben wieder selbst anzupacken und aus der Einrichtung mit den strengen Regeln auszuziehen. Am Abend meiner Abreise standen alle Mitbewohnerinnen vor meiner Tür und baten mich zu bleiben. Fünf von ihnen haben direkt danach den gleichen Schritt ins Leben zurück gewagt. Das macht mich stolz, denn ich weiß ja aus eigener Erfahrung, dass man eine Suchterkrankung wirklich nur dann bezwingen kann, wenn man es aus eigenem Willen und Antrieb heraus tut. Die Macht des eigenen Verstandes ist stärker als jede Grenze und jede Regel, die einem gesetzt wird.

Um mein Leben zu ändern, musste ich spüren, dass ich verstanden werde. Erst dadurch hatte ich selbst die Möglichkeit, mich und meine Sucht zu verstehen. Es war wichtig, dass ich auf Leute traf, die mich nicht nur als Patientin mit dieser Krankheit sahen. Sondern eben auch als Mensch, der mehr ist als seine Symptome. Wir haben doch alle irgendwelche Probleme und versuchen, damit umzugehen. Und manchmal bemerken wir halt nicht, dass unser Weg nicht der richtige ist. Oder wir bemerken es zwar, wissen aber nicht, wie wir es anders machen sollen. Diese Leute jedenfalls, die mich trotz meiner schwierigen Krankheit ernst nahmen, waren für mich der Auslöser. Heute mache ich autogenes Training, um mit Stresssituationen klarzukommen. Ich erarbeite mir Stück für Stück Ziele, die ich erreichen kann. Das strukturiert mich und stärkt mein Selbstbewusstsein. Inzwischen bin ich aber auch soweit, dass ich akzeptieren kann, dass manches auch mal nicht klappt. Und dass es kein unentschuldbares Versagen ist, wenn mal nicht alles perfekt ist, sondern menschlich. Wir dürfen Fehler machen. Das ist sogar wichtig und gut.

Rubriklistenbild: © Zeichnung: Jan-Christopher Hoffmann

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