Was bringt uns die ewige Suche nach dem Perfekten?

Am Ende müssen wir selber entscheiden, wer oder was für uns perfekt ist.

Sex sells. So ist es, so wird es immer sein. Es gibt kaum was anderes, das Menschen so interessiert. Nackte Haut, Fleischeslust – im Fernsehen, auf Plakaten, in der Disco, sogar in der Schule und Uni. Überall sehen wir entblößte oder zumindest halbnackte Körper. Ist das schlecht? Ich weiß es nicht.

Die Medien, so sagen viele, verderben uns, sie zeigen ein verqueres Bild. Aber mal ehrlich: Wir wollen das doch. Wir wollen Mädels wie Kate Moss, Selena Gomez, Megan Fox und Mila Kunis. Oder Typen wie Cristiano Ronaldo, Robert Pattinson und Taylor Lautner. Jeder möchte so aussehen – besonders die, die das Gegenteil behaupten.

Wir lieben die Ästhetik, das ist nicht verwerflich. Sie sollte uns bloß nicht zu wichtig sein. Die wenigsten Jungs im Teenageralter haben den Body von Cristiano Ronaldo. Kein Grund, sich dafür zu schämen. Nehmen wir meinen lieben Freund Alex, den chili-Kolumnisten, heute auch wieder hier unten auf der Seite. Wer die Bademoden-Seite mit ihm als Model verpasst hat, ist wirklich selber Schuld. Es ging um aktuelle Schwimmbadwäsche – für Mädchen, wohlgemerkt. Aber die Mädels im chili-Team trauten sich nicht. Also zwängte sich Hüftgold-Model Alex vor Zehntausenden von Zeitungslesern in viel zu knappe Bikinis. Mehr geht nicht, der absolute Gipfel der Peinlichkeit. Aber verdammt: Wir brauchen mehr solcher Helden! Ich hab Alex dafür gefeiert.

Was hat ein Typ wie er am Strand zu verlieren nach so einer Aktion? Was soll ihm jetzt noch passieren?

In gewisser Weise hat der Junge sich geopfert. Es gibt bestimmt viele, die lieber ein hübsches Mädchen auf der Seite gesehen hätten. Aber genauso viele waren sicherlich froh, dass sie kein braungebranntes, athletisches Topmodell, sondern einen blassen, unspektakulären, etwas untersetzten Durchschnittskörper präsentiert bekamen. Hin und wieder tut es halt gut zu wissen, dass nicht jeder perfekt ist. Und vor allem tut es gut zu wissen, dass man sich dafür nicht zu verstecken braucht.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters – und endet längst nicht beim Aussehen. Sobald jemand ein gesundes Selbstwertgefühl hat, muss er sich um seine Attraktivität keine Sorgen mehr machen. Ohnehin sind es doch eher die kleinen Dinge, die einen Menschen interessant werden lassen. Die Art, wie jemand spricht. Oder wie er denkt, sich bewegt, die Worte wählt und ein Gespräch lenkt. Gestik und Mimik spielen eine große Rolle.

Ganz im Ernst: Für eine Nacht mit meinem Mädchen würde ich auf Tausende mit Megan Fox verzichten. Ästhetik ist eben doch nicht immer alles. Ein Plakat bleibt ein Plakat, und das ist auch gut so.

Neulich regte sich ein Freund von mir auf, dass der Schönheitswahn – vor allem unter Kindern und sehr jungen Jugendlichen – immer bedenklicher werde. „Stell Dir vor“, sagte er, „gestern hab ich zufällig in den ,Tigerentenclub’ gezappt. Da waren achtjährige Mädchen, alle total überschminkt! Und beim Quiz fragt der Moderator, welche drei Buchstaben das Handy auf Taste fünf hat.“ Oh je. „Und wusste jemand die Antwort?“ – „Alle“, antwortet er. „Wie aus der Pistole geschossen!“ Das ist schon traurig.

Kurz danach saß ich mit einem Mädchen in einer Cocktailbar. Meine anfängliche Sorge, ich käme vielleicht etwas langweilig rüber, konnte ich schnell über Bord werfen. Unter Teenagern scheint das völlig normal zu sein: Permanent, wirklich permanent, tickerte Madame auf ihrem Handy rum. In der Hoffnung, sie möge vielleicht irgendwann aufwachen, unterhielt ich mich schon mit Leuten am Nachbartisch. Keine Reaktion.

In so einem Fall hilft auch das beste Aussehen nichts. Ich glaube, mir hätte sonstwer gegenüber sitzen können – solange die Person ein Handy gehabt hätte, wäre es wohl kaum anders gelaufen.

Um einen wirklich perfekten Abend zu erleben, muss man mit einem perfekten Mädchen verabredet sein. (Oder mit einem perfekten Typen, je nachdem.) Ein perfektes Mädchen sollte mir hauchdünn überlegen sein, sowohl intellektuell als auch in Punkto Selbstbewusstsein. Besonders von Bedeutung ist die nonverbale Kommunikation. Läuft das Date gut, müssen bestimmte Dinge erst gar nicht angesprochen werden. Beide wissen: Das Handy bleibt heute aus.

Und Aufmerksamkeit ist für mich die Grundlage eines guten Dates. Meine Begleitung darf mich genauso wenig unterbrechen wie ich sie. Unsere Augen ruhen auf dem Gegenüber – ein Kellner oder ein Bekannter, der zufällig vorbeikommt, trennen diese Bindung nur für Sekunden. So muss es laufen.

Genauso gehören zu einem guten Date diese kleinen, besonderen Momente. Die Spannung am Anfang und die Lust darauf, immer mehr vom anderen zu erfahren. Während sie spricht, haften meine Augen an ihren Lippen. Ich versuche, ihren Duft zu riechen, sauge ihren Atem ein.

Mein Wunsch wäre natürlich, dass sich das im Laufe der Zeit, vielleicht sogar im Laufe der Jahre, kaum ändert. Dass nur die Spannung der Gewissheit weicht, den anderen jetzt besser zu kennen. Wenn sich dann die Blicke treffen und beide in Erinnerungen schwelgen, ist das nicht nur ein kleiner, sondern ein großer, perfekter Augenblick.

Aber was heißt schon perfekt? Gerade, weil solche Momente selten sind, scheinen sie so herauszustechen.

Zurück zur Realität: Natürlich sind perfekte Dates utopisch. Meistens ist man aufgeregt, schaut nervös in der Gegend rum, zuppelt an der Tischdecke rum oder stellt bescheuerte Fragen. Wem kann man das verübeln?

Am Ende müssen wir selber entscheiden, wer oder was für uns perfekt ist.

Ich zumindest habe aufgehört, danach zu suchen. Die Suche nach Perfektion endet in Enttäuschung. Vielleicht sollte man den Moment genießen – sowohl den perfekten, als auch den kuriosen mit einem Mädchen, das die ganze Zeit auf ihr Handy starrt.

Natürlich würde ich am Ende trotzdem mit Kate, Selina, Megan oder Mila ausgehen – nur eine feste Beziehung oder sogar eine Hochzeit, die wäre höchstwahrscheinlich nicht drin. Sowas kann ich mir nur mit einem normalen Mädchen vorstellen. Das wäre für mich perfekt. Sorry, Ladys.

Jan-Philipp Schmidt aus Twistringen

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