„Meine Beine brennen wie Feuer“

Marcel Barth ist 23 und Profiradsportler.

Gera - Der Gong läutet zur letzten Runde. Marcel Barth duckt sich über den Lenker seines  Rennrads. Er holt tief Luft, beißt die Zähne zusammen und tritt mit voller Kraft in die Pedale. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schießt er um die Kurve, Reifen an Reifen mit zwei anderen Fahrern. Seine Beine stampfen im Stakkato. Dann: die letzten Meter. Marcel jagt über die Ziellinie – und reißt die Faust in die Luft. Schlussspurt geglückt, die Menge jubelt...

Beim Bremer Sechs-Tage-Rennen traten einige der weltbesten Radsportprofis an. Unter ihnen: Marcel Barth (23) aus Gera in Thüringen. Ich treffe ihn kurz nach dem Finish im Fahrerlager. Er liegt lässig auf einer Bank und lässt sich die muskulösen Beine massieren. Sein Brustkorb bewegt sich gleichmäßig auf und ab. Trotz des Sprints vor wenigen Minuten wirkt er schon wieder entspannt. „Alles eine Frage des Trainings“, lacht Marcel. „Zehn Minuten Pause, danach kann’s weitergehen.“ 

Seit dem 13. Lebensjahr verbringt Marcel so viel Zeit wie möglich auf Fahrrädern. Was als Zeitvertreib nach Schulschluss begann, entwickelte sich zum Mittelpunkt in seinem Leben. Heute ist er 23  und war schon in vielen Städten im Ausland, von Moskau über Kalifornien bis Buenos Aires.  

2003 wurde er deutscher Juniorenmeister im Straßenrennen. Bei der Junioren-Bahnrad-Weltmeisterschaft in Moskau gewann er mit 14 Jahren die Silbermedaille. Ein Jahr später siegte er bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Los Angeles. „Ich möchte unbedingt mal an einer Weltmeisterschaft oder an den Olympischen Spielen teilnehmen“, sagt Marcel. Von der „Tour de France“ hält er wenig. „Diesen Traum hab ich aufgegeben. Die Fahrer – viele von ihnen hatte ich früher als Idole – waren alle positiv.“ Positiv auf Doping getestet worden…

Marcel gibt den Medien eine Teilschuld am Image-Verlust des Radsports: „Zu dieser Zeit habe ich schon mal ans Aufhören gedacht“, aber mittlerweile ist der 23-Jährige wieder mit vollem Herzen dabei.  Gestürzt ist Marcel schon oft: „Knochenbrüche, Prellungen, Schürfwunden, das gehört dazu, passiert aber nur circa ein Mal im Jahr – meistens, weil die Kette reißt.“

Schmerzen sind ein täglicher Begleiter seiner Arbeit. Nicht nur bei den Rennen, auch beim Training reizen die Profis ihre Belastbarkeit bis aufs Äußerste. „Meine Beine brennen wie Feuer. Die Lunge scheint zu platzen. Selbst meine Arme kommen mir tonnenschwer vor“, erzählt Marcel.

Warum setzt er sich dieser Tortur aus? „Der Erfolg fühlt sich genial an“, antwortet er knapp. Sind die Qualen überwunden, beflügele ihn ein Glücksgefühl. Dafür nimmt der 23-Jährige einiges in Kauf. Das Training dauert jeden Tag bis zu sieben Stunden. Bei so viel Sport dürfte wenig Zeit fürs Privatleben bleiben… „Meinen Freundeskreis habe ich ohnehin im Radsport. Wir Fahrer sind mehr als nur Kumpels“, sagt Marcel. Auf der einen Seite sieht er seinen Beruf als Herausforderung, „aber man darf die Lockerheit nicht verlieren. Ich hatte Phasen, wo ich versucht habe, diszipliniert zu sein. Irgendwann merkte ich, dass ich daran kaputtgehe. Auf Ernährungspläne scheiß ich mittlerweile.“

Demonstrativ kramt er eine Packung Schokoladenkekse aus seiner Sporttasche. „Wenn ich mal am Wochenende Zeit habe, feier ich auch ziemlich ausgelassen“, grinst er. „Ich trinke selten, aber dann richtig.“ Selbst während des Sechs-Tage-Rennens ging er nach der Arbeit noch aus: „Ich bin Single, die Hotelbar ist geöffnet, und Bremen hat nette Mädels“, lacht er. 

Bis etwa zum 40. Lebensjahr ist eine Karriere als Radprofi möglich. Was danach kommt, möchte Marcel auf keinen Fall dem Zufall überlassen: Eine Ausbildung zum Polizisten hat er schon absolviert. Dafür war er 2004 extra der thüringischen Sportfördergruppe der Polizei beigetreten. Diese Sportfördergruppe soll jungen Spitzensportlern ermöglichen, ihre sportliche Karriere zu verfolgen und gleichzeitig eine Berufsausbildung zu machen.  Marcel steht auf, um mir sein Rennrad zu zeigen. Gleich muss er zurück auf die Bahn, der Moderator kündigt schon die nächste Runde an.

Jan Schmidt (23 Jahre) aus Twistringen

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