Comic-Trash-Revue

Perfekt politisch inkorrekt

Über Juden, Dunkelhäutige und Behinderte lachen geht nicht? Doch klar! Bei "Süd Park" - einer Theaterhommage an die Serie "South Park" - geht alles.

Von Philipp Schockenhoff  aus Wietzen

Dem Mann mit dem Pornobalken im Gesicht fehlt nur noch ein Buchstabe, um 10.000 Euro bei „Glücksrad“ zu gewinnen. Das Wort, das der Schnauzbartträger sucht, hat sechs Buchstaben, und vor ihm stehen: ein N, ein freier Platz, zwei Gs, ein E und ein R. Noch den einen Buchstaben, und er kann mit einem Haufen Kohle nach Hause gehen!  Als Hinweis bekommt er die Information: „Braun, süß und sollte in keinem Haushalt fehlen.“ Mann! Das kann doch nicht so schwer sein... Der Moderator versucht zu helfen und sagt mit einem Augenzwinkern: „Auch meine Frau nascht gerne mal dran.“

Dem Schnauzbart-Mann dämmert es. Er löst. Und sagt ein Wort, das seinen Sohn Stän zu Hause am Bildschirm zusammenbrechen lässt und ihn am nächsten Tag in der Schule für alle dunkelhäutigen Mitschüler zum Abschuss  freigibt.

Dem ein oder anderen mag die Szene vielleicht bekannt vorkommen aus der Serie „South Park“, die von vielen Menschen nur für eine kindischen Ansammlung von Schimpfworten gehalten wird – aus meiner Sicht zu Unrecht. All diese Leute können sich zurücklehnen, denn diese Szene stammt aus dem Theaterstück „Süd Park“, das gerade im Ballhof 2 zu sehen ist. The-aaa-ter, Leute! Das ist Kunst!

Die Aufführung hält sich mit Tabus gar nicht erst auf. Es hagelt Witze über Juden, Dunkelhäutige, Homosexuelle, Behinderte – über alles. Kann man das dann noch als Diskriminierung einzelner Gruppen bezeichnen?

Und es steckt weit mehr Intellekt hinter den Szenen, als der Mann zwei Reihen vor mir dem Stück zugestehen will. Während die meisten – natürlich jüngeren – Zuschauer den Tiefsinn hinter dem Humor sehen und lachen, ist er eineinhalb Stunden lang damit beschäftigt, mit verschränkten Armen angewidert den Kopf zu schütteln. Zum Beispiel über die drei albernen Erwachsenen, die Achtjährige verkörpern, über die Bühne turnen und den Song „Lutsch meinen Schwanz“ von Kool Savas rappen. Sogar die Frauen im Publikum lachen über die  heitere Ausschüttung vorpubertärer Männlichkeitshormone. Die ein jähes Ende hat, als Stäns Freundin erscheint. Die Jungs kriegen erst mal ordentlich den Arsch voll. Sie zwingt sie, Perücken zu tragen und verkündet die Machtübernahme der Frauen. Bald, so droht sie, hieße es Papstin, Gottin, und die Frauenquote für Straßennamen wird eingeführt – Frauinnen der Welt, vereinigt Euch!

Ich bin begeistert, dass professionelle Theaterleute einem Stoff wie „South Park“ so viel Arbeit, Geist und Liebe widmen.  Diese Comic-Trash-Revue ist einfach wundervoll anzusehen!

Die Figur „Kenni“ stirbt auch im Theater mehr als ein Mal. „Kartmän“ ist ein Rassist, aber eigentlich eine Heulsuse. Der Lehrer hat eine kleine Handpuppe, beleidigt andere als Schwuchteln und hat eine schräge Art zu gehen, bei der sich die Beine kaum bewegen. Offensichtlich hat sich endlich mal nicht irgendein Regisseur gedacht: „Ich mach mal ein Jugendtheaterstück mit sozialpädagogisch wertvoller Aussage“ – hier hat jemand wirklich seine Hausaufgaben gemacht und mal ordentlich ferngesehen!

Natürlich sollte man, um das Stück völlig genießen zu können, schon etwas in der Materie von „South Park“ drinsein. Sonst empfindet man manche Witze vielleicht als anstößig. Zum Beispiel die Szene, in der per Wettschwimmen entschieden wird, ob der im Rollstuhl sitzende Timmy im Synchronschwimmteam mitmachen darf. (Natürlich nicht.)

Die Darsteller spielen allesamt großartig. Aber an den Charakter des Außenseiters „Butters“ – gespielt von Tina Haas – verliere ich sofort mein Herz. Als „Butters“ von seiner Wunschwelt singt. In der es noch keine Smartphones gab. Da haben ihn die anderen zwar noch verprügelt – aber immerhin haben sie ihn beachtet.

Nur der Mann zwei Reihen vor mir will immer noch nicht bemerken, dass hinter all dem Sarkasmus und der  Ironie Aussagen stecken. Egal – mir macht der Mut und die Kreativität dieses Theater-Ensembles Hoffnung für die deutsche Kulturlandschaft. Solange es solche Stücke gibt, wird sie nicht spießig, langweilig und nur was für alte, hochintellektuelle Säcke.

Vermutlich werden nicht viele Lehrer mit ihrer Klasse in ein Stück gehen wollen, in dem Worte wie „Fotze“ gesagt werden oder Kinder explodieren, nachdem ihnen der Hintern verstopft wurde, um den Treibhauseffekt zu stoppen. Schade. Denn mit so einem Stück würden sie mal erreichen, dass Schüler Interesse entwickeln, ins Theater zu gehen.

Hinter der Fassade der Beleidigungen und den beißend-bösen Witzen geht es um das Thema „Political Correctness“. Wie weit sie geht, was für seltsame Auswüchse sie annimmt und weswegen wir uns mal überlegen sollten, wann sie so krampfig wird, dass sie eher das Gegenteil von dem erreicht, was wir eigentlich sagen wollten.

Warum sollen wir gestelzt klingende Konstrukte wie „Mensch mit besonderen Bedürfnissen“ für jemanden mit einer Behinderung benutzen? Weil es zu lang ist, um als Schimpfwort benutzt zu werden? Ist politisch korrekt nur, was kompliziert und lebensfern klingt? Wenn mich ein Freund als Fettsack bezeichnet – soll ich ihn dann verklagen und darauf bestehen, dass er künftig „kontra-normativ Gewichteter“ sagt? Schließlich will er mich doch beleidigen und nicht lediglich meine Körperform beschreiben.

Und warum führen eigentlich immer nur intellektuelle, priviligierte Leute diese Diskussionen? Warum fragt man denn nicht die betroffenen Gruppen selbst, wie sie genannt werden möchten?

„Political Correctness“ ist unter anderem deswegen so schwierig, weil es dabei vor allem um Gefühle geht. Und da gibt’s ja kein Richtig oder Falsch. Den einen Homsexuellen stört’s nicht, als schwul bezeichnet zu werden, für den anderen kann das der Gipfel der Gemeinheit sein.

Es gibt keinen kollektiven Entscheider für jede Gemeinschaft. Man müsste jeden persönlich fragen. Der PC-Kodex soll das Problem vereinfachen. Das tut er aber nicht. Er verkompliziert es.

Auch darum sollte man sich „Süd Park“ ansehen und darüber nachdenken und sprechen, wie weit „Poltical Correctness“ für einen selbst gehen soll und wann sie lächerlich wird. Also an alle Lehrer, die einen Kulturtag planen – los, traut Euch!

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