Beim „Drachenfest“ in Diemelstadt wird aus Fantasie Wirklichkeit

Von Tobias Schmidt (21 Jahre) aus Syke -  Endlich! Auf diesen Moment habe ich seit Monaten hingefiebert, und mein Herz krampft sich heftig zusammen, als ich diesen Ort des Abenteuers wieder betrete.

Noch sieht’s aus wie ein riesiges Zeltlager, aber in wenigen Stunden wird sich alles in eine eigene Welt verwandeln, in der es Drachen gibt, Heere von Kriegern, uralte Schamanen, wunderschöne Lichtgestalten und böse Orks.

Das „Drachenfest“ – 4.500 Spieler aus ganz Europa treffen sich hier bei Diemelstadt in Hessen zu einem der größten und besondersten Live-Rollenspiele. Ich bin jedes Jahr dabei. Als „Tylsar“, der Söldner aus dem Lager des silbernen Drachen. Der Story nach gibt es neun göttliche Drachen, die jeweils für bestimmte Werte stehen. Jedes Jahr veranstalten sie ein großes Turnier und führen die, die ihnen folgen, in einen Wettkampf. Eine knappe Woche lang leben und kämpfen die einzelnen Lager für die Werte, für die sie stehen, entwickeln eine eigene Struktur, lösen Aufgaben und ziehen am Ende in eine große Schlacht. Die Drachen erscheinen auf dem Fest in der Figur von Menschen, sogenannten „Avataren“.

Um Euch einen Eindruck zu geben, wie das Leben in dieser Welt konkret aussieht, habe ich für Euch aus der Sicht meines LARP-Charakters Tagebuch geführt:

Mittwoch: Es ist soweit! Nach langer, mühseliger Reise habe ich den Ort des Turniers erreicht! Noch bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, erblicke ich das Lager des Silbernen Drachen. Er steht für den Anfang und das Licht. Ein Gefühl von Heimat überkommt mich, als ich die stolzen Flaggen der Truppe im Wind wehen sehe.

Die Musterung ist für mich als geschickter und gut gerüsteter Kämpfer mit Schwert und Schild kein Problem. Die Truppe zieht gleich mit dem Hauptmann in den Wald zum Trainieren. Danach gibt’s die erste Lagerversammlung, der „Kraftplatz“ wird geweiht – ein Ort direkt hinter unserem Tor, der den Spirituellen dient – als plötzlich wie aus dem Nichts eine Frau auftaucht. Sie ist überall mit blutigen Verbänden umwickelt und stolpert weinend über den Platz. Sofort nehme ich mein Schild und nähere mich ihr. Da richtet sie sich blitzschnell auf, zückt ein Messer und greift brüllend einen der Männer an, die neben mir stehen. Sie scheint von einem Dämon besessen zu sein. Während sie sich abwechselnd mit unheimlichen Kräften wehrt und wimmernd zusammenbricht, versuchen einige Magier im Lager, ihren Dämon auszutreiben. Ohne Erfolg. Sie stirbt in unserem Gefängnis.

Am Abend werden die Avatare aufs Fest gerufen. Mich durchfährt ein Schauer, als es heißt: „Ich rufe in diesen Kreis, um sich dem Streit zu stellen: Den, dessen Wort der Anfang ist. Den, in dessen Herz die Gnade regiert. Den, in dessen Schwert der Zorn herrscht. Ich rufe den Silbernen Avatar!“, und Gänsehaut überzieht meinen Körper, als mein ganzes Lager brüllt: „We are silver – we are the light!“

Mit diesem Ritual ist der Festfriede gebrochen. Überfälle eines anderen Lagers sind jetzt jederzeit möglich. Unser Tor bewachen heute Nacht die „Volkowen“, ein herrlich belustigendes Völkchen. Gute Krieger im Kampfe und immer mit einen „gratigsch Schnaps“ unterwegs! Nachdem ich genug „gratigsch Schnaps“ getrunken habe, gehe ich zu Bett. Gerade als ich liege, läutet die Alarmglocke. Im Nachthemd springe ich auf, schnappe mein Schwert und renne zu Tor. Zum Glück ist es nur eine räubernde Meute stinkender Orks, die nicht durchs geschlossene Tor kommt.

Donnerstag: In aller Frühe werden wir von unserem Hauptmann wachgebrüllt und ziehen zusammen mit dem Kupfernen Lager gegen Gold. Bevor wir das Tor einschießen, öffnen die goldenen Kämpfer es selber und stellen sich uns in der offenen Feldschlacht. Sie sind stark unterlegen, aber dann taucht das Heer des Roten Lagers von der Seite auf.

Bei einem verzweifelten Versuch, durch die Reihen zu brechen, werde ich schwer getroffen. Ich weiß für ein paar Momente gar nicht mehr, was geschieht. Doch dank der Künste eines Heilers bleibe ich am Leben. Die Schlacht ist verloren. Ich werde von zwei Kameraden zurück ins Lager gebracht und im Lazarett versorgt.

Bis zum späten Nachmittag ruhe ich, gehe in die Stadt und erwerbe für acht Kupfer eine Flasche Met. Zurück im Lager, herrscht Chaos. Es heißt, unser zweijähriges Bündnis mit dem Kupfer-Lager sei aufgelöst, die Gerüchteküche brodelt. Am Abend veranstalten wir mit Freunden einen Lieder- und Geschichtenabend. Was für ein Spaß!

Freitag: Am Morgen stellt das Lager mit Bestürzung fest, dass eine Kugel gestohlen wurde, die uns der Avatar gegeben hat. Es war unser Auftrag, sie zu beschützen, aber durch eine hinterhältige List wurde die Torwache überlistet.

Nichtsdestotrotz rüsten wir uns für ein Ehrenduell und ziehen gegen das Rote Heer. Wir kreisen die Gegner ein, als mich unerwartet ein Schlag auf die Hand trifft, sodass ich gezwungen bin, mein Schild runterzunehmen. Ein Fehler! Ein Pfeil trifft mich direkt zwischen die Beine – Panik! Ich taumele rückwärts aus der Schlachtreihe zu den Heilern. Mein Kettenhemd hat zum Glück das Schlimmste verhindert, der Pfeil verfehlte mein Gemächt knapp. An diesem Tag mache ich nur noch kleine Schritte.

Also besuche ich das Café „Hinkendes Einhorn“, helfe in der Küche, schneide Zwiebeln und lasse mein Kettenhemd beim Schmied reparieren. Am späten Nachmittag gehts mir besser, und wir rücken erneut aus. Es heißt, die Orks oder die „Horden des Chaos“ besäßen einen „Götterhammer“, mit dem es möglich wäre, Avatare zu töten. Wir stürmen beide Lager, aber finden nichts. Und weil es anfängt heftig zu gewittern, ziehen wir zurück.

Samstag: Mir schmerzt der Kopf. Durch die viele Aufregung hab ich wohl unterschätzt, wie sehr mich die Orks im Kampf wohl doch getroffen haben. Ich entscheide mich schweren Herzens, einen Antrag zu stellen, der Schlachtreihe heute fern bleiben zu dürfen.

Ich besuche Freunde der letzten Jahre und trinke mit ihnen Met. Es tut gut, überall im Lager von herzlichen Menschen umgeben zu sein, und mir wird umso mehr bewusst, warum ich für den „Silbernen Weg“ streite!

Zur 13. Stunde spricht unser Avatar zu uns. Er ist nicht sehr erfreut über die Leistungen des Lagers. Trotzdem motiviert er uns für die große Schlacht.

Über und über mit Verbänden zugepflastert, ziehe ich hinter der Schlachtreihe her gegen Orks und die „Horden des Chaos“. Unsere Armee schlägt die Orks mit Leichtigkeit vom Feld, überrennt das „Chaos“ – was für ein Anblick! Dann entfernt sich unser Avatar mit dem Banner vom Schlachtfeld, was heißt: Wir schließen den Sieg freiwillig aus. Eine kluge Tat. Unsere Ziele sind erreicht, und gegen die zwei großen Bündnisse aus Rot, Gold und Schwarz sowie Blau, Grün und Grau hätten wir ohnehin keine realistische Siegesaussicht. So werden wir für die Gegner uninteressant, und unsere verbliebenden Streiter können die Schlacht nach den Vorstellungen des „Silbernen Weges“ beeinflussen.

Es dauert nicht mehr lange – meine Verbandsvorräte sind fast aufgebraucht – da stehen nur noch das grüne und das blaue Heer. Grün überlässt Blau den Sieg, dann erklingen die Kanonenschläge, die das Ende verlauten lassen. Das „Jahr des Blauen Drachen“ wird ausgerufen. Ich kaufe mir noch eine Ausgabe der „Stimme des Herolds“, um die Nachrichten des letzten Tages zu erfahren, und gönne mir nach dem Abschlussritual einen letzten Abend mit sehr viel Hopfenwasser, Spaß und mit meinen silbernen Kameraden. Das Jahr wird mir lang vorkommen, bis wir uns endlich wiedersehen.

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