"Montreal" sind Headliner beim Neuenkirchener Open Air. Ein Interview:

„Unsere Körpersäfte behalten wir bei uns"

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Kotzen auf der Bühne, Gitarren zerkloppen, Hotelzimmer verwüsten - was erwartet man nicht alles von einer guten Punkrock-Band. Diese Ansprüche, dieser Leistungsdruck!  "Hirsch", der Bassist von "Montreal", klärt uns im Interview auf, was am Wochenende von ihm und seinen Jungs auf uns zukommt.

Dass der Hirsch das unangefochtene Lieblingstier unseres chili- Volontärs Rafael Kaluza  (21) aus Göddern ist, weiß in der Redaktion und in der treuen Leserschaft dieser Seite wohl jeder. Ständig prahlt unser Azubi mit seinem Fachwissen und schwärmt schon fast fanatisch von den Geweihträgern. Kein Wunder, dass er mit den Hufen scharrte, als ein echter Hirsch zum Interview bat. Der Bassist Sebastian Sievers – Künstlername: „Hirsch“ – bespielt seit mehr als zehn Jahren mit seiner Band „Montreal“ europaweit die Bühnen auf Konzerten und Festivals. Diesen Samstag kommt das Punkrock-Trio als Headliner zum „Neuenkirchener Open Air“. Ein paar Fragen vorab:

Am Samstag sind "Montreal" die Headliner beim Neuenkirchener Open Air. Und bei uns kannst Du Freikarten für das Festival gewinnen.

Moin, Hirsch – ich beneide Dich um Deinen Namen!

(lacht): „Ja, den Spitznamen hab ich, seit ich 14 bin. Es kommt selten vor, dass jemand meinen richtigen Namen benutzt. Das macht eigentlich nur meine Oma.“

Hast Du eine Verbindung zu dem Tier?

„Nein, ,Hirsch’ war in meiner Schulzeit so, wie man jetzt jemanden ,Horst’ nennt. Das hat mit dem Waldbewohner nix zu tun. Und ist eigentlich auch kein positiv besetzter Name. Erst später hat er an Würde gewonnen.“

Fandest Du den Spitznamen am Anfang scheiße?

„Nein. Ich finde es gut, wenn sich jemand Gedanken macht und einen Spitznamen ausdenkt. Es gibt ja mittlerweile – ganz traurig! – im Internet Generatoren, mit deren Hilfe man sich Spitznamen suchen kann. Wenn man keine Freunde hat, die einem einen geben, kann man sich da selber welche aussuchen. Ich bin natürlich froh, dass mir das erspart geblieben ist.“

Weißt Du, wer der größte Hirsch der Welt ist?

(Schluss jetzt. Die Redaktion greift ein: „Raffi, hör endlich mit diesen Hirschfragen auf! Das soll ein Musik-Interview werden!“)

„Hm... Das wird wohl ein kanadischer sein. Oder der Elch? Ist das ein Hirsch?“

Richtig! Es ist der Elch!

(Aus dem Hintergrund: „Kaluza! Es!! reicht!!!“)

„Perfekt! Ich werde oft von drittklassigen Spaßmachern Elch genannt. Insofern bin ich vertraut mit dem. Es gibt übrigens einen großen Irrglauben rund um das Tier: Ich werde oft gefragt: ,Hirsch, wo ist Dein Reh?‘ Das Reh ist aber gar nicht das Pendant zum Hirsch. Das ist die Hirschkuh. Und beim Reh der Rehbock. Ich bin entsetzt, wie oft ich auf solche falsche Kenntnisstände hinweisen muss. Das ist so, als wollte man Katze und Vogel verkuppeln – na gut, Fressfeinde sind sie jetzt nicht, aber ich glaube nicht, dass sie viel zusammen abhängen.“

Ja, das stimmt tatsächlich! Ich habe als Kind auch...

(„Schluss mit dem Rumgehirsche, gleich gibt’s was geballert! Band- Fragen – JETZT!“)

Mh... Kommen wir zu „Montreal“: Ihr spielt seit mehr als zehn Jahren zusammen Punkrock – über 600 Konzerte in 15 Ländern. Ist alles noch so wie am Anfang, oder gibt’s Abnutzungserscheinungen?

„Ein bisschen weniger Haare, und im Gesicht hat sich auch so einiges getan. Aber im Vergleich zu anderen Bands, die wir so beobachten: Ganz viele haben sich schon aufgelöst oder sehen mittlerweile sehr, sehr alt aus. Wir halten uns gut, sind fitnessmäßig im soliden Mittelfeld und spielen als eine von wenigen deutschen Bands noch in Originalbesetzung.“

Woran liegt das denn?

„Wir kennen uns schon seit 20 Jahren, und wir machen die Sachen, auf die wir wirklich Lust haben. Andere Bands fangen irgendwann an, auf Erfolg zu schielen und ihre Musik dem Mainstream anzupassen. Dann macht das aber keinen Spaß mehr. Und Geld ist für uns nicht der Grund. Da soll man sich ‘n anderen Job suchen.“

Gab es nie die Gefahr, dem Mainstream zu verfallen?

„Ab dem Moment, in dem mehr als 500 Leute Deine CD kaufen, hast Du den Mainstream-Vorwurf auf dem Tisch. Natürlich verändert sich in zehn Jahren auch der eigene Musikgeschmack, und für Außenstehende mag das ein oder andere Lied dann angepasster klingen. Aber wir hätten mehrfach die Chance gehabt, mit irgendeinem Produzenten oder Songwriter zu arbeiten, mit denen unsere Musik in eine andere Richtung gegangen wäre. Das haben wir nie gemacht. Wenn wir mit jemandem arbeiten, dann nur mit Kollegen, die verstehen, was wir machen wollen.“

Gab es mal ein Angebot, bei dem Ihr echt überlegt habt?

„Nee, denn es geht darum: Wenn sich die Fußnägel hochdrehen bei irgendwelchen Menschen – in der Musikbranche laufen einfach sehr viele Spinner rum – dann muss man aufpassen, dass man mit denen nichts zu tun hat. Ich glaube, dafür haben wir eine relativ gute Sensorik. Dass wir die erkennen und einen großen Bogen um sie machen.“

Was hat sich bei Euch denn trotzdem verändert in der ganzen Zeit?

„Ich hoffe, dass wir zumindest ein bisschen besser geworden sind. Wenn man jetzt Aufnahmen vergleichen würde von 2003 und von 2014, würde es mich schon schockieren, wenn man keinen Fortschritt hört.“ (lacht)

Gehen Dir Deine Bandkollegen Yonas und Max nie auf die Nerven, wenn Ihr ständig zusammen seid?

„Nein, auch wenn wir nach drei Wochen Tour nach Hause kommen, treffen wir uns gleich am ersten Abend freiwillig wieder und grillen zusammen. Es ist nicht wie bei anderen großen dreiköpfigen deutschen Bands, die quasi privat nichts mehr miteinander zu tun haben und nur noch für Touren zusammen reisen. Wir hängen auch privat sehr viel zusammen rum.“

Kennst Du solche Bands?

„Da kenne ich einige, aber ich will ja nicht lästern (lacht). Aber ich sage mal, eine große dreiköpfige, deutschsprachige Band, da kann man ja drauf kommen...“

Die Ärzte?

„Das ist jetzt eine Vermutung, die DU in den Raum wirfst. Es gibt aber wirklich mehrere Bands, die neben der Tour nicht mehr freiwillig zusammen rumhängen. Was ja auch okay ist. Man muss fairerweise ja auch sagen, wir sind erst zehn Jahre zusammen. Ich will nicht wissen, wie es nach 30 Jahren aussieht.“

Ihr macht Punkrock. Entsprecht Ihr auch abseits der Bühne dem Klischee von Punkrockern?

„Wir hängen nicht vorm Supermarkt rum und betteln um Dosenpfand, falls das die Vermutung ist.“

Ich meinte eher, ob Ihr Euch außerhalb von Konzerten daneben benehmt?

„Nee. Wir sind wohlerzogene Hanseaten, sagen Bitte und Danke; wir essen mit Besteck und rufen Mutti zum Muttertag an – so sieht’s aus. Aber manchmal – ich weiß nicht, ob ich das in der Zeitung so sagen darf – nasch ich noch nach dem Zähneputzen, dann fühle ich mich besonders verrückt.“

Zerlegt Ihr denn gar keine Hotelzimmer oder so?

„Nein. Und wenn, dann nur aus Versehen durch große Ungeschicktheit. Also: Wir feiern schon gerne. Und es kann auch mal was kaputt gehen, aber nicht mutmaßlich. Die ganzen Veranstalter sind so nett, geben sich viel Mühe und laden uns ein – da wäre es doch assig, wenn man denen die Sachen kaputt macht.“

Klingt alles sehr gesittet.

„Wir sind schon eine Feier-Truppe. Von den 600 Konzerten gab es vier, nach denen wir direkt schlafen gegangen sind. Aber wir machen nicht diesen Möchtegern- und nach Außen gekehrten Feier-Kram. Nach dem Motto: ‘Hier, wir müssen besonders viel Aufmerksamkeit erregen’“.

Wie wichtig ist für Euch der Inhalt Eurer Texte?

„Wenn Du englische Texte hast, kannst Du, grob gesagt, singen, was Du willst, da hört eh keiner so richtig hin. Deutsche Texte werden viel mehr auf die Waage gelegt, und ganz viele deutschsprachige Bands haben echt Fremdschäm-Potenzial drin. Ich finde, wir haben das bisher ganz gut geschafft zu umgehen, sodass man sich die Texte nach drei Jahren immer noch anhören und sie nicht peinlich finden kann. Dafür kriegen wir von unseren deutschsprachigen Kollegen auch sehr viel Lob.“

Welche deutsche Band hat das meiste Potenzial, was Fremdschämen für die eigenen Songtexte angeht?

„Sportfreunde Stiller-Texte find ich ganz, ganz schlimm! Die ersten Sachen noch nicht ganz so, aber die letzten zwei, drei Alben sind schon gruselig.“

Worum geht’s in Euren Texten?

„Wir versuchen, Geschichten aus dem Alltag zu vertonen, die aus so einem Blickwinkel noch nicht gemacht wurden. Die Art, wie etwas umgesetzt wird, ist wichtiger, als dass man irgendein Thema findet und ein Lied über Frösche macht, nur weil es sowas noch nicht gibt. Wir wollen die Sachen, die schon da sind und die jeder nachvollziehen kann, in eigene Worte fassen.“

Ihr habt Euch mit einer Patenschaft für eine Schule und gegen Rassismus eingesetzt. Ist das ein Thema?

„Nee. Anti-Nazi-Lieder sind auch immer ein bisschen peinlich, finde ich. Da gibt es eins oder zwei, die gehen – „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten ist gut, ansonsten ist das immer Parolen-Gedresche. Das wird dem ganzen Thema nicht gerecht. Die Form eines Liedes, was ja meist so drei bis vier Minuten ist, reicht nicht aus, um sich mit so großen Themen auseinanderzusetzen. Das wird dann oft sehr plakativ, plump und dadurch auch angreifbar. Anti-Nazi-Lieder, die es ja in Hülle und Fülle in der Punk-Szene gibt, finde ich meist zu dünn.“

Ihr wart schon mit vielen Bands unterwegs, unter anderem mit der Bloodhound Gang. Was habt Ihr von denen gelernt?

„Da hat man sich natürlich viel abgeguckt. Zum Beispiel die Art, wie die mit dem Publikum umgehen. Den direkten Draht zum Publikum haben wir immer sehr gepflegt. Was manche andere Bands ja gar nicht machen. Die sagen nur: ‘Guten Abend, Danke, Tschüss.’ Die Bloodhound Gang gehört zu den deutlich kommunikativeren Bands – das haben wir in der Zeit auch ein bisschen verinnerlicht.“

Die Bloodhound Gang ist auch dafür bekannt, ziemlich extrovertiert aufzutreten...

„Das ist richtig, das haben wir aber gelassen. Unsere Körpersäfte behalten wir bei uns. Da sind wir im Eifer des Gefechts nicht mit eingestiegen. Da waren wir auch froh, dass wir außen vor geblieben sind bei dem ganzen Schlamassel.“

Gibt es ein prägendes Erlebnis aus der ganzen Zeit mit „Montreal“, das Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

„Wir haben im ,Sonic Ballroom’ gespielt, einem kleinen Club in Köln. Gleich beim zweiten Lied kriegte ich das Mikrofon ungünstig gegen den Mund, ein großes Stück des Schneidezahns brach ab. Ich denke noch: Kein Blut, tut nicht großartig weh, Glück gehabt – da fällt noch im selben Lied ein Typ hinterrücks auf die Bühnenkante, alles spritzt voll Blut, der ganze Kopf ist auf, er muss ins Krankenhaus. Da hab ich gedacht: ,Oha, krass – das kann ja noch sehr lustig werden hier’. Daher heißt unser neues Album ,Sonic Ballroom‘. Und den abgebrochenen Zahn hab ich so behalten.“

Es heißt ja, Bassisten spielen ihr Instrument nur, weil sie zu doof zum Gitarre spielen sind...

„Richtig, da bin ich ein sehr gutes Beispiel für. Ich dürfte eigentlich nicht mal Bassist sein, wenn man streng ist.“

Eine Hirsch-Frage noch... 

(Redaktion: „Rafael – NEIN!!!“)

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