Zwischen Traumberuf und Totalausfall liegen nur ein paar Millimeter

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Symbolbild

Von Tobias Kortas. Auf einmal ist alles außer Kontrolle. Mein Herz beginnt, wild zu schlagen. Was um mich rum passiert, nehme ich schon längst nicht mehr wahr. Gerade liest der Prüfer die Namen der Bewerber vor, die den Computertest bestanden haben.

"Neeeein" - alles Lernen und Hoffen half nicht. Tobias fiel beim Computertest der Polizei durch.

Ich bin hier, weil ich gerne im gehobenen Dienst der Polizei Niedersachsen arbeiten möchte. „Wie lange habe ich auf diesen Moment hingearbeitet“, denke ich. „Und gleich wird er meinen Namen nennen. Bitte, bitte! Das muss einfach so sein!“

Als der Prüfer den „Tobias“ vorliest, macht mein Herz einen Sprung – aber es folgt ein fremder Nachname und nicht meiner. Ich warte weiter, die Anspannung wird immer größer.

Als der Mann den Zettel irgendwann sinken lässt, sind alle Namen der glücklichen Test-Absolventen vorgelesen. Meiner war nicht dabei. Wie kann das sein? Ich hatte mich doch so intensiv und gut vorbereitet!

Wenn es um die eigene berufliche Laufbahn geht, möchte man alles richtig machen. Deshalb suchte ich bei meiner Bewerbung alle möglichen Unterlagen über mich heraus – Geburtsurkunde, Abitur-Zeugnis, Lebenslauf, das Schwimmabzeichen, Praktiumszeugnisse und, und, und. Ich stellte alles sorgfältig zusammen – ein großer Aufwand. Aber den leistet man ja gerne, wenn man dadurch die Möglichkeit hat, seinem Traumberuf einen Schritt näher zu kommen.

Ich war glücklich, als ich die Einladung für den ersten Teil des Auswahlverfahrens, dem Computertest, bekam. Sofort fing ich an, für die Prüfung zu lernen – Tag und Nacht übte ich Rechtschreibung, Merkfähigkeit, Figuren- und Zahlenreihen fortsetzen, logische Schlussfolgerungen und Rechnen. Mein angefangenes Studium interessierte mich schon gar nicht mehr.

Einen Abend vor dem Test fuhr ich schon nach Hannoversch Münden in der Nähe von Göttingen, um pünktlich da zu sein. Und boah – war ich aufgeregt! Ich kam überhaupt nicht zur Ruhe. Andauernd schoss mir durch den Kopf, wie wichtig diese Prüfung für meine berufliche Zukunft ist. Und hatte Angst, was passieren würde, wenn ich während der Prüfung einen Hänger hätte und wie ich bei einem negativen Ergebnis dastehen würde.

Als der Test endlich begann, fühlte ich mich trotzdem fit. Gut vorbereitet war ich ja. Jetzt musste ich nur noch liefern.

Mein Puls beschleunigte sich, als die zirka 50 Bewerber, die an diesem Tag zusammen mit mir geprüft wurden, an den schlichten Tischreihen vor den Computern Platz nahmen.

Ich hatte den Eindruck, dass ich gut in die Prüfung hineinfand und einen großen Teil der Aufgaben souverän löste. Sogar die Figurenreihen, die mir anfangs beim Lernen Probleme bereitet hatten, gelangen mir unerwartet gut.

Alles, was ich gelernt hatte, klappte. Nur mit einer Aufgabe, dem „Postkorbtest“, hatte ich gewaltige Schwierigkeiten. „Mit Konzentration und logischem Denken schaff ich das schon“, hatte ich mir bei der Vorbereitung gedacht und diesem Aufgabenbereich nicht so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Ich hatte mich verschätzt.

Unter immer größer werdenden Zeitdruck kam ich einfach nicht weiter. „Das ist bei den guten Ergebnissen aus den anderen Aufgaben aber nicht schlimm“, beruhigte ich mich. „Das kannst Du locker ausgleichen.“

Nach dem Test wurden alle Prüflinge gebeten, den Raum während der Auswertung der Ergebnisse zu verlassen, um runterzukommen. Aber ich konnte mich nicht entspannen, mir spukten pausenlos Fragen durch den Kopf: Hat es wirklich gereicht? Oder bin ich nicht gut genug? Und was soll ich machen, wenn ich den Test nicht geschafft habe? Was wird dann bloß aus mir?

Verdammt noch mal, ich will doch nur, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat und ich die Sport-Prüfung absolvieren darf! Als Läufer und ehemaliger Leistungssportler würde ich beim 3 000-Meter-Lauf doch auf jeden Fall überzeugen können. Und bei dem mündlichen Test danach könnte ich schon geschickt für mich und meine Fähigkeiten werben. So viel war klar.

Aber leider kam es anders. Als mein Name auch nach noch so langem Zittern und erbitterten Hoffen nicht vorgelesen wurde, war ich wie gelähmt. War der ganze Aufwand umsonst? Wie soll es jetzt weitergehen? Das ist doch mein Traumberuf ...

Ich wollte nur noch weg, allein sein und vor mich hin trauern. Aber als der Prüfer den „nicht erfolgreichen Bewerbern“ anbot, ihre Test-Ergebnisse noch mal gemeinsam durchzugehen, musste ich dabei bleiben. Ich wollte einfach wissen, woran es gelegen hatte.

Für mein Selbstverständnis kam es knüppeldick: Der Prüfer kritisierte mich gar nicht, im Gegenteil. Er lobte mich und sagte, dass ich in vielen Test-Bereichen überdurchschnittlich gute Ergebnisse hätte. Ich war perplex. Warum bin ich dann draußen?

Weil ich in diesem verdammten „Postkorbtest“, den ich für nicht so wichtig gehalten hatte, die Erwartungen nicht erfüllte. Und weil alle Bereiche des Tests einzeln bewertet wurden, reichte diese kleine Aufgabe, um mich auszusortieren. Den Mitleidsblick und das „Schade“ hätte sich der Prüfer dann auch sparen können.

Am Ende bestanden nur 15 bis 20 Prozent der Bewerber die Prüfung.

So verbittert wie zu diesem Zeitpunkt, war ich sonst nur nach wenigen Extrem-Situationen in meinem Leben. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Man muss sich mal vorstellen, dass über die berufliche Zukunft, von der man träumt und für die man lange arbeitet, eine Prüfung entscheidet, in der ein einziger vermurkster zehnminütiger Teil das Knockout bedeutet! Als Mensch, der vor so einem für sein Leben wichtigen Termin vielleicht auch mal sehr aufgeregt ist, findet man in so einem Auswahlverfahren kaum Beachtung. Stattdessen geht es scheinbar nur darum, möglichst viele Bewerber zu selektieren.

Aus meiner Sicht ist so eine Auslese sehr fragwürdig. Ich glaube nicht, dass man durch das reine Lösen von Intelligenz-Aufgaben auf die Eignung für eine Arbeit schließen kann, die so viele Facetten hat wie der Polizeidienst.

Für mich war das aber der Punkt, an dem ich mich wieder hochziehen konnte. Ich hatte mich so aufgeregt, dass ich am Ende gestärkt aus meiner „Niederlage“ hervorgehen konnte. Solche Tests können einfach kein umfassendes Bild von den Fähigkeiten eines Bewerbers ergeben, und deshalb sollte sich niemand durch ein ungenügendes Testergebnis entmutigen lassen!

Ich habe jedenfalls aus dem Test gelernt, Erfahrung gesammelt und werde beim nächsten vielleicht nicht mehr so aufgeregt sein. Das Wichtigste ist, dass man nach einer Absage lernt, seinen Fähigkeiten und sich selbst wieder zu vertrauen. Schließlich geht es um die eigene Zukunft und den Traumberuf. Und es heißt doch, dass man im Leben immer mehrere Chancen bekommt.

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