Die Angst in den Augen

Syke - Ich gebe zu, ich musste erst noch einmal nachschauen, wie Tschernobyl geschrieben wird. Obwohl das Thema Atomkraft gar nicht so weit weg ist von meinem Alltag.

Seitdem ich denken kann, sehe ich von meinem Heimatdorf aus den Wasserdampf und die mächtigen Türme des Atomkraftwerks Biblis in Hessen. Meine Großeltern wohnen sogar in der Gefahrenzone A. Als Kind haben sie mir gezeigt, wo die Jod-Tabletten liegen – für den Notfall. Wahrscheinlich auch, weil ich Fragen hatte. Fragen, was Warwara denn hat und warum sie so oft ins Krankenhaus muss.

Warwara kommt aus Weißrussland, ist mittlerweile eine junge Frau und lebt in Deutschland. Als Kind habe ich mit ihr gespielt: Sie war ein Strahlenopfer des Super-GAUs von Tschernobyl! Meine Großeltern haben sie mehrere Jahre hintereinander für ein paar Wochen aufgenommen. „Weißt Du, Sina, wir müssen sie ein bisschen aufpäppeln, bevor sie zurück nach Weißrussland fährt!“, höre ich meine Oma noch heute sagen. Als Kind habe ich das alles noch nicht verstanden. Irgendwie war das doch weit weg.

Und jetzt? Jetzt stehen Wahlen in mehreren Bundesländern an, und wir können mitentscheiden, welche (Atom-)Politik wir in Zukunft möchten. Überall stehen Wahlkampf-Plakate, und nun – nach dem Atom-Desaster in Japan – schauen alle noch mal ganz genau hin. Die Parteien „Die Linke“ und „Die Grünen“ werben mit Anti-Atom-Plakaten und treffen damit natürlich den Nerv der Zeit.

Vor einem Monat sind mein Freund und ich nachts in Mainz, wo ich studiere, wegen eines Erdbebens aufgewacht – der Rheingraben ist tektonisch aktiv. Nicht oft, nicht schwerwiegend, aber immerhin: Gewissheit gibt es bei Naturgewalten nicht. Und sicher vor einem Terroranschlag sind wir sowieso nie – egal, wo das Atomkraftwerk steht. Die CDU setzt die AKW-Laufzeitverlängerung aus. Das müffelt mir zu sehr nach parteipolitischer Taktik. Ich bin skeptisch, wie glaubwürdig die schwarz-gelbe Regierung in Berlin ist. Ich will nach den Worten jetzt Konsequenzen sehen, und zwar noch vor der Wahl: Die alten Kernkraftwerke müssen vom Netz. Ein Ende von Biblis A ist zeitlich machbar bis zur Landtagswahl, so heißt es in der Presse.

Und meine Meinung generell zur Atomkraft? Es ist nicht so, dass ich Angst vor einem GAU in Deutschland habe. Aber jeder, der Atomkraft weiterhin unterstützt, ist für mich dumm oder gierig. Es ist unverantwortlich, solche Risiken in Kauf zu nehmen. Zumal die Strahlung auch nach dem Gebrauch anhält. Endlager ist in diesem Zusammenhang ein absolutes Unwort für mich. Es gibt kein Ende der Strahlung, es strahlt weiter, nur unter der Erde.

Natürlich sind wir eine Wirtschaftsnation und brauchen viel Strom. Aber wir sind auch Vorreiter bei den regenerativen Energien. Es geht auch ohne Atomstrom. Der Wille zählt. Und wer mit dem Argument kommt: „Das ist ein globales Problem. Wenn unsere Nachbar-Länder ihre Atom-Krücken nicht abschalten, bringt es nichts, wenn wir es tun“, dem entgegne ich: Doch, es bringt sehr wohl was! Es bringt kein schnelles Geld, aber hier geht es um existentielle Sicherheit.

Biblis A sollte eigentlich schon längst vom Netz sein. Dann kam die Laufzeitverlängerung. Das hat einige geärgert, aber sind auch Emotionen hochgekocht? Nein, die Menschheit vergisst leider viel zu schnell. In den Augen meiner Mutter sah ich aber noch die Angst von damals. Ich habe sie beim Mittagessen nach ihren Erinnerungen an den Super-GAU in Weißrussland gefragt: Sie war schwanger mit mir, und alle werdenden Mütter hatten Angst vor Missbildungen bei ihren Kindern! Ich bin gesund, aber ich erinnere mich noch gut an die geschwächte Warwara.

Sina Listmann (23 Jahre) aus Mainz

Ich hab eigentlich nicht besonders viel für die täglichen Nachrichten übrig – ständig neue Informationen über die aktuellen Geschehnisse in der Politik, mit denen ich mich noch nie intensiv beschäftigt und die ich daher auch noch nie richtig verstanden habe. Aber seit dem Horror-Beben und der dadurch ausgelösten Atom-Katastrophe in Japan verbringe ich viel Zeit vorm Fernseher und höre auch mal Deutschlandfunk statt Radio FFN. Ist die Angst vor einer Auswirkung der atomaren Strahlung auf Deutschland und somit auf mein persönliches Leben der Grund?

Ich selbst fühle mich durch das Szenario in Japan nicht gefährdet. Und dennoch bin ich zutiefst betroffen angesichts des Leids, das über die japanische Bevölkerung hereingebrochen ist und das mit jedem Tag mehr Menschen unter sich zu begraben droht. Bei jeder neuen Explosion in den Reaktoren des Atomkraftwerks in Fukushima hat sich mein Herz von Neuem zusammengezogen. Ich habe Angst. Angst vor dem, was da kommen mag. Und ich bin nicht die einzige, die zittert. Mit mir zittern meine Familie, meine Klassenkameraden, die jetzt genauso nervös die Nachrichten verfolgen wie ich und mit denen ich selten so hitzige politische Diskussionen geführt habe wie in diesen Tagen.

Besonders fassungslos macht mich der Gedanke, dass auch die Japaner, die sich jahrelang gegen Atomkraft eingesetzt und vor ihren nicht voraussehbaren Risiken gewarnt haben, nun genauso mit den Folgen konfrontiert werden wie diejenigen, die stets nur den Vorteil der Atomenergie gesehen haben oder sehen wollten. Unschuldige müssen leiden.

Durch den Atom-Schrecken scheinen die weiteren Folgen der Naturkatastrophe in Japan fast vergessen. Immer wieder muss ich mich daran erinnern, dass da nicht nur die Gefahr einer Vergiftung durch radioaktive Strahlung ist, sondern dass einige Menschen das atomare Desaster schon gar nicht mehr miterleben, weil das Jahrhundert-Beben sie bereits begraben hat. Und das sind nach bisherigen Schätzungen immerhin schon viele Tausende. Mit Bitterkeit denke ich dann, dass die Millionen Menschen, die jetzt obdachlos und frierend durch ihre verwüstete Heimat irren, fast noch Glück gehabt haben. Eine irre Vorstellung.

Das einzig Positive, das diese beispiellose Katastrophe mit sich bringt, ist wohl die Tatsache, dass die Gefahr der Atomkraft nicht nur in Japan, sondern auf der ganzen Welt endlich wieder ins Bewusstsein der Menschen und der Politik dringt. Die vorrübergehende Abschaltung einiger deutscher Atomkraftwerke ist wohl ein erster Schritt in Richtung verantwortbare Energiepolitik. Ich kann nur hoffen, dass nicht auch dieser Sinneswandel nur vorrübergehend ist.

Charlotte Klein (18 Jahre) aus Twistringen

Atomkraft – nein, danke? Eine schwierige Entscheidung. Einerseits gilt die Atomkraft als eine in der Produktion saubere Energie. Andererseits wird gerade in diesen Tagen deutlich: Sie ist gefährlich. Und nicht unter Kontrolle zu bringen. Jetzt also alle Atomkraftwerke in Deutschland sofort abschalten? Wäre das möglich? Gibt es dann noch genug Energie für meine Nachttischlampe, meinen Computer? Und was ist mit den vielen Arbeitsplätzen, die an der Atomwirtschaft hängen? Fallen die dann einfach weg? Ersatzlos gestrichen?

Trotz dieser Fragen: Die Atomkraft in Deutschland sollte abgeschafft werden. Alle alten AKW jetzt ausschalten, und die neueren innerhalb der kommenden zehn Jahre – das wäre die richtige Entscheidung. Nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch, weil die Entwicklung alternativer Energien, die Produktion durch Wind, Wasser und Sonne, so vielleicht noch schneller vorangetrieben wird. Und: In Deutschland gibt es Überkapazitäten an Strom. Es kann mehr produziert werden als die Menschen brauchen. Einige Atommeiler sofort abzuschalten, brächte also keine größeren Probleme.

Verzweifelte Menschen, die ich im Fernsehen sehe, machen deutlich: Es muss was passieren. Denn selbst in einer so gut entwickelten Industrie-Nation wie Japan ist das Risiko, das die Atomenergie birgt, nicht auszuschalten. Passieren kann immer was. Ob durch ein Erdbeben, einen Tsunami – in Deutschland wohl auszuschließen – oder aber durch Menschenhand, durch einen Terroranschlag. Und nicht zu vergessen: Ein Stromausfall, der in Japan letztendlich zu der Katastrophe geführt hat, kann auch in Deutschland passieren.

Auch anderen Argumenten der Befürworter, wie die der geringen Kosten, die die Atomkraft angeblich verursacht, kann ich widersprechen: Denn addieren wir allein den Betrag, den Jahr für Jahr der Polizei-Einsatz beim Transport von Atommüll verschlingt, kommt schnell eine hohe Summe zusammen. Auch die Erkundung von möglichen Endlagern verschlingt jede Menge Geld.

Und hier ergibt sich ein weiteres starkes Argument gegen Atomkraft. Denn es bleibt die Frage: Wohin mit dem Müll, der von den sauber Strom produzierenden AKW kommt? Wo der giftige Abfall tatsächlich entsorgt werden kann, ist immer noch fraglich. Allein wegen dieses Risikos bleibt nur eine Schlussfolgerung: Atomkraft – nein, danke!

Zu hoffen bleibt angesichts der aktuellen Debatte in Deutschland, dass sich die Nachbarländer ein Beispiel nehmen. Denn eine giftige Wolke macht vor Landesgrenzen nicht halt. Deshalb aber zu sagen: „Wenn die Nachbarn nichts machen, machen wir auch nichts“, ist die schlechteste Alternative. Einer muss sich bewegen. Wie beim Fußball: Stehen sich 22 Gegner starr gegenüber – „Erst mal gucken, was die anderen machen, bevor ich reagiere“ – kommt das Spiel nie in Gang.

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

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