„Als würde Bassum Raketen auf Syke schießen“

Markus Flohr

Syke – Markus Flohr ist in Syke aufgewachsen. In einer sauberen Kleinstadt, in einer heilen Familie, in einem gut situierten Elternhaus. Zum Studieren ist er für eineinhalb Jahre in ein Land gegangen, das ganz anders ist als Deutschland.

„Du bist Deutscher, Dein Großvater war ein Nazi, Dein Vater ist Pastor, und Du bist nicht mal beschnitten – ich fasse es nicht!“, sagte eine Freundin zu ihm. Was Markus, der seine ersten journalistischen Erfahrungen übrigens bei der Kreiszeitung Syke sammelte, sonst noch so erlebt hat, hat er in seinem Buch „Wo samstags immer Sonntag ist.

Ein deutscher Student in Israel“ beschrieben, das diesen Samstag erscheint. Es ist, sagt Markus, „an vielen Stellen satirisch, überhöht und komplett fiktiv“. Im Interview spricht der Autor über jüdischen Humor, große Nasen und die Schrecken des Kriegs.

Markus, sag doch mal: Was ist das Besondere an der Situation in Israel?

Oh mein Gott, das ist jetzt kompliziert (überlegt...). Ich glaube, einer der schwierigsten Konflikte ist, dass es zwei Völker gibt, Israelis und Palästinenser, die einen Anspruch auf das selbe Territorium anmelden. Einige innerhalb dieser beiden Gruppen tun so, als würde es sich ausschließen, dass die jeweils andere Gruppe da überhaupt leben darf. Auch wegen des religiösen Eifers einiger Leute. Deutlich wird das, wenn man sich den Tempelberg in Jerusalem anguckt: Da stehen auf einem Gebiet, das kaum größer ist als Sykes Innenstadt, eins der größten Heiligtümer des Islams, das größte Heiligtum des Judentums und eins der größten Heiligtümer des Christentums – Felsendom, Klagemauer und Grabeskirche. Das führt natürlich zu einer unglaublichen Enge und zu Konflikten. Was auch ein großes Problem ist: Dass das Land unheimlich mit Bedeutung aufgeladen ist. Es ist das „Heilige Land“ für Christen, das „Versprochene Land“ für die Juden, und für Muslime der drittwichtigste Ort nach Mekka und Medina.

In Deinem Buch spielt Deine Nase eine große Rolle. Warum ist die so besonders?

Die ist ja gar nicht besonders. Ich weiß, dass sie einen Knick hat – aber dass es da noch mehr gibt, weil sie groß ist, hab ich erst in Israel gemerkt. Es ist ein dummes Klischee, dass Juden große oder komisch aussehende Nasen haben, aber eins, das sie selber oft aufgreifen. Und mir ist es tatsächlich oft passiert, dass Leute vor mir standen und meinten, ich müsse wegen meiner Nase Israeli sein.

Hat Dir die Nase geholfen?

Bei den Israelis hat mir das geholfen. Wohl, weil sie von vornherein dachten, ich sei vom Schicksal genau so geschlagen wie sie (lacht). Es ist ja oft so, dass Klischees dadurch ihre Härte verlieren, dass Leute, die damit diskriminiert werden sollen, einen Witz daraus machen.

Warum bist Du überhaupt zum Studieren nach Israel gegangen?

Mir war klar, dass ich als erstes nach Israel muss, wenn ich Europa verlasse. Das hat unterschiedliche Gründe. Der wichtigste Grund sind meine Eltern und meine Erziehung. Ich bin in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen – im Christentum ist Israel sehr wichtig. Als ich so mit 20 anfing, mich politisch zu interessieren, spielte das Land eine große Rolle. In der linken Szene, wo ich unterwegs war, sind die meisten eher gegen Israel, mir ging es aber nicht so. Und natürlich hat es auch mit unserer Vergangenheit als Deutsche zu tun, dass man zu Israel eine Haltung entwickeln muss. Solange es noch Antisemitismus und Judenverfolgung auf der Welt gibt, kann man als Deutscher nicht nichts machen. Man sollte sich zumindest ein Bild machen, wie man zu dem Land steht. Dass ich hingefahren bin, war auf jeden Fall eine der besten Entscheidungen meines Lebens!

Deine Mitbewohner in Jerusalem haben koscher gelebt. Was bedeutet das?

Vieles. Die wichtigsten Grundregeln gehen das Essen an. Man muss alle Speisen, bei denen Fleisch dabei ist, von denen trennen, in denen Milch ist. Das bedeutet auch, dass Du Geschirr und Besteck voneinander trennen musst, Du hast also im Prinzip zwei Küchen. Außerdem darf ein gläubiger Jude am Sabbat keinen Stromkreis schließen, also keinen Lichtschalter betätigen. Bevor der Sabbat losging, wurde überall das Licht angemacht, damit mein Mitbewohner was sah.

Beim Lesen Deines Buches hatte ich das Gefühl, dass Du in Israel mehr als Objekt gesehen worden bist, als als Markus. Also als Nicht-Jude, als Deutscher...

Ich glaube, es ist nicht voraussetzungslos, wenn Du als Deutscher nach Israel gehst. Es ist selten voraussetzungslos, wenn Du als Deutscher irgendwo hin gehst. Unser Land hat eine sehr furchtbare Geschichte in manchen Teilen. Ich glaube, diese Kategorisierung ist ein Versuch von Leuten zu verstehen, wer man ist und wo man herkommt. Es gibt Leute, die reden nicht mehr mit Dir, wenn Du was Bestimmtes bist oder nicht bist. Gleichzeitig spielen gerade die jungen Israelis damit. Sie versuchen, der Absurdität des Landes Herr zu werden, indem sie Witze drüber machen. Diese Zuschreibung „Du bist Deutscher, Dein Vater ist Pastor, Dein Großvater war Nazi...“ ist ja eigentlich positiv gemeint, etwas, mit dem man jemanden an sich ranziehen möchte, und das auf der anderen Seite zeigt: Es ist alles nicht so ganz einfach gerade, trotzdem wollen wir weiter miteinander reden. Das macht die Dreierkonstellation zwischen jungen Israelis, Palästinensern und Deutschen sehr fruchtbar. Weil alle wissen, dass es nicht so einfach ist, was wir als Rucksack mitbringen. Aber interessant.

Du hast geschrieben: „Die Nazis, das waren wir.“ Meinst Du, ich persönlich muss mich dafür verantwortlich fühlen, was passiert ist, oder muss ich mir nur dessen bewusst sein?

Ich glaube, dass das gar nicht so sehr was anderes ist. Es geht nicht darum, dass jemand eine juristisch beweisbare Schuld hat. Ich finde es aber gut, wenn man weiß, wo man herkommt und seine Geschichte kennt. Das schärft das Verständnis dafür, dass sowas nicht wieder passiert. Jetzt, 2011, macht man sich schuldig, wenn man weiß, dass es das Kapitel deutscher Geschichte gab und trotzdem die NPD wählt. Oder sich in eine Veranstaltung von KZ-Überlebenden stellt und sagt, dass es den Holocaust nicht gegeben habe.

Auch im Moment ist das Leben in Jerusalem heftig. Wird man paranoid, wenn man dort lebt?

Ja. Ich war am Anfang total paranoid. Ich hab gedacht, ich könnte nicht in den Bus steigen, ohne dass er in die Luft geht. Dann fährst Du ein paar Mal und stellst fest, dass sie gar nicht immer in die Luft gehen – irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich dachte, es wird niemals ein Bus in die Luft gehen, in dem ich stehe. Dann ging der Gaza-Krieg los und ich bin zurückgeworfen worden, weil angekündigt wurde, dass Selbstmordattentäter losgeschickt würden. Ich hab mir ‘nen Roller gekauft, damit ich nicht mehr Bus fahren musste.

Du hast während des Krieges Anfang 2009 ein paar Tage am Gazastreifen verbracht. Wie war das?

Das Problem ist, dass es eine permanente Bedrohungssituation gibt. Als würde Bassum jeden Tag drei Raketen auf Syke schießen. Es ist eigentlich unvorstellbar. Nur weil es Israel ist, ist man bereit zu sagen: „Naja. Das ist ja nicht so schlimm. Da sterben ja nicht so viele Leute.“ Das kann nicht sein. Sowohl die Israelis als auch die Palästinenser haben genau so das Recht, in Ruhe und Frieden zu leben und ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken wie die Syker. Bestürzend war für mich, die Armee in Aktion und Flugzeuge zu sehen, die Bomben runterschmeißen, wegen denen Leute sterben. Und das Geräusch einer Rakete, die durch die Stadt donnert, macht Angst.

Trotzdem beschreibst Du immer wieder den Humor der Leute. Eine Frau sagte zu Dir, weil Du ihren Namen verwechselt hast: „Haben wir Juden nicht schon genug gelitten?“...

Das ist ein stehender Ausdruck in Israel, ein bisschen ironisch. Ich hatte im Flugzeug einen orthodoxen Juden neben mir, und es gab ein bisschen Durcheinander, wo sein Platz war. Als die Stewardess ihm einen neuen zeigte, sagte er: „You put me here, you put me there, haven’t the jewish people suffered enough?“ Ich bewundere das sehr, wenn man eine tragische Familiengeschichte hat und trotzdem die Kraft, damit humorvoll umzugehen. Ich glaube, Humor ist der beste und menschenfreundlichste Weg, mit der Realität und Problemen umzugehen.

Wenn Du jetzt wieder zurückkommst nach Syke – siehst Du die Stadt anders?

Ich kann es vielleicht ein bisschen mehr genießen, wie gut alles hier funktioniert. Damit will ich nicht sagen, dass ich meinen Frieden damit gemacht habe, dass es in Deutschland Neonazis gibt, dass es Leute gibt, die nicht genug Geld haben, um davon zu leben, und so weiter. Aber es ist einiges in Ordnung hier.

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

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