Musik aus der Region:

„Wir sind keine Vorzeige-Jugendlichen"

+
Diese Jungs wollen DICH! Gordon Hazuri (17) aus Bassum, Amir Ibrahimi (20) aus Bassum und Florian Bothe (22) aus Stuhr möchten ihre Erfahrung an junge Musiker weitergeben.

Kollegah und Farid Bang: Tour abgesagt. Sido: Verheiratet und Vater von einem Kleinkind. Bushido: Vielleicht bald im Knast. Schöne heile Welt! Da glaubten die Eltern von Teenager-Töchtern und Gangster-Rap-begeisterten Söhnen bei uns in der Region ja schon, sie könnten sich entspannt zurücklehnen.

Ha! Falsch gedacht – denn auch in unserer direkten Nähe gibt es Hip-Hopper, die auf dem Weg nach oben sind und ein enormes Mädchenschwarm-Potenzial haben. Zum Beispiel Amir Ibrahimi (20) aus Bassum, Florian Bothe (22) aus Stuhr und Gordon Hazuri (17) aus Bassum, die mit „Active Records“ ihr eigenes Label gegründet und dank Youtube und Facebook eine große Fangemeinde haben. chili-Praktikantin Amata Schulze (16) aus Sulingen hat die Drei interviewt.

Hallo Jungs, braucht man als Rapper eigentlich zwingend einen coolen Künstlernamen?

Amir: „Ich hab keinen mehr. Ganz am Anfang hab ich mich ,8Pac’ genannt – ich glaub, ich hatte einfach zu viel ,2Pac’ gehört. Danach habe ich mich ,A.I.’ genannt, eine Abkürzung von Amir Ibrahimi. Aber das hat auch nicht zu mir gepasst. Und jetzt heiße ich nur Amir.“

Gordon: „Mein Künstlername ist ,GordiRecords’. Gordi, weil jeder mich so nennt. Und Records, weil ich immer gerne Musik von einem Beatmaker namens ,D-enorecords’ gehört habe und ,records’ für Aufnahme steht.“

Florian: „Ich nenne mich ,CoBrA’. Das hat meine Exfreundin zu mir gesagt, aber warum, schreibst Du besser nicht!“

Wie seid Ihr zum Rappen gekommen?

Gordon: „Als Amir und ich so elf, zwölf Jahre alt waren, haben wir auf dem PC ein Programm entdeckt, das ,Audio Recorder’ hieß. Wir haben uns für fünf Euro ein Headset gekauft, einen Beat aufgenommen und angefangen, dazu zu singen und zu rappen. Damals dachten wir schon, dass wir sehr gut sind – aber das kam dann noch nicht so gut an...“

Amir: „Wir haben trotzdem weitergemacht und versucht, uns weiterzuentwickeln. Vor fünf, sechs Jahren entstand im Jugendhaus Bassum das Label ,Phoenix Records’. Da war ich Produzent. Ich hab immer mehr gelernt, mit den ganzen Programmen umzugehen und aufzunehmen. Ich habe dann mit ,Kiolbassa Music Production’ zusammen gearbeitet, da wurde mir viel beigebracht. Und 2010 hab ich mein eigenes Studio im Keller aufgebaut, wo ich dann mit Florian das Label ,Active Records’ gegründet habe. Gesangs- und Rapcoach, Produzent, andere Rapper und Sänger waren bei uns zu Besuch. So fing es an mit unserer ,Minikarriere’.“

Florian: „Ich hab mit zwölf mit dem Rappen angefangen. Eminem hat mich fasziniert. Als ich auf Bushido kam, dachte ich: ,Was der kann, kann ich locker!’. Mit 16 habe ich Rapsongs gecovert und dann angefangen, eigene Songs aufzunehmen.“

Woher kennt Ihr Euch?

Amir: „Florian und ich sind beste Freunde, und Gordon ist mein Cousin.“

Florian: „Amir und ich haben uns durch ein Mädchen kennengelernt.“

Ihr wart beide ins gleiche Mädchen verliebt?

Florian: „Nein. Er war mit meiner besten Freundin zusammen, und wir konnten uns am Anfang gar nicht leiden. Bis wir auf einem Geburtstag mal einen zusammen getrunken haben.“

Bei der älteren Generation kommt Gangster-Rap ja meist nicht so gut an. Kommen Eure Eltern mit Eurem Hobby klar?

Amir: „Solange es ein Hobby ist, ist alles gut. Die Angst von Eltern ist halt immer, dass wir damit wirklich unser Geld verdienen wollen. Und dass wir, wenn wir bekannter werden würden, abrutschen und mit Drogen in Verbindung kommen könnten.“

Und, ist die Angst berechtigt?

Amir: „Nein. Bei uns sind Drogen ein No-Go. Wenn jemand von uns mit Drogen in Verbindung steht, wird er sofort rausgeschmissen!“

Gordon: „Uns ist auch klar, dass man eine Absicherung haben sollte, denn mit der Musik bist Du vielleicht heute erfolgreich, und morgen bist Du wieder ein Niemand. Man sollte immer eine zweite Möglichkeit haben. Bevor wir richtig hauptberuflich mit dem Rappen anfangen, muss eine Ausbildung abgeschlossen sein.“

„Richtig anfangen“? Ihr seid doch schon ziemlich erfolgreich dabei!

Amir: „In der Umgebung hier sind wir auf jeden Fall schon etwas bekannt. Mein erfolgreichstes Lied ,Partybullshit’ wurde schon im ,Nachtwerk’ in Sulingen und im ,Bunker’ in Emtinghausen gespielt, und da habe ich das erste Mal gesehen, wie die Leute dazu tanzen und mitsingen. Das hat mich total motiviert!“

Florian: „Wir hatten ja schon einige Auftritte, und wenn das Mixtape draußen ist, wird unsere Musik noch in einigen Discotheken mehr zu hören sein.“

Aber Ihr denkt schon drüber nach, mit der Musik später mal Euer Geld zu verdienen, oder?

Florian: „Ich auf jeden Fall!“

Amir: „Ja, das wäre ein großer Wunsch von uns allen.“

Glaubt Ihr, Ihr habt gute Vorraussetzungen, damit mal berühmt zu werden?

Amir: „Wenn wir einen Sponsor haben und Supporter, dann auf jeden Fall. Wir werden bestimmt Geld machen, weil ich mit dem Musikproduzenten des Kiolbassa-Aufahmestudios bekannt bin, und der weiß, dass ich Talent habe.“

Florian: „Wer es auf jeden Fall schafft, ist Amir. Erstens sieht er gut aus, das kommt bei Frauen an. Zweitens kann er nicht nur rappen, sondern auch singen und produzieren. Er kann alles selber, was mit Musik zu tun hat.“

Was macht Ihr im Moment beruflich?

Gordon: „Ich mache noch ein Jahr Wirtschaftsschule und danach eine Ausbildung als Außenhandelskaufmann.“

Amir: „Ich geh zum IFAP (Institut für angewandte Pädagogik) in Syke, später möchte ich Musikfachhändler werden.“

Florian: „Ich arbeite in einer Sicherheitsfirma.“

Habt Ihr schon mal damit Erfahrungen gemacht, dass Lehrer oder Chefs in der Ausbildung Vorurteile hatten, nachdem sie mitgekriegt haben, was Ihr für Musik macht?

Amir: „Auf der Hauptschule hatte ich Lehrer, die meinten, dass aus mir wird, wenn ich Hip-Hop mache. Aber ich habe immer gesagt: ,Lassen Sie das mal meine Sache sein, ich mache meine Musik doch neben der Schule – das ist doch nicht schlimm, ist doch mein Hobby.’ Aber jetzt auf der IFAP habe ich einige Lehrer, die hören sich sogar bei Youtube meine Lieder an und feiern mich richtig!“

Gordon: „Ich hab den Vorteil, dass ich Sänger bin und es da nicht so viel Vorurteile gibt. Aber es gibt schon Leute, die mich fragen: ,Warum machst Du nichts Vernünftiges?’.“

Florian: „Bei meiner ersten Ausbildung bin ich in der Probezeit geflogen, weil mein Chef mich mit meiner Musik im Internet gefunden hat und meinte, das wäre ein schlechtes Bild für seine Firma. Aber dann habe ich erst recht Musik gemacht! Und naja, feste Freundinnen haben halt immer ein Problem damit, wenn fremde Mädchen uns ansprechen.“

Stehen Mädchen auf Hip-Hopper? Und habt Ihr gerade alle Freundinnen?

Florian: „Auf jeden Fall finden Mädchen Hip-Hopper cool! Meine Freundin auch.“

Amir: „Weil ich viele Richtungen mache – House, R’n’B, Hip-Hop... – gibt es natürlich auch immer viele Mädchen, die irgendwas davon cool finden. Aber ich habe eine Freundin.“

Gordon: „Ich bin Single.“

Schon mal Erfahrungen mit Groupies gemacht?

Amir: „Ich fuhr zu meinem Onkel nach Münster, da kamen am Bahnhof Mädchen zu mir und sagten: ,Ohh, Du bist doch Amir! Du machst so tolle Musik! Können wir ein Foto machen?’ Sie wollten sogar noch ein Autogramm. Das war richtig süß. Auf Youtube hab ich aber auch schon negative Erfahrungen gemacht. Ich hatte einen Song für das vbt-Battle hochgeladen und innerhalb von einem Tag 4.000 Klicks. Erst dachte ich, das wäre ein Fehler. Aber dann kamen auch total viele Nachrichten, wo was Negatives drin stand. Aber sowas inspiriert mich auch.“

Florian: „Manchmal bekommt man Kritik, weil einige den Sinn nicht verstehen. Zum Beispiel, wenn Amir in einem Lied sagt: ,Er kommt mit Sandalen.’ Das bedeutet, dass es Schläge gibt, aber manche verstehen das einfach nicht. Ich würde sagen, wir sind von hier bis Berlin, die Besten, die es gibt. Okay, um Frankfurt müssen wir noch umzu fahren. Aber sonst gibt es eigentlich nicht so viele gute Rapper.“

Würdet Ihr mit dem Rappen aufhören, wenn Ihr später mal Familie habt? Stichwort: Vorbildfunktion für Kinder und so?

Amir: „Ich würde sehr gerne weiter mit der Musik machen, auch wenn ich Familie habe. Meinem Sohn oder meiner Tochter würde ich es später auch beibringen.“

Gordon: „Ich bin mit der Musik aufgewachsen, und wenn meine Frau sagen würde, dass ich damit aufhören soll, würde ich mich zwar einschränken, aber niemals aufhören. Meine Frau muss mich mit der Musik nehmen, und wenn sie das nicht möchte, passt es halt nicht zwischen uns.“

Woher nehmt Ihr die Themen für Eure Texte?

Florian: „Wir sind keine Vorzeigejugendlichen, wir hatten alle ziemlich interessante Leben bisher. Wir haben ‘ne Menge zu erzählen, und eigentlich brauchen wir nur einen Beat dazu.“

Gordon: „Wir machen Liebeslieder oder Partylieder, und uns muss es nicht schlecht gehen, damit wir gute Songs schreiben.“

Florian: „Meistens schreiben wir über reale Sachen.“

Amir: „Liebe, was zum Nachdenken, auch mal aggressivere Sachen...“

Eure Lyrics klingen oft ziemlich sprachgewandt. Muss man eigentlich in der Schule gut in Deutsch sein, um rappen zu können?

Florian: „Kay One hat auch keinen Abschluss und ist ein bekannter Rapper.“

Amir: „Ich schreib meine Texte am PC, und da sind echt viele Rechtschreibfehler drin. Aber ich spreche es ja richtig aus.“

Florian: „Man muss ja nicht alles total richtig schreiben können, um sprachtalentiert zu sein.“

Gordon und Armir, Eure Familien stammen aus Albanien. Rappt Ihr auch mal in Eurer Muttersprache?

Gordon: „Ja, ich singe und Amir rappt auch manchmal auf Albanisch. Singen auf Albanisch ist aber viel leichter als rappen. Meine Stimmfarbe klingt ganz anders als auf Deutsch. Aber Deutsch verstehen halt alle hier, daher kommt es auch besser an. Dabei ist der Bass eigentlich das Wichtigste. Wenn der Beat gut ist, ist das ganze Lied gut.“

Habt Ihr ein Lied, auf das Ihr richtig stolz seid?

Amir: „Ja. Auf ein Lied, das ich für meinen Großvater geschrieben habe.“

Gordon: „Ich bin stolz auf meinen neuen Song ,Yolo Bitches’, weil er einfach so zur heutigen Zeit passt.“

Florian: „Ich hab eine Zeile aus einem Lied mit dem ich einiges verbinde: ,Ich steige empor wie der Phoenix aus der Asche.’ Weil viele Menschen nie an mich geglaubt haben.“

Stimmt alles, was Ihr in Euren Texten schreibt, mit Euren wahren Leben überein?

Amir: „Alles nicht, aber so 75 Prozent schon. Manchmal wollen wir was Neues machen, dann geht das nicht.“

Florian: „Man muss ja auch für alle mal was machen. Einige Leute wollen Azzlackmusik, das mache ich persönlich jetzt gar nicht, aber Amir macht das, und es kommt gut an. Aber Gangster-Mukke hat eben mit der Realität wenig zu tun.“

Gordon: „Wir beleidigen in unseren Songs aber auch nicht. Musik beeinflusst die Menschen, und einige Kinder machen das, was sie hören, dann nach. Wir wollen eher vorbildlichen Rap machen.“

Wer macht die Musik für Eure Songs?

Gordon: „Amir macht das bei seiner Gruppe und ich bei meiner. Manchmal macht das aber auch mein Cousin Ersan.“

Amir: „Wir sitzen im Studio, machen die Shisha an, ich spiel am Keyboard rum, und irgendwas kommt dabei raus. Danach nehmen wir den Beat auf, und einer fängt an zu freestylen. Und wenn uns mal kein Beat gelingt, nehmen wir einfach einen von www.rappers.in.“

Was hört Ihr selber für Musik?

 Amir: „Unsere eigene. Oder nur Beats, damit wir uns dazu neue Texte ausdenken können. Oft höre ich auch ,Freunde von Niemand’.“

Florian: „Mein Vorbild ist Vega, weil seine Texte die einzigen deutschen Texte sind, die real sind. Die anderen haben keine Ahnung. Zum Beispiel Kay One – der rappt darüber, was er für teure Autos hat, aber er hat nicht mal einen Führerschein.“

Gordon: „Fard und Eko Fresh sind auch sehr gute Rapper. Mit Abstrichen auch KC Rebell und PA Sports.“

Was sind Eure nächsten Pläne?

Florian: „Wir wollen zusammen mit dem Jugendhaus Bassum Jugendliche, die den ganzen Tag auf der Straße sind, da wegholen - vielleicht findet man Talente darunter.“

Amir: „Und wenn die Stadt Bassum uns fördert, wollen wir mit diesen Jugendlichen Musik, Texte und Beats machen. Jeder hat eine Chance verdient. Wir mussten uns damals alles alleine auf die Beine stellen, deswegen helfen wir jetzt anderen. Und dann kommt auch noch unser Mixtape ,Zwei Gründe’ raus, das wir als Freedownload anbieten. Natürlich brennen wir auch CDs, wenn jemand eine haben möchte.“

Gordon: „Musik verbindet! Darum wollen wir auch einen Jam im Jugendhaus Bassum machen, wofür wir auch noch ein paar Sänger, Rapper und andere talentierte Musiker brauchen.“

Ab ans Mikrofon und mitmachen! Die Jungs von "Active Records" suchen noch Leute für einen Jam im Jugendhaus Bassum.

... Du hast Bock auf Musik und Lust, mit den Jungs einen Jam zu machen? Dann melde Dich bei Gordon: Gordon14@live.de.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Überforderung im Sport vermeiden

Überforderung im Sport vermeiden

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Meistgelesene Artikel

Klopapier-Hamsterkäufe: Nur den eigenen Arsch retten

Klopapier-Hamsterkäufe: Nur den eigenen Arsch retten

WhatsApp startet neue Funktion gegen Fake-News zu Corona

WhatsApp startet neue Funktion gegen Fake-News zu Corona

Kommentare