Abtreibung? "Ein Fehler mit schwerwiegenden Folgen"

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Eine Zeichnung von Jan-Christopher Hoffmann (23 Jahre) aus Nienburg.

Mein Leben ist nie besonders kompliziert gewesen. Jedenfalls nicht komplizierter, als das Leben für sich alleine sowieso schon ist. Ich habe viele gute Freunde, meine Eltern sind liebevoll, und meine große Schwester ist eine enge Vertraute für mich.

Ich war nicht immer zufrieden, aber mein Leben steuerte mit kleinen Rückschlägen in Richtung einer vielversprechenden Zukunft. Woher kam also immer wieder dieses Gefühl, nicht ganz glücklich zu sein? Dieses Bewusstsein, dass mir irgendetwas fehlte?

Die Antwort auf diese Frage gab mir die Empfindung, die durch die Gegenwart eines Mädchens ausgelöst wurde. Durch die Worte, die sie sagte oder nicht sagte. Die Art, wie sie meine Gedanken bestimmen konnte. Genau das war es, was ich bisher nicht kannte. Das Gefühl von Glück, von menschlicher Vollständigkeit. Ich bin schon oft verliebt gewesen, zu einigen Mädchen fühlte ich mich hingezogen, aber diese EINE habe ich wahrhaftig geliebt. Und ich liebe sie noch immer.

Ich machte mir viele Gedanken über uns und unsere Liebe. Und bin trotzdem in die Falle des naiven Wunsches getappt, alles müsste so einfach und zufriedenstellend bleiben. Ich denke, jeder, der schon mal eine längere Beziehung geführt hat, weiß, was es bedeutet, sich mit dem Menschen, den man liebt, zu streiten. Man wird verletzt, man verletzt den anderen. Eine Beziehung bedeutet auch Arbeit. Und vor allem Kommunikation. Ich glaube, dass keiner von uns beiden Schuld an den Wunden hat, die wir uns zugefügt haben, aber für eine Sache gebe ich mir die Schuld. Mir allein. Ich bin nicht verständnisvoll genug gewesen. Ich war zu dumm, um zu erkennen, dass die Distanz, mit der sie mich oft behandelte, nicht wirklich gegen mich gerichtet war. Sie hat versucht, mir zu erklären, dass sie mich lieben würde und dass es ihr leid täte, wie sie mich manchmal behandelte. Dass sie mich deswegen nicht mehr so oft sehen wolle, um mir nicht weh zu tun, bis es ihr besser gehe. Sie war möglicherweise am tiefsten Punkt ihres Lebens angelangt, aber ich war nicht der Richtige, ihr zu helfen. Und das zu akzeptieren, gelang mir nicht. Sie hat sich Hilfe gesucht. Es war eine schwere Zeit, für uns beide. Die Fähigkeit, ihre Gefühle zu kontrollieren, ist ihr völlig verloren gegangen, und was für sie nur Zorn und Missmut waren, kam bei mir irgendwann als Verachtung an. Ich war davon überzeugt, sie würde mich nicht mehr lieben. Alles, was ich tat, war falsch. Ich hielt es nicht mehr aus, und am Höhepunkt eines sehr schlimmen Streits sprach ich schließlich die verderblichen Worte aus: „Ich verlasse Dich...“

Bereut habe ich es schon, als die Worte meinen Mund verlassen hatten. Was für einen Fehler ich gemacht habe, erkannte ich aber erst im Laufe der nächsten Tage, als ich begann zu verstehen, was sie mir zu erklären versucht hatte. Aber die Konsequenzen, die drei kurze Worte haben können, sollten noch weitaus schlimmer und schmerzvoller sein. Die Liebe meines Lebens, das Mädchen, mit dem ich für immer zusammen bleiben wollte, machte in den folgenden Tagen einen Bluttest, bei dem sich rausstellte, dass sie schwanger war. Obwohl sie zunächst nicht vorhatte, es mir zu erzählen, beschloss sie schließlich doch, mir diese Nachricht zukommen zu lassen. Ich wusste, in welcher schwierigen Situation sie war. Dass sie es für unmöglich hielt, das Kind zu bekommen. Trotzdem freute ich mich. Ich wollte sie zurück haben, und es hätte für mich nichts Schöneres geben können als ein Leben, das aus unserer Liebe entstanden ist. Es hätte... Denn sie war nicht dazu bereit.

Sie konnte nicht den Mut aufbringen, den sie benötigte, um ihr altes Leben aufzugeben und sich, uns und unserem Kind aus dem Nichts ein neues Leben zu schaffen. Und auch meine zuversichtlichen Hoffnungen änderte nichts daran. Weil ich mich von ihr getrennt hatte, als es ihr schlecht ging, meinte sie, dass sie sich nicht mehr darauf verlassen könnte, dass ich wirklich zu ihr stehen würde. Ich hatte sie verlassen, als sie mich brauchte – auch wenn ich sie nur für kurz aus Verzweiflung für ein paar Stunden verlassen hatte. Auch wenn dieser Entschluss nur die Entladung einer aufgestauten Wut und Verzweiflung war. Ich konnte nichts tun, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ich musste ihre Entscheidung akzeptieren. Sicher, ich habe versucht, sie umzustimmen. Ich habe versprochen, mich zu ändern und ihr nie wieder weh zu tun. Sie sagte, was einmal zerbrochen sei, lasse sich nicht einfach so wieder zusammensetzen. Ich weiß nicht mehr, wie genau das Wetter an diesem Tag war. Nur noch, dass der Himmel aussah wie eine hellblaue Kuppel. So verlor ich das Wichtigste, was ich mir vorstellen konnte. Sie und unser Kind. Und nichts wird je etwas daran ändern können. Die meiste Zeit danach war der Himmel eine hellblaue Kuppel, die nur an wenigen Stellen von seichten, fast durchsichtigen Wolken bedeckt wurde – aber in mir drin wurde es schwarz, als ich erfuhr, dass das Herz unseres Kindes aufgehört hatte zu schlagen.

chili-Autor (23 Jahre) aus Diepholz

Das Kind war weg und ich erleichtert

Es war ausgerechnet ein Freitag, der 13., an dem ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. Ich war nicht sehr verwundert, als mein Frauenarzt sagte: „Glückwunsch, Sie sind schwanger!“ Ich fand das nicht sehr einfühlsam von ihm, weil ich ihm schon bei der Untersuchung gesagt hatte, dass ich Angst vor dem Ergebnis habe und kein Kind will. Wie es zu der Schwangerschaft kam? Ich hatte Antibiotika bekommen und war dumm – ich hab die Information nicht sehr ernst genommen, dass meine Pille durch die Antibiotika nicht mehr wirken könnte.

Als ich nach dem Arzt-Besuch nach Hause kam, wo mein Freund auf mich wartete, hielt ich ihm das Ultraschallbild hin und sagte: „Schau mal, das ist ein kleines Stück von Dir und ein kleines Stück von mir!“ Er wurde kreidebleich und antwortete: „Dann kannst Du dieses Wochenende ja gar nichts trinken!“ Nach dieser Reaktion war klar, dass mein Freund nun wirklich noch nicht reif genug für ein Kind war. Genauso wie ich. Wir entschieden uns sofort für eine Abtreibung, weil wir beide mitten in der Ausbildung steckten und gerade mal einen Monat zusammen waren, was ja keine gute Voraussetzung für ein gemeinsames Kind ist. Wir wollten unser Leben noch genießen, verreisen, die Welt erforschen und, und, und...

Ich informierte mich online über das Thema Abtreibung. Was ich dort fand, schreckte mich aber ziemlich ab. Ich landete auf einer Seite, auf der Schwangere über Probleme und Beschwerden diskutieren, vor allem aber von den schönen Momenten in der Schwangerschaft schwärmen. Ich las stundenlang die Einträge der Frauen. Sie berichteten von den ersten Tritten ihres Babys, von ihrem Bäuchlein, das sich unterm T-Shirt abzeichnete, vom frisch gestrichenen Kinderzimmer und von den Ultraschallbildern... Ich fühlte mich schrecklich, weil ich daran gedacht hatte, mein Baby einfach zu töten. Ich sprach mit meinem Freund. Darüber, dass unser Baby nun schon Händchen und Füßchen, ein kleines Köpfchen habe und sogar Schluckauf bekommen könne. Wir entschieden uns doch für das Kind. Mein Freund informierte sich über finanzielle Zuschüsse vom Staat. Wir überlegten uns, dass er nach der Geburt zu Hause bleiben und ich meine Ausbildung ohne große Pause weiterführen könnte. Wir diskutierten über Baby-Namen und suchten schon nach einer Wohnung für uns drei! Ich kotzte den ganzen Tag, hatte Heißhunger auf pürierte Kartoffelsuppe und ganz viel Schokolade, litt unter Magenkrämpfen – aber wir freuten uns. Dann kamen mir allerdings doch wieder Zweifel. Ich dachte lange nach. Wenn wir nun ein Baby bekommen würden, hätten wir nur zehn Monate zu zweit. Und wir hatten doch so große Pläne. ICH hatte immer große Pläne. Ich wollte die ganze Welt sehen, viele Menschen und Kulturen kennenlernen. Ich wollte albern sein, nicht immer erwachsen und am wenigsten die Verantwortung für ein anderes Menschenleben tragen. Ich war jedes Wochenende auf Partys, in dieses Leben passte ein Baby nicht rein. Außerdem wollte ich meinem Kind was bieten können. Großartige finanzielle Mittel hatten wir nicht. Und ich wollte nicht auf den Staat angewiesen sein, damit ich Windeln kaufen kann.

Wir machten einen Termin beim Frauenarzt. Er gab mir Adressen von Ärzten, die den Eingriff vornehmen und sagte mir, ich müsse mit meiner Versicherung klären, ob sie diesen Eingriff bezahlt. Außerdem müsse ich zu einer Schwangerschaftskonfliktberatung gehen, um eine Erlaubnis für die Abtreibung zu bekommen. Ich machte dort einen Termin aus. Das Gespräch dauerte keine zehn Minuten. Ich sagte der Beraterin sofort, dass ich keine Verantwortung übernehmen könne und wolle. Und schon hatte ich meine Bescheinigung. Ich rief meine Versicherung an und bekam gleich die Bestätigung, dass der Eingriff bezahlt werden würde. Um sieben Uhr morgens ging’s los. Ich bekam ein Medikament, das Wehen auslöste. Ich musste drei Stunden lang liegen, hatte heftige Schmerzen, dann wurde ich in den OP-Bereich gebracht. Der Eingriff dauerte ein paar Minuten. Ich ließ die Abtreibung unter Vollnarkose vornehmen, weil ich nichts davon mitbekommen wollte. Als ich aus der Narkose aufwachte, fing ich an zu weinen. Ich weinte und weinte. Aus Erschöpfung, aus Verwirrung, aber auch aus Erleichterung. Mir war eine riesige Last von den Schultern genommen worden. Ich war wieder ich selbst. Bald danach durfte ich nach Hause.

Ich habe aus dieser Erfahrung gelernt. Ich achte jetzt immer ganz genau auf eine sichere Verhütung. Und ich rate jedem Mädchen, das ungewollt schwanger wird wie ich: Nehmt eine Abtreibung nicht auf die leichte Schulter und lasst sie nur machen, wenn ihr Euch 100-prozentig sicher seid. Sonst werdet ihr es irgendwann bereuen. Überlegt Euch gut, ob Ihr die Verantwortung für ein Kind tragen könnt. Ich hätte es nicht gekonnt.

chili-Autorin (19 Jahre) aus Bruchhausen-Vilsen

Ich habe das Baby bekommen

Man sagt immer: „Planung ist das halbe Leben“. Allerdings sieht das Leben das oft anders. Mir hat es vor vier Jahren einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich war gerade zu Hause ausgezogen, mitten in der Lehre, und nun zeigte der Schwangerschaftstest zwei Striche – positiv. Du meine Güte! Meine Gedanken rasten. Erste Option: Ich behalte das Baby und werde es schwerer haben als andere. Zweite Option: Ich mache es mir einfacher, treibe ab, aber muss mit dieser Entscheidung leben. Ich hab einen wundervollen Partner an meiner Seite, eine tolle Familie hinter mir und bin ja auch nicht ganz unschuldig an meiner Situation.

Ich kann mich vage erinnern, dass meine Eltern mir das mit den „Bienen und Blümchen“ gut erklärt haben... Also wurde mir schnell klar, dass das kleine Wesen in meinem Bauch geliebt und seine Zukunft nicht auf Hartz IV aufgebaut sein würde. Das Thema Abtreibung spielte nur für ein paar Sekunden in meinen Gedanken eine Rolle. Und wenn ich heute mein Kind ansehe, bin ich sehr froh darüber.

chili-Autorin (22 Jahre) aus Bassum

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