Bugge Wesseltoft lotet mit e.s.t.-Veteranen in der Glocke Klangräume aus

Zwischen Voyager und Peterchens Mondfahrt

Im extraterrestrischen Nachtclub: Bugge Wusseltoft von „Rymen“. Foto: Ulla Heyne

Bremen - Von Ulla Heyne. Als „skandinavische Supergroup“ wurden sie vollmundig angekündigt, die drei Herren, deren spärlich behaarte Häupter am Donnerstagabend aus dem farbig beleuchteten Nebel in der Bremer Glocke leuchten. Fakt ist: Der norwegische Jazzpianist Bugge Wesseltoft, Begründer der „New Conception of Jazz“ hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit unzähligen Veröffentlichungen und seiner Synthese aus folk-orientierten Melodien und klassischen Jazzimprovisationen mit elektronischen Klangexperimenten die nordische Jazz-Szene mit geprägt. Gleiches lässt sich von Dan Berglund und Magnus Öström behaupten, beides Mitglieder des legendären Trios e.s.t., die nach dem plötzlichen Tod des Namensebers Esbjörn Svensson nach einem Tauchunfall zunächst Soloprojekte verfolgten.

Zusammengefunden haben sich die Drei unter dem schwedischen Namen „Rymden“. Dass dies oft fälschlicherweise mit „Raum“ übersetzt wird, ist nach den ersten Liedern der ersten gemeinsamen Albums „Reflections and Odysseys“ verständlich: Mit ihrer Mischung klassischer Improvisationen, schräger Töne und elektronischer Klangteppiche füllen die drei Veteranen des skandinavischen Jazz nicht nur Klangräume, sie dehnen sie aus – gern unter Zuhilfenahme gleich zweier Keyboards und jeder Menge Klangeffekte, die auf Wesseltofts musikalische Sozialisation mit ersten Gehversuchen am Atari ST zurückweisen.

Eigentlich geht es jedoch um den Weltraum, wie schon der Albumtitel in Anspielung an den Kultfilm von 1968 nahelegt. Im Titelstück begeben sich die Raumfahrer in sphärische Klangwelten, in „Orbiting“ entlockt Dan Berglund seinem Bass Walgesänge, die irgendwann ins All abdriften. Doch es geht auch rasanter: Wesseltoft, der wie ein Hexenmeister gleich an zwei Keyboards berserkert, beackert den Raum jenseits von Jean-Michel Jarre und Mike Oldfield, allerdings weniger hymnisch, und statt Disco für E.T. besucht Wesseltoft mit dessen virtuellen Enkeln einen extraterrestrischen Nachtclub.

Das ist nur eine von vielen Facetten, Wesseltoft, der schon mit vielen höchst unterschiedlichen Musikern gespielt hat, doch nicht auf eine Stilistik festlegen lassen. So haben auch eines seiner geschätzten minimalistischen Solo-Klavierstücke und klassische Trio-Stücke wie das Gutenachtlied für den traurigen Helden „Lucky Luke“ an diesem Abend ihren Raum. Die schlichten Stücke – sie bilden einen schönen Kontrast zwischen Voyager und Peterchens Mondfahrt.

Und als wären der allegorischen Höhenflüge noch nicht genug, stellt das Trio auch Songs des vor einer Woche aufgenommenen neuen Albums vor, wie das funkige Stück, das vielleicht „Terminal 1“ oder „Charles de Gaulle“ betitelt wird, auf jeden Fall aber den 60er-Jahre-SciFi-Charme des gleichnamigen Flughafens evoziert. Das erzählt Drummer Magnus Öström, der an diesem Abend die Einführungen übernimmt

Nach so viel Abgehobenem goutiert das Publikum Lieder wie „Bergen“ – über den Ort, an dem der gemeinsame Weg der drei Musiker seinen Anfang nahm, oder nach gut eineinhalb Stunden musikalischer Paralleluniversen ganz geerdete Nummern wie das balladeske „Homegrown“, begleitet nur mit Congas und Bass, in der Zugabe.

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