Stiernacken und Hustensaft

Zwischen plakativ und witzig: Hip-Hop mit 187 Strassenbande

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Legen Wert auf Authentizität: Gzuz und Bonez MC von 187 Strassenbande.

Bremen - Von Gareth Joswig. Ein Konzert der Hip-Hop-Truppe (Vorsicht: Eigenschreibweise) 187 Strassenbande ist wie Kurzurlaub in einer Stadt, in die man niemals wollte: Ein paar Stunden hält man das vielleicht aus, aber leben möchte man dort nicht. Viele Gangsta-Rap-Fans im ausverkauften Pier 2 in Bremen fühlen sich jedoch offenbar ganz wie zuhause: Auffällig hoch ist die Quote stiernackiger Halbstarker, die gehen, als hätten sie Rasierklingen unter ihren Achseln.

Der überwiegende Teil des Publikums ist jung. Und nicht alle gucken böse. Es sind auch viele nette Schüler gekommen, die 187 Strassenbande vermutlich einerseits zum Schocken ihrer Eltern hören und andererseits aus „Konträr-Faszination“, wie Roger Willemsen einmal seine „unsympathische Neigung“ nannte, Trash-TV zu gucken.

Die fünf Rapper aus Hamburg jedenfalls liefern wie bestellt: Straßenrap in die Fresse – einschließlich Gewalt- und Waffenverherrlichung, Drogen und Sexismus. In ihren Texten machen sie Werbung für Lacoste, Mercedes und codeinhaltigen Hustensaft. Frage ans Publikum: „Wo sind meine Prolls?!“ Gefühlt alle fühlen sich angesprochen. Dresscode: Trainingsanzug und leichte Turnschuhe, wer es sich leisten kann (Spoiler: nur die auf der Bühne), trägt auch 500-Euro-Coogie-Sweater und Schmuck aus Gold und Platin. An einer Stelle fährt sogar ein Mercedes CL-500 auf die Bühne.

Eltern sind froh, dass pünktlich Schluss ist

Für ein Konzert ist die Stimmung im Publikum ungewohnt aggressiv. Das liegt natürlich zu einem Teil am Testosteron-Überschuss vieler Fans, die die Texte ihrer Gangsta-Idole viel zu ernst nehmen. Zum anderen liegt es vermutlich auch einfach an zu viel Wodka-Energy. Man hat den Eindruck, dass es für viele das erste Konzert ist. Wer sonst würde versuchen, mit einem Bier und den Händen in der Luft zu tanzen?

Humorvoller ist der Auftritt der 187ers. Das Bühnenbild ist das exakte Abbild der Straße auf St. Pauli, in der auch das bandeigene Tätowierstudio liegt. Das ist zwar etwas plakativ, funktioniert aber gut: Sie nehmen ihre Fans mit in ihre Welt, inklusive 187-Graffiti an den Wänden, vollgesprühten Holzbänken und natürlich den bösen Streethustle-Texten. Witzig aber wird es tatsächlich, wenn sich die Gangstas vor diesem Bühnenbild bei so etwas wie einer Choreografie deutlich asynchron auf einem Bein im Kreis drehen. Das hat dann fast schon was von bekiffter West-Side-Story. Dazu passt natürlich das beleuchtete „Imbiss – bei Schorsch“-Schild, das hier, aber auch in der echten Hamburger Straße hängt.

Tabubruch im Mutterland des Gangsta-Raps

Zwischen diesen beiden Polen pendelt der Auftritt. Die 187ers spielen ein paar richtig gute Songs, nicht wenige davon vom neuesten Album „Sampler 4“. Highlights sind „Millionär“, dessen Hook eine 90er-Radio-Reminiszenz an „Zombie“ von den „Cranberries“ ist, und natürlich das jüngst trotz deutscher Texte in den USA rezipierte „Was hast du gedacht“ von 187-Frontmann Gzuz. Das Video ist so vollgestopft mit Drogen, Waffen und Sexismus, dass es selbst im Mutterland des Gangsta-Raps noch ein gewisser Tabubruch war.

Mehr als ihre Streetcredibility zur Schau stellen, wollen 187 auch gar nicht. Kaum etwas wird so häufig zitiert wie das eigene Strafregister. Der Vollständigkeit halber: Mehrere Bandmitglieder saßen schon längere Zeit wegen Raubüberfällen und Gewaltdelikten in Haft.

Wie man das findet, muss jeder selbst entscheiden – auf dem Fußweg nach Hause oder bei der Parkplatzparty mit Wodka-O und Red Bull. An den Stirnfalten der wartenden Eltern in der letzten Reihe jedenfalls kann man sehen, wie froh zumindest sie sind, dass die Schimpfwort-Tirade pünktlich um kurz vor zehn ein Ende hat.

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