Zwischen Hitze und Toben

Haydns „Die Jahreszeiten“ in der Glocke

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Regula Mühlemann 

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Schon nach den ersten Takten von Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ mit der Gaechinger Cantorey und der Deutschen Kammerphilharmonie unter der Leitung von Hans Christoph Rademann ist klar: Das wird ein aufregender, wenn nicht gar ein sensationeller Abend. Die fast dreieinhalbstündige Aufführung verläuft dann auch ohne den geringsten Spannungsverlust. Sicher ist das nicht der eher absurden Betitelung „Musikkrimi in vier Teilen“ zu verdanken, sondern auch dem Niveau des Musizierens.

Ein Zeitgenosse hatte anlässlich der Uraufführung von Haydns „Die Schöpfung“ im Jahr 1798 dem Komponisten gesagt: „Sie haben das Feuer vom Himmel geholt“. Genau das wiederholte sich bei den 1801 entstandenen „Jahreszeiten“, die der fast 70-Jährige zwar mit letzter Kraft, aber doch mit ungebrochenem Einfallsreichtum und einer Frische ohnegleichen niederschrieb.

Selten ist so deutlich zu hören, dass die Naturbilder zum Sinnbild für das vergängliche Leben des Menschen werden wie in der Bremer Glocke: Es wird mit dem Orchester gemalt. Da ist der Sonnenaufgang, die todbringende Hitze des Sommers, da sind die Tier- und Naturbilder, der quakende Frosch, die springenden Lämmer und die Schwärme der Fische. Als Kontrast dazu steht die Gewalt der Natur, das Gewitter, die Jagd, das herbstliche Besäufnis. Für alles findet Haydn derart viele Instrumentalfarben, dass Richard Strauss ihn „Vater der Instrumentation“ nannte. Einer der vielen Höhepunkte der Aufführung mit der Deutschen Kammerphilharmonie ist eine Stelle im „Sommer“, in der die Sopranistin ängstlich das vertrocknete Leben der Natur beschreibt und von „Todesstille“ spricht. Ihr antwortet der gewaltige Chor mit dem drohenden Gewitter, dem Donner und dem Toben der Winde.

Dann gibt es da drei Menschen: der Bariton Simon (gesungen von Arttu Kataja), der Tenor Lukas (Werner Güra) und die Sopranistin Hanne (Regula Mühlemann). Mühlemann und Güra singen besonders das Liebesduett Hanne-Lukas betörend schön. Auch Bariton Kataja überzeugt durch seine stimmschöne Innerlichkeit: Den Ideen der Aufklärung entsprechend verkörpern die drei Sänger Bauern, ihre Leben spielen sich vor allem in der Natur ab.

Gewaltig sind die Anforderungen an den Chor. Die Gächinger Kantorei wurde schon 1954 gegründet, unter Hellmut Rilling erlangte sie Weltruhm und nach den überstandenen Querelen mit Rilling und der Übernahme der Stuttgarter Bachakademie durch Hans Christoph Rademann (2013) heißt sie seit 2016 historisierend „Cantorey“. Rademann, vormals Leiter des RIAS Kammerchores und jetziger Leiter des Dresdner Kreuzchores, erweist sich nicht nur in der Glocke als einer der großen und vor allem auch stilistisch vielseitigen Chordirigenten unserer Zeit.

Zusammen mit der wieder einmal glänzend aufgelegten Kammerphilharmonie (vor allem die Bläser) gelingt ein musikalisch aufregender und immer wieder überraschender Abend.

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