Zwischen den Dimensionen

Sprengel-Museum zeigt „Kleine Geschichte der Fotografie“

Giuseppe Penone „Rovesciare i propri occhi. To Turn Upside Down Your Own Eyes“. - Foto: VG Bild-Kunst

Hannover - Von Jörg Worat. Diesen Titel muss man etwas genauer lesen: „Kleine Geschichte(n) der Fotografie (#1)?“ heißt eine neue Ausstellung im Sprengel-Museum. Der Plural deutet schon an, dass es gerade nicht um einen Abriss der Lichtbild-Historie vom 19. Jahrhundert bis heute geht. Während die Nummerierung auf eine geplante Fortführung des Konzepts in weiteren Präsentationen verweist.

Die Auftakt-Schau ist in sechs Themengebiete aufgeteilt, deren Auswahl, wie Kurator Stefan Gronert freimütig einräumt, durchaus subjektiv ist: „Außerdem haben wir uns auf die Zeit ab den 70er-Jahren konzentriert, weil das quasi einen Wendepunkt in der Akzeptanz der künstlerischen Fotografie darstellte.“ Es sind vergleichsweise wenige, dafür um so prägnantere Exponate zu sehen, teils von Stars der Szene, teils unbekanntere Positionen.

Farbwerte aus Manga-Comics

Gleich der erste Raum widmet sich mit der Abstraktion dem vielleicht elementarsten Thema überhaupt: Kann Fotografie nicht überhaupt nur abbilden, was da ist, mithin kaum abstrahieren? Das darf man so nicht stehen lassen. Die quietschbunten Wirbel von Thomas Ruff etwa beruhen auf digitalen Bearbeitungen von Farbwerten aus japanischen Manga-Comics, die der Künstler dann auf Fotopapier abzieht – mit dem klassischen Verständnis von Fotografie hat das allerdings nicht mehr viel zu tun. Die US-Amerikanerin Barbara Kasten wiederum lichtet selbstgebaute Szenarien mit starker geometrischer Betonung ab und erzeugt dabei ein eigenartiges Raumgefühl zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Das erinnert an die konstruktivistischen Bildfindungen von El Lissitzky in den 20er-Jahren, und da sich entsprechende Beispiele ebenfalls im Sprengel-Museum befinden, ist sogar der direkte Vergleich möglich.

Giuseppe Penone „Rovesciare i propri occhi. To Turn Upside Down Your Own Eyes“. - Foto: VG Bild-Kunst

Ein anderer Komplex widmet sich dem Thema „Blick“, und natürlich gibt es auch hier muntere Verwirrspiele. So mutet die Fotografie eines isolierten Glasauges von Claus Goedicke (übrigens das einzige Exponat, das aus der umfangreichen hauseigenen Sammlung stammt) höchst sonderbar an. Irritierend auch das Selbstporträt der Italieners Giuseppe Penone, der die Vorstellung vom „Auge als Spiegel der Seele“ gründlich aushebelt, indem er sich reflektierende Kontaktlinsen einsetzt.

„Weiblicher Körper“ heißt ein dritter Raum, der durchweg ungewöhnliche Blickwinkel bietet. Hier ist unter anderem ein Klassiker von Lynda Benglis aus dem Jahr 1974 zu sehen: Als die US-Amerikanerin von den Machern des Magazins „Artforum International“ zwecks Illustration eines Artikels um ein Porträtfoto gebeten wurde, reichte sie eine Nacktaufnahme mit Sonnenbrille und Riesendildo ein. Die Redaktion wies dies entrüstet zurück; als aber eine Werbeanzeige mit eben demselben Foto geschaltet wurde, gab es plötzlich keine Einwände mehr.

Integraler Bestandteil der Ausstellung ist auch eine Homepage: Unter www.kleinefotogeschichten.de kann man sich zuhause schon ein wenig auf die eigenwillige Präsentation einschwingen – einen Besuch ersetzt das allerdings nicht.

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. September zu sehen.

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