Zwischen Bewunderung und Abscheu: Die Nationalsozialisten und ihr Blick auf den Expressionismus

Die Krux mit der „entarteten Kunst“

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Syke - Von Jörg Worat. „Der eine Künstler erscheint als Bolschewist – und für die Gesinnungsgenossen an anderer Stelle erscheint er als urdeutsch! Das ist etwas außerordentlich Seltsames.“ So wunderte sich der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder bei einer Rede am 3. August 1933 im München. Und brachte damit ein Phänomen auf den Punkt, das bis heute näherer Untersuchung bedarf: Darüber, was „Entartete Kunst“ sei, bestand unter den Nationalsozialisten zumindest anfangs keineswegs Einigkeit. Wohl nirgends wurde das derart deutlich wie bei der Beurteilung der expressionistischen Strömung, was die interessante Textsammlung „Gauklerfest unterm Galgen“ einmal mehr sehr deutlich macht. - Von Jörg Worat.

Das Herausgeberduo Uwe Fleckner und Maike Steinkamp hat Beiträge aus den Jahren 1911 bis 1949 zusammengestellt und mit dem Untertitel „Expressionismus zwischen ,nordischer’ Moderne und ,entarteter’ Kunst“ versehen. An Zwischentönen und Widersprüchlichkeiten mangelt es dabei nicht, wie schon beim eingangs erwähnten Wilhelm Pinder klar wird, der moderne Kunstströmungen durchaus nicht pauschal in die Tonne trat und gleichwohl im NS-Staat Karriere machen konnte. Der Maler und Zeichner Otto Andreas Schreiber, gleich mit zwei Texten vertreten, bezog sogar ganz offen Stellung für den Expressionismus, womit er sich zwar unbeliebt machte, aber doch für die Organisation „Kraft durch Freude“ arbeiten durfte, was er wiederum unter Umgehung der Reichskammer-Meldepflicht zur Ausrichtung zahlreicher „Fabrikausstellungen“ nutzte.

Auf der anderen Seite können sich auch in üblen Hetzschriften lichte Momente finden. Wolfgang Willrich, maßgeblich beteiligt an der Organisation der Ausstellung „Entartete Kunst“ und selbst bekannt für äußerst stereotype Darstellungen von Soldaten und Bauern, disqualifizierte sich in seinem 1937er Aufsatz „Deutscher Stil? Nordischer Stil?“ unter anderem durch den Gebrauch widerlicher Krankheits-Metaphern (Himmler warnte den Genossen einst brieflich vor übergroßem „Amoklaufen“), überraschte jedoch mit einer vergleichsweise differenzierten Stilbeschreibung: „Unser deutsches Volk beherbergt in seiner Seele ebensogut kühle Sachlichkeit wie hingebende Gemütfülle oder sprudelnde Phantasie, ebensogut ruhige Klarheit wie erregbare Leidenschaft, ebensogut Sinn für das gesetzlich Typische wie Freude am reizvoll Zufälligen, humorvoll Grotesken.“ Mit der Keule schlug dagegen drei Jahre zuvor der Kunsthistoriker Kurt Karl Eberlein um sich, der in der modernen Kunst unter anderem „gemalte Holzgötzen, Verbrecher, Magenkranke, Dorfidioten, ausgezogene Freibadindianer“ und „seelenlose Landschaften mit Baumlappen, Seetüchern, Hauswürfeln und Sonnensplittern“ zu erblicken glaubte und spätestens mit der Beschreibung von „gottlosen Verbrecherjuden, die als Christus, schwindsüchtigen Fürsorgenutten, die als Muttergottes auftreten“ alle Grenzen zum vernunftmäßig auch nur irgendwie Fassbaren hinter sich ließ.

Zwei Namen, die immer wieder im Mittelpunkt stehen, sind Emil Nolde und Ernst Barlach, über dessen Skulptur „Berserker“ Goebbels 1924 in seinem Tagebuch geschwärmt hatte: „Das ist der Sinn des Expressionismus. Die Knappheit zur grandiosen Darstellung gesteigert.“ Nolde wiederum war seit 1934 Mitglied einer nationalsozialistischen Partei in Nordschleswig und machte aus seinem Antisemitismus keinen Hehl, so dass selbst ein Hardliner wie NS-Chefideologe Alfred Rosenberg sich zum Herumeiern genötigt sah: Kritik sei sicherlich angebracht, ließ er 1933 wissen, doch „wird man, so glaube ich wenigstens für meine Person, sagen können, dass zweifellos beide Künstler eine ausgesprochene Begabung aufweisen“. Eine andere Debatte kreiste um Franz Marc, dessen Diffamierung für die Nationalsozialisten zum Stolperstein wurde, nicht nur wegen der offenkundigen Beliebtheit von Marcs Bildern – aus gutem Grund wurden sie beim Umzug der Ausstellung „Entartete Kunst“ nach Berlin stillschweigend entfernt –, sondern auch durch Marcs Status als im Ersten Weltkrieg für das Vaterland gefallener Soldat. Der Kunstjournalist Robert Scholz, der nach anfänglichem Eintreten für den Expressionismus opportunistisch voll auf Parteilinie umgeschwenkt und um starke Worte sonst nie verlegen war, nannte 1936 durchaus folgerichtig einen Text „Das Problem Franz Marc“ und kam sicherheitshalber zu dem Schluss, „dass die Gesamterscheinung Marcs in der besonderen Einmaligkeit ihrer seelischen Disposition kunstgeschichtlich überhaupt nicht einzuordnen ist“.

Alle Texte sind kommentiert, dies allerdings nicht immer in gleichbleibender Qualität, weil zuweilen eher deskriptiv als vertiefend. Dennoch ist der Band empfehlenswert, zumal die Herausgeber das ohnehin schon große Spektrum gezielt durch weitere Aspekte ergänzt haben. So stammt etwa die Kritik am Expressionismus nicht ausschließlich von den Nazis: „Er ist die Geste des müden Menschen, die aus sich heraus wollen, um die Zeit, den Krieg und das Elend zu vergessen“, befand schon 1920 mit einiger Arroganz der Dadaist Richard Huelsenbeck. Und Herablassung findet sich auch in den Worten „Die Sehnsucht nach irgendwelchen Urzuständen und die Neigung zu Primitivismen spielen eine große Rolle“ – der marxistische Kunstkritiker Heinz Lüdecke schrieb sie 1949.

Uwe Fleckner / Maike Steinkamp (Hg.) – Gauklerfest unterm Galgen: Expressionismus zwischen „nordischer“ Moderne und „entarteter“ Kunst (De Gruyter, 416 Seiten, 49,95 Euro)

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