„Kraftklub“ feiern explosive Party in der ÖVB-Arena

Zwischen Anspruch und Autoscooter

Hebt höchstens bei den Zugaben ab: Kraftklub-Sänger Felix Brummer. - Foto: Ulla Heyne

Bremen - Von Ulla Heyne. „Keine Nacht für Niemand“ – das rote Banner, das am Freitagabend in der ausverkauften ÖVB-Arena fällt, um die Bühne frei zu machen für die Rapper von Kraftklub, verweist auf die Idole von der Band Ton Steine Scherben. Ob die fünf Chemnitzer mit ihrem dritten gleichnamigen Album die großen Fußstapfen der musikalischen Subkultur mit politischer Aussage füllen können wie 2014 mit ihrer Konsumkritik „Mainstream“ vom zweiten Album?

Zunächst sieht es nicht so aus, arbeiten sich die fünf Männer mit den weißen T-Shirts samt roten Hosenträgern und Jacken doch an eher persönlichen Themen ab: von enttäuschter Liebe, vom Verlieren (im melodiösen „Ich wär auch gern ein Gewinner“ darf die Gitarre im Schein der Feuerzeuge auch mal ein Solo schluchzen) und von der Liebe. „Alles wegen Dir“ wird umgedeutet zur Verneigung vor den Fans – bei allem Erfolg (die letzten Konzerte in Bremen mussten regelmäßig in größere Hallen verlegt werden, alle drei Platten stiegen oben in den Charts ein) bleiben Frontmann Felix Brummer und seine Mitstreiter geerdet.

Sie heben höchstens bei den Zugaben ab, die sie auf einer kleineren Bühne spielen. Doch bis dahin sind es noch zwei Stunden energiegeladener Show. „Gönnt euch“, hat Frontmann Brummer zu Anfang das Publikum aufgefordert – das leistet mit einer nicht enden wollenden, rauschenden Party inklusive Moshpit gern Folge. Den Song „Scheiß in die Disco“ bestimmt das Glücksrad, der Weg zur Bühne wird per „Wett-Crowdsurfen“ bestritten, und im Duett mit der Vorband Von Wegen Lisbeth grölt das Publikum den 80er-Hit „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“ von Klaus Lage mit, fast wie in Halle 7 des Freimarkts nebenan.

Ein ebenso feierfreudiges wie textsicheres Publikum, viele im selben Outfit wie die Herren auf der Bühne, das bei fliegenden Bierbechern und mit nacktem Oberkörper die explosive Mischung aus Hiphop, Punk, Indie und Rap zelebriert und „Am Ende denk ich immer an Dich“ mit Stampfbeat zu Winkehänden skandiert – eine Generation Y, die eine sinnbefreite Party feiert? Mitnichten.

Kraftklub in der ÖVB-Arena

 © Ulla Heyne
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Ironisch greifen die Chemnitzer das Ossi-Klischee auf, setzen sich in Zeilen wie „Unsere Fans sind jetzt Mainstream“ oder „Unsere Texte: Die Bibel einer Generation“ mit Erfolg und Konsum auseinander, „Schüsse in die Luft“ bezieht Stellung gegen Nichtstun und Apathie.

Die Zugabe „Randale“, gefolgt von „Scheiß AfD“-Gesängen, bestreiten die Fünf auf der nicht zufällig wieder heruntergefahrenen Bühne, auf Augenhöhe mit ihren Fans. Die Band bekommt die Kurve: Musik mit Spaß und Niveau, ohne sich oder die Fans zu verlieren, unverkopfte Leichtigkeit ohne Sinnentleerung – geht alles. Das ist auch heute noch hingerotzter Punk, der Geist der im Plattentitel beschworenen Idole.

Und am Ende wollen die Teilnehmer des Bundesvision Song Contest, der sie 2011 über Nacht bekannt machte, natürlich nicht nach Berlin – sondern höchstens noch in den Autoscooter auf dem Freimarkt nebenan. Man gönnt sich.

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