„Das weiße Album“: Beatlemania am Schauspielhaus Hannover

Zwischen allen Stühlen

„Rauf und runter“: Szene aus „Das weiße Album“ am Schauspielhaus Hannover. ·
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„Rauf und runter“: Szene aus „Das weiße Album“ am Schauspielhaus Hannover. ·

Hannover - Von Jörg WoratDie einen johlten vor Begeisterung, die anderen verließen das Schauspielhaus vorzeitig, und beides schien je nach Sichtweise nachvollziehbar: Wie man sich auf fast schon magische Weise zwischen alle Stühle setzen kann, zeigte das hannoversche Staatsschauspiel mit der Premiere von „Das weiße Album“.

Ja, es geht in der Tat um die Beatles-Veröffentlichung aus dem Jahre 1968, die genau genommen nur mit dem Bandnamen betitelt war, aber wegen der superschlichten Hülle als „White Album“ bekannt wurde – zwei Langspielplatten mit einer bemerkenswert eklektizistischen Mischung aus Rock, Blues, Country, Avantgarde-Anwandlungen und noch viel mehr. Dramatiker Roland Schimmelpfennig hat die Texte ins Deutsche übersetzt, Regisseur Florian Fiedler eine Bühnenfassung entworfen, und warum die beiden das alles getan haben, bleibt das große Geheimnis.

Vor drei Jahren in Frankfurt uraufgeführt und nun nach Hannover übertragen, fungiert die Inszenierung als „Konzert mit Live-Musik“ – doppelmoppelndes Sprachspiel oder auch Verweis auf die mittlerweile weitverbreitete Praxis so mancher Band, auf der Bühne mit Einspielungen zu arbeiten. Jedenfalls wird nicht behauptet, es handele sich um einen Theaterabend, was ja schon bei den nicht nur in Hannover äußerst populären Programmen von Franz Wittenbrink durchaus fragwürdig gewesen war: So gekonnt die einzelnen Nummern arrangiert waren, wirkte die inhaltliche Dramaturgie doch meistens höchst aufgesetzt.

Beim „Weißen Album“ gibt es gar keine mehr, eine Handlung findet schlichtweg nicht statt. Fünf Akteure, darunter zwei weibliche, betreten die Bühne und beginnen, zu den Klängen einer vierköpfigen Band zu singen. Der erste Titel ist textlich zumindest im ersten Rang kaum zu verstehen, aber offenbar handelt es sich um „Helter Skelter“, hier in „Rauf und runter“ umgetauft, was deutlich macht, dass die ursprüngliche Reihenfolge der Songs keine Rolle spielt.

Schimmelpfennig, immerhin einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker im Lande, hat sich mehr schlecht als recht durch die Übersetzungsprobleme geschlagen. Vor allem ist keine klare Linie erkennbar: Mal bleibt die Sache so nah wie möglich am Original, wird etwa „Mother Nature’s Son“ zu „Mutter Erdes Sohn“, mal entfernt sie sich weit davon wie im Refrain von „While My Guitar Gently Weeps“, mal geht es mit Reimen wie „saß da“ und „Revolver“ auch ab ins Kalauerland. Man könnte mit einigem Recht einwenden, dass diese Texte eben kaum übertragbar seien – was aber soll dann überhaupt der Versuch?

Im Ankündigungstext werden Zeitgeist und Lebensgefühl beschworen. Beides können allerdings weder Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, noch Regisseur Fiedler, geboren 1977, aus eigener Anschauung bewusst nachempfinden. Es hat daher eine gewisse Logik, dass aus dem Projekt wenig mehr geworden ist als eine einigermaßen muntere Show mit putzigen Choreographien, Cowboyhüten hier und Engelsflügelchen da, Lichteffekten, Projektionen und immerhin einem szenischen Wirkungstreffer, als nämlich unvermittelt die Drehbühne in Bewegung gerät und die eher unglamouröse Hinterbühne enthüllt.

Nicht uninteressant auch, wie mancher Titel seinen ursprünglichen Charakter verliert, „Sexy Sadie“ etwa eine leicht punkige Attitüde bekommt. Unter den Akteuren verdient sich Mirka Pigulla die Bestnote, die auch als Rockröhre Karriere machen könnte und vollen Körpereinsatz zeigt, ohne jemals peinlich zu wirken. Bei den männlichen Kollegen besticht vor allem Özgür Karadeniz, stimmlich ebenso geschmeidig wie tänzerisch, obwohl nicht wirklich superschlank gebaut.

Ansonsten gibt es einigen Durchschnitt und vereinzelt sogar Darbietungen, die man in der Oper mit „indisponiert“ beschreiben würde, wenn etwa zuweilen die Höhen gnadenlos wegbrechen. Auch die Band zeigt sich keineswegs immer voll konzentriert.

Das Publikum? Siehe oben, bei „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ wird allerdings verbreitet fröhlich mitgeklatscht – daraus mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Kommende Vorstellungen von „Das weiße Album“: morgen sowie am 22. und 29. November, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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