Zweiter Blick auf die Ewigkeit

Christoph Brech residiert als Sommergast in den Museen Böttcherstraße

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Wer wirklich sehen will, der wartet: Die Arbeit „Mother and Child (Divided)“ spielt mit einer Figur aus dem Roselius-Haus.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. „Entschleunigung“ klingt ungefähr so sexy wie Rote-Beete-Saft, aber dafür kann sie nichts. Denn wie sich in den gerade frisch entschleunigten Museen der Böttcherstraße am eigenen Leib erfahren lässt, muss weniger Tempo die Welt nämlich gar nicht seichter machen, sondern kann sie auch gerade erst so richtig in Fahrt bringen.

Verantwortlich dafür ist Christoph Brech aus München, der zu den bekanntesten deutschen Medienkünstlern zählt und in diesem Jahr als insgesamt dritter „Sommergast“ in der Böttcherstraße zu sehen ist. Brech hat sich über insgesamt zwei Jahre mehrmals in den Museen umgesehen und das Vorhandene nun um ein paar eigene pointiert gesetzte Arbeiten ergänzt.

Dafür werden die Sommergäste ja auch eingeladen: um die eigene Sammlung mit zeitgenössischen Positionen zu konfrontieren. Nach den Skulpturen von Laura Eckert und Slawomir Elsters Zeichnungen ist in diesem Jahr nun Christoph Brech mit „Dämmerung“ an der Reihe. Und obwohl seine Arbeiten als Medienkunst formal den größten Abstand zur Sammlung der Böttcherstraße aufweisen, gehen sie gewissermaßen doch am engsten auf Tuchfühlung.

Da ist etwa die gotische Doppelfigur aus Maria mit Jesuskind auf der einen, und der Heiligen Anna auf der anderen Seite. Bis vor Kurzem hing sie halb vergessen in einer Nische des Roselius-Hauses unter der Decke. Brech hat sie tiefer hängen lassen, wortwörtlich auf Augenhöhe mit den Besuchern, und mit Hilfe eines Motors ins Drehen gebracht.

Mehr an Bewegung verlangsamt 

Verblüffend ist daran nun, wie ausgerechnet ein Mehr an Bewegung die Betrachtung verlangsamt: Die Figuren drehen sich langsam aus den Schatten, gerade entdeckte Details sind stets nur für einen Augenblick sichtbar – und wer wirklich sehen will, der wartet. Der die beiden Figurenteile trennende Strahlenkranz vergrößert sich über die Schatten weit ins Räumliche hinein und lädt tatsächlich dazu ein, dem Gedanken des Titels dieser Arbeit zu folgen: „Mother and Child (Divided)“. Die end- und ziellose Bewegung: Maria, Tochter Annas, Mutter Jesu – und so weiter.

Subtiler und ganz ohne sakrale Aufladung ist Brechs Arbeit „Infitiy“, ein sich drehendes Stundenglas, in dem der Sand zwar hin und her rieselt – aber nie vollständig auf einer Seite landet. Der Verlauf der Zeit ist so zwar sichtbar, die Funktion der Uhr als Zählmaschine aber ausgehebelt. Und spätestens hier hat Entschleunigung wirklich nichts mehr mit „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“ zu tun, sondern mit: „Schau in die Unendlichkeit, und sieh zu, wie du das aushältst“.

Auch wer davon unverständlicherweise kalt gelassen wird, ist durch Brechs Arbeiten eingeladen, sich in den Museen noch mal neu in Ruhe umzusehen und selbstverständliche Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Ja, klar sagt das jedes Museum über seine als „Interventionen“ angepriesenen Umbaumaßnahmen. Aber hier stimmt es eben auch. So richtig konzentriert sind Brechs Arbeiten dann nebenan, im Paula Modersohn-Becker Museum, ausgestellt. 

Im Dachgeschoss laufen mehrere seiner Filme, außerdem sind eher unscheinbare Exponate aus der Sammlung hierhin umgezogen. Herzstück ist das 50-minütige Video „Alpensinfonie“. Brech verzichtet bei seiner Umsetzung der Strauss-Komposition auf die erwartbaren Alpenlandschaften und präsentiert stattdessen einen an Nietzsche geschulten Film über einen Seiltänzer, der als Kind aufsteigt und sich vor einer statischen Sonne langsam zum erwachsenen Mann wandelt. Zeit jedenfalls, sollte man nicht nur für diese Arbeit mitbringen, sondern auch für Brechs andere – und für den Bestand, der während Brechs Ausstellung tatsächlich einen zweiten oder dritten Blick extra verlangt.

„Christoph Brech. Dämmerung“, bis 16. September, Museen Böttcherstraße

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