Ausstellung „World Press Photo“ im Landesmuseum Oldenburg macht Mut

Der zweite Blick

Noch mal hinschauen: Manche Bilder offenbaren ihre Tiefe erst beim zweiten Blick. Foto: Heyne

Oldenburg - Von Ulla Heyne. Seit einer Woche zieren sie wieder die Wände des Dachgeschosses im Oldenburger Schloss: Fotografische Zeugnisse von Krieg, Gewalt, Zerstörung und Verstörung – kurz: die besten der insgesamt 80 000 eingereichten Pressefotos des vergangenen Jahres. Zum fünften Mal zeigt das Landesmuseum für Kunst & Kulturgeschichte Oldenburg die von einer internationalen Jury ausgewählten Bilder der Wanderausstellung „World Press Photo Exhibition“.

Die Themen kommen bekannt vor: Flucht und Vertreibung, Umweltzerstörung, Mord und Totschlag in Latein-Amerika, dazwischen Porträts, Sozialkritisches und ein bisschen Sport. Nicht verwunderlich, hat sich unsere Welt mit all ihren Problemen in einem Jahr nicht radikal verändert. Und doch ist in diesem Jahr einiges anders. Die Flüchtlingsbewegungen, sie kommen nicht mehr im plakativen Orange der Rettungswesten daher, die seit einigen Tagen sogar DIY-Kunst-tauglich geworden sind. Wo Flüchtlinge gezeigt werden, etwa an der texanischen Grenze, wie im Pressebild des Jahres von John Moore, wird zunehmend das Individuum in den Vordergrund gerückt.

Und auch die Bildsprache ist, jenseits von Schockmomenten wie blutüberströmten Menschen nach einem Sprengstoffanschlag in Kabul, oft eine subtilere. Die Polizei-Forensiker, die sich in der von drei Kugeln durchlöcherten Kühlerhaube spiegeln – sie lassen die Geschichte dahinter nur erahnen.

Ebenso zeigt Yael Martínez‘ „Zyklus des Verschwindens“ von Menschen in Mexiko vor dem Hintergrund der Kriege der Drogenkartelle nicht wie noch vor einigen Jahren die Leichen der auf offener Straße Erschossenen. Vielmehr zeugen die düsteren, wie gemalten Bilder eines vor Gram gebeugten Vaters eines verschwundenen Sohnes oder das geisterhafte, fast außerweltliche Bild eines Mädchens ohne Vater von den Lücken, die fast jede Familie zu beklagen hat.

Auch das lustige Wimmelbild der Frösche im Laich von Bence Máté, ansprechend in der Farbgestaltung und harmonisch im Bildaufbau, erfordert den zweiten Blick; erst bei näherer Betrachtung offenbart sich das Grauen fehlender Schenkel angesichts der gängigen Praxis, die verstümmelten Tiere nach der „Froschschenkelernte“ noch lebend in den Teich zurückzuwerfen.

Und auch Moores Bild des kleinen weinenden Mädchens an der texanischen Grenze, es zündet erst auf den zweiten Blick, dafür umso nachhaltiger: Der Akt der Verhaftung der Mutter durch einen US-Grenzbeamten, er lässt sich nur erahnen, ebenso wie die Trennung von Eltern und Kindern und Unterbringung in unterschiedlichen Abschiebegefängnissen. Übrigens ein Beispiel dafür, was Pressefotografie bewirken kann: Nach dem öffentlichen Aufschrei infolge des „Time“-Titelbilds wurde Trumps perfide Praktik ausgesetzt.

Es ist nicht das einzige positive Signal der Ausstellung. Die Bilder Schwangerer und junger Familien in Latein-Amerika, so alltäglich sie ohne Kenntnis der Hintergründe wirken mögen, haben Symbolkraft: Nach dem Friedensabkommen der FARC-Guerillakämpfer mit der kolumbianischen Regierung erlebte das Land einen wahren Babyboom – Kinder und Familie waren etwas, was die Guerillakämpferinnen sich zum Teil jahrzehntelang versagt hatten. Auch wenn die Bilder relativ belanglos daherkommen („Frieden ist schwieriger in Szene zu setzen als der Krieg“, sagt die Fotografin Catalin Martin-Chico), halten sie doch eine positive Form der Wiedereingliederung und ein Stück Hoffnung fest.

Ebenso viel Mut macht das vielleicht ausdrucksstärkste Bild der Ausstellung, mit dem Brent Stirton in der Kategorie Umwelt den ersten Preis belegte – eine „Söldnerin“ der Aktivistinnengruppe „Akashinga“, zu Deutsch: „Die Mutigen“, toughe Frauen mit paramilitärischer Ausbildung, die versuchen, Wilderern in Zimbabwe das Handwerk zu legen versuchen.

Auch auffällig: Obgleich Oldenburg die letzte Station der Wanderausstellung ist, die Bilder also schon 2018 entstanden, spielt der Umweltaspekt schon hier die große Rolle, die er medial erst später einnahm. Auch hier werden die Konflikte selten zu zugespitzt dokumentiert wie beim Müll sammelnden Kind, das auf einer Matratze inmitten eines Meers von Müll auf einem Fluss in Manila treibt (Mário Cruz). Viel öfter geht es um die Darstellung der Konflikte, die sich aus der Nutzung der Natur erwachsen: Die Menonitenwirtschaft, deren gentechnisch veränderte Sojapflanzungen die Maya-Imker beeinträchtigen, oder die Versandung des Tschad-Sees, dessen Wassermangel den islamistischen Milizen Boko Haram Rekruten in die Hände spielt.

Ebenso kritisch wie sich die Fotografen mit der Welt in all ihren Facetten auseinandersetzen, hinterfragt das Ausstellungsprogramm wiederum die Rolle der Fotografen. Im Rahmenprogramm gehen Themenführungen der Frage der Inszenierung der Pressefotografie nach, und selbst die Naturfotografie wird in einer Podiumsdiskussion daraufhin abgeklopft, wie politisch sie sein darf oder muss.

Ein Besuch der „World Press Photo Exhibition“ lohnt also auch in diesem Jahr – das Landesmuseum Oldenburg bietet noch bis zum 8. März die Gelegenheit, die Bilder vor dem Gang ins Archiv zu sehen. Die nächsten Preisträger werden in wenigen Wochen gewählt – und sind nach der Eröffnung in Amsterdam schon im Mai in Hamburg zu sehen.

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