Zweideutigkeiten nicht vorgesehen: „Wir sind keine Barbaren“ in Bremerhaven

Leider gescheitert

Was für ein Spaß: Daran ändert auch der Fremde nichts.
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Was für ein Spaß: Daran ändert auch der Fremde nichts.

Bremerhaven - Von Andreas Schnell. Sie sind sozusagen glatter Durchschnitt, die beiden Paare, die durch den Zufall zur Nachbarschaft verurteilt sind. Mehr oder minder saturiert, kinderlos zusammen lebend, suchen sie das Heil in der Selbstverwirklichung.

Mario und Barbara sind eher ein altes Ehepaar: Er bastelt an Motorengeräuschen für Elektroautos, sie kocht in einem veganen Restaurant. Die anderen, Linda und Paul, sind eher noch in der Balzphase: er ein etwas schlicht gestrickter Macho, sie kreischvitale Fitnesstrainerin. Die einen, sind einander in Gewohnheit zugetan, die anderen lieben es eher verrucht.

Nächtens klopft es an der Tür, und draußen steht ein Fremder, offenbar ein Flüchtling. Paul schickt ihn weg, Barbara nimmt ihn auf, Mario lässt die gute Geste eher über sich ergehen. Er hat schließlich gerade Barbaras Geburtstag vermasselt, weil er ihr, statt des heiß ersehnten Klapprads, einen gigantischen Flachbildfernseher geschenkt hat, der in Bremerhaven die Bühne überschattet wie das rätselhafte schwarze Objekt aus Kubricks „Odyssee im Weltraum“. Und damit die Rätselhaftigkeit des Fremden spiegelt, der in „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Löhle im Zentrum zu stehen scheint, aber vor allem durch Abwesenheit glänzt. Trotzdem oder gerade weil er die Thermik der Pärchenwelten bis zum Äußersten anheizt.

Sie können ja nicht einmal so genau sagen, wie er heißt, woher er kommt, ja nicht einmal, wie er aussieht. Was wir von ihm wissen, sind Projektionen – in seinen dunklen Augen der Schmerz der ganze Welt, sein Körper repräsentiert eine Ursprünglichkeit, die auch erotisch ist. Er verkörpert aber auch unsere Angst, als imperialistischer Westen eines Tages die Rache der Dritten Welt fürchten zu müssen. Weshalb sich Paul einen Schutzraum in die Wohnung baut – klein, aber sein. So unangemessen für das, was da kommen mag, wie der Versuch einer Gesellschaft, sich abzuschotten gegen die Scharen der um ihr Leben flüchtenden. Dass es zu einem Mord kommt, der – versteht sich – dem Fremden zur Last gelegt wird, ohne dass es dafür einen Beweis gäbe, führt schnurstracks zum krawalligen Höhepunkt des Stücks. Was durchaus eine Gesellschaftssatire im Sinne Yasmina Rezas hätte werden können, wenn Löhle seinen Figuren vertraut hätte. Als wären die nicht schon deutlich genug Spiegelbild unserer Gesellschaft, lässt der Autor auch einen Bürgerchor antreten, der, durchaus nicht ohne Witz, Temperatur nimmt, per statistischer Daten über uns Deutsche, aber auch soziopsychologisch.

Tim Egloff, der am Stadttheater Bremerhaven zuletzt mit den „7 Todsünden“ bewiesen hat, dass er zeitgenössische Stoffe mit Fingerspitzengefühl inszenieren kann, scheint auch nicht mehr Vertrauen die Dialogstrategie Löhles zu haben als der Autor selbst. Anstatt dem Stück die Gelegenheit zu geben, von innen heraus zu eskalieren, treibt er das Ensemble von der ersten Szene an in Hysterie, in überspanntes Kichern und Gestikulieren, sodass sich jegliche Identifikation mit diesen Figuren im Grunde verbietet. Dazwischen lässt er brachial den erfreulich solide einstudierten Laienchor skandieren. Zweideutigkeiten, so will es scheinen, sind nicht vorgesehen.

Dass Andreas Möckel als Mario, Jennifer Sabel als Barbara, Sascha Maria Icks als Linda und der kurzfristig für die Premiere eingesprungene Andreas Hammer als Paul auch anders können, könnte man da beinahe vergessen, gäbe es nicht den Schluss, in dem Sabel als Barbaras Schwester Anna die Selbstgewissheiten der Protagonisten als das entblößen, was sie sind: die mörderische letzte Konsequenz einer Denkart, die keineswegs nicht nur diese Karikaturen pflegen, die uns hier vorgeführt werden. In diesem Sinne ist Egloffs Inszenierung leider auch politisch gescheitert.

Nächste Vorstellungen: 29. Dezember, 8. und 22. Januar, jeweils um 19.30 Uhr.

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