Die Hamburger Staatsoper zeigt „Senza Sangue“ und „Herzog Blaubarts Burg“

Aus zwei wird eins

In der Oper wie im richtigen Leben: Neblig trüb ist der Herbst auch in dem Doppalabend „Senza Sangue / König Blaubarts Burg“ an der Hamburger Staatsoper. - Foto: Monika Rittershaus

Hamburg - Von Wolfgang Denker. Mit der Kopplung der Opern „Senza Sangue” von Peter Eötvös und „Herzog Blaubarts Burg” von Béla Bartók zu einem knapp zweistündigen, ohne Pause gespielten Abend ist der Hamburgischen Staatsoper ein veritabler Volltreffer gelungen. „Senza Sangue” wurde 2015 in Köln konzertant uraufgeführt. Eötvös hat seine Oper bewusst daraufhin konzipiert, um sie mit Bartóks Werk zu verknüpfen. Das ist ganz hervorragend und eindrucksvoll gelungen, wie sich bei der Hamburger Produktion (der ersten szenischen in Deutschland) in der Regie und Ausstattung von Dmitri Tcherniakov zeigte.

In „Senza Sangue” treffen ein älterer Mann (Sergei Leiferkus) und eine junge Frau (Angela Denoke) aufeinander. Die Familie der Frau wurde einst von Partisanen ermordet. Sie musste dies als kleines Mädchen in einem Versteck mit ansehen. Einer der Täter entdeckt das Mädchen. Er verrät sie aber nicht und rettet dadurch ihr Leben. Die Oper setzt bei ihrer Begegnung auf einem Platz irgendwo in Italien ein. Ein großzügiges, wunderbares Bühnenbild fängt diesen in neblige Tristesse getauchten Schauplatz ein. Beide erkennen sich, gehen in ein Straßencafé und sprechen, jeder aus seiner Sicht, über die damaligen Ereignisse, ihre Gefühle und ihrer Traumata. Aber die Frau verzichtet auf Rache und geht mit dem Mann in ein Hotel, um dort eine Nacht mit ihm zu verbringen. Der Weg ins Hotel wird in einem Video gezeigt.

Danach hat sich die weite Bühne in ein klaustrophobisches Hotelzimmer verwandelt. Beide liegen auf dem Bett. Es sind zwar jetzt andere Sänger (Bálint Szabó und Claudia Mahnke), aber im gleichen Kostüm. Hier setzt nahtlos die Bartók-Oper ein. In der Inhaltsangabe des Programmhefts heißt es: „Eine fiktive Situation unter dem Namen ausgedachter Figuren zu durchleben, ist ein Mittel, Angst zu überwinden – die Angst davor, über unsere realen Alpträume zu sprechen.“

Die Figuren Judith und Blaubart sind in dieser Sichtweise also nur Bestandteil eines Rollenspiels, mit dem die junge Frau und der Mann in fast therapeutischer Form ihr Gespräch im Café fortsetzen. „Senza Sangue“ besteht aus sieben Szenen, korrespondierend mit den sieben Türen in Blaubarts Burg. Gegen Ende zeigt ein weiteres Video das verängstigte Mädchen in seinem Versteck und den erstaunten Blick des Partisanen.

Tcherniakov hat in seiner Inszenierung mit ausgefeilter Personenführung dieses seelische Kammerspiel zu einem beklemmenden Ereignis gemacht und eine ganz andere Sichtweise auf Bartóks „Blaubart” eröffnet. Aus zwei wird eins – das ist hier in beeindruckender Verdichtung gelungen. Und es bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Musik. Peter Eötvös, der bei beiden Opern am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg steht, hat in seiner Komposition seinen eigenständigen Stil gewahrt, sich dabei aber durchaus an Bartók angenähert. Auch bei ihm gibt es gewaltige Eruptionen, auch bei ihm erzählt die Musik oft, was im Libretto unausgesprochen bleibt. Zwar enthält die Tonsprache von Eötvös weniger geheimnisvolle Farben, ist aber in ihren Details und ihrer feinsinnigen Differenzierung ein überzeugendes Gegengewicht zu Bartók.

Angela Denoke und Sergei Leiferkus sind in „Senza Sangue” ideale Besetzungen. Die etwas schartige Stimme von Leiferkus passt für die Partie sehr gut. Claudia Mahnke und Bálint Szabó haben zugegeben die dankbareren Aufgaben, die sie mit glutvoller Intensität und opulentem Stimmklang erfüllen. Ein beglückender Opernabend!

Die nächsten Vorstellungen: Dienstag, 15. November, Samstag, 19. November, Mittwoch, 23. November, Samstag, 26. November, jeweils um 19.30 Uhr, Staatsoper Hamburg.

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