Schauspiel, diesmal mit Text: Frank-Patrick Steckel zeigt am Theater Bremen Macbeth als Opfer seiner selbst

Zwei Politprofis erproben den Aufstieg

Sitzt gut: Feldherr Macbeth (Glenn Goltz) hat sich eine Krone gebastelt.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Die Spielzeitvorschau hatte gelogen. Shakespeares „Macbeth“ war zum Saisonstart angekündigt worden. Doch statt des Originals hatte am Sonntagabend ein Stück namens „Die Macbeth Tragödie“ Premiere.

„Deutsch von Frank-Patrick Steckel“: Hat also wieder einmal der Regisseur zugeschlagen und aus dem Klassiker ein ganz neues, eigenes Werk komponiert? Nein, nein. Denn bei „Die Macbeth Tragödie“ handelt es sich um nichts anderes als eine Übersetzung des Shakespeareschen Originaltitels.

So unbedeutend erscheint die Formbezeichnung „Tragödie“, dass sie im deutschen Titel für gewöhnlich außer Acht gelassen wird. In Bremen aber sollte diesem Detail eine richtungsweisende Funktion zukommen. Das Tragische nämlich, die Verstrickung des Helden in sein Schicksal, ist dem Klassiker im deutschen Sprechtheater abhanden gekommen – was daran liegt, dass dieses Theater gerne moralisch argumentiert. Da ist Macbeth ein rücksichtsloser Karrierist, der für seinen Egotrip zu Recht die Zeche zahlt. Und seine Frau ist die böse Anstifterin, die am Ende zwangsläufig dem Wahnsinn verfällt. All das erscheint logisch, aber nicht schicksalhaft.

Steckels Macbeth ist, wie das gesamte militärische Personal, mit einer recht kläglichen Rüstung ausgestattet. Nicht mehr als ein paar Pappscheiben schützen seinen Körper vor gegnerischen Attacken. Die Bühne (Sabine Böing) zeigt ein karges Schlachtfeld. Unten: ein brauner Teppich. Oben: kleine Lampen auf schwarzem Grund. Wer es erhabener mag, sieht im Teppich verbranntes Gras und in den Lampen die Weiten des Sternenhimmels.

Alles ist eine Frage der Perspektive. So, wie auch die Pappkostüme einerseits an Kinderspielzeug erinnern, andererseits ihre kantige Form die Darsteller zu befremdlich statischen, mithin unheimlichen Bewegungen zwingt. Die Ritter des schottischen Königreichs sind eben Kinder und Erwachsene zugleich, Spiel und Ernst liegen in ihrem Tun nahe beieinander.

Auf gespenstische Weise zeigt sich das im Auftritt des Königs Duncan (Gerhard Palder). Gebieterisch und unterwürfig zugleich, herrisch und dann doch wieder infantil kommuniziert er mit seinen Soldaten. Der Thron ist ihm wenig mehr als eine Bühne zum Theaterspiel. Befehle erteilen, würdevoll den Mantel schwingen, weihevolle Sprüche klopfen: Was macht König sein nicht Spaß!

Des Monarchen Feldherr Macbeth (Glenn Goltz) hingegen beschränkt seine kindlichen Anwandlungen zunächst auf das Basteln einer Pappkrone. Im großen Spiel um die Macht will er den Überblick behalten: ein Spiel, für das ihm die drei Hexen (Nina Fleiner, Iris Bettina Kaiser und Verena Neher in Klischeekostümen mit wehenden Röcken, Kopftüchern und Hakennasen) gute Chancen versprochen haben. In sich gekehrt, den Blick meist starr ins Publikum gerichtet, monologisiert er über die Möglichkeiten seines Aufstiegs.

Nein, es sei zu früh, Duncan zu ermorden, spricht Macbeth mehr zu sich selbst als zur neben ihm sitzenden Ehefrau (Susanne Schrader). Schließlich habe dieser ihn soeben erst befördert: „Von allen Seiten goldne Komplimente, die wollen im neuen Glanz getragen sein und nicht sofort verschrottet.“ Das sieht die Lady anders. Ob er sich etwa fürchte, den entscheidenden Schritt zur Macht zu unternehmen? „Deinen Kriegsmut zieh‘ bis zum Anschlag auf, und uns misslingt nichts“, schnarrt sie, ihren Blick gleichfalls ins Leere heftend. „Ich bin soweit“, bekundet schließlich Macbeth regungslos: „Das Horrorkunststück spannt mir alle Sehnen!“ Keine Spur von Überredung, kein Pantoffelheld in Sicht, der seiner Frau zuliebe Bluttaten begeht. Statt dessen: zwei Politprofis, die in kühler Abwägung des Für und Wider eine Strategie zum Machtgewinn ersinnen. Am Ende überzeugen die Argumente der Lady.

Im Verhältnis zu so manch anderem Herrscher des Mittelalters, sagt Regisseur Steckel, falle Macbeths Mordbilanz einigermaßen harmlos aus. Anders als die nicht minder tyrannischen Amtsvorgänger aber mache er sich über seine Taten überhaupt Gedanken.

Auf der Bühne zeigen sich diese Reflexionen in Form von Gespenstern. So taucht am königlichen Bankett unversehens der zuvor aus dem Weg geräumte Gefolgsmann Banquo auf (Jan Byl als graue wandelnde Leiche). Dass Macbeth vor versammelter Hof-Mannschaft auf die nur ihm sichtbare Erscheinung einredet, markiert sein eigentliches Schicksal: Er ist zu sehr Mensch für die Politik, ist zu abhängig von seinem eigenen Unbewussten.

Frank-Patrick Steckel zählt zu den alten Hasen seines Fachs, was er mitunter zum Anlass nimmt, sich über Inszenierungstendenzen der jüngeren Regiegeneration kritisch zu äußern. So erklärte er erst kurz vor der Premiere, seine „Macbeth“-Produktion sei auch als Reaktion auf „eine bestimmte Entwicklung“ im deutschen Theater zu verstehen – wobei er durchblicken ließ, dass damit ein mangelhaftes Textverständnis gemeint sei. Was im Rezensenten zugegebenermaßen den Ehrgeiz befördert, das Haar in der Suppe zu finden. Fehlt etwa nicht die Begründung dieses Egotrips? Weshalb ein Mensch allen alltäglichen Freuden entsagt, bloß um Macht zu erlangen? Selbstverständlich. Doch entspricht dieser Umstand der voraufklärerischen Dramatik. Shakespeare lässt die ursächliche Motivation offen.

Es ist umsonst, das Haar lässt sich nicht finden: Steckels Sicht auf den Aufstieg und Fall des schottischen Feldherrn zeugt in jedem Detail von profunder Textkenntnis und raffinierter Deutungsgabe. Die von ihm erarbeitete Bühnenfassung vereint historisches Bewusstsein mit gegenwärtigem Anspruch. Und in ihrer theatralen Umsetzung zeigt sich, dass jedes Wort bedeutend, jede Betonung durchdacht ist. Seine Schauspieler treibt Steckel zu Höchstleistungen. Das gilt natürlich für Glenn Goltz, der in Macbeth den Widerstreit zwischen dem Bewussten und dem revoltierenden Unbewussten erahnbar werden lässt. Das gilt aber auch für Susanne Schrader, die der Argumentation ihrer Figur eine impulsive Emotionalität verleiht und damit den strategischen Überlegungen Macbeths eine feminine Variante gegenüberstellt. Für ihn wie für sie ist das Ziel gleich; der Weg dorthin aber nicht. Dass die Pappkostüme mitunter auch albern anmuten, ist völlig konsequent – politisches Machtstreben offenbart immer gleichermaßen erschreckende wie alberne Facetten.

Shakespeares „Macbeth Tragödie“ ist in Steckels Inszenierung jedenfalls nicht von Pappe. Und wer literarisch wie theatralisch auf diesem Niveau agiert, darf auch auf vermeintliche Fehlentwicklungen des Theaters schimpfen.

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 24. und 31. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr.

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