Zwei Brüder kämpfen sich durch den Krieg: „Das große Heft“ am Theater Bremen

Überleben ist Kopfsache

Wer Gefühle zeigt, der hat keine Chance: Ein Leben nach dem Krieg gibt es nur für die beiden menschlichen Roboter.
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Wer Gefühle zeigt, der hat keine Chance: Ein Leben nach dem Krieg gibt es nur für die beiden menschlichen Roboter.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Der Krieg ist eine fremde Welt geworden für dieses Publikum nach 70 Jahren in Frieden. Wie er sich anfühlt, vermag kaum noch jemand zu sagen in diesem Land. Bald ist niemand mehr da, der uns erzählen könnte, wie man ihm begegnen muss, wie man ihn erträgt und vor allem wie man ihn überlebt.

Das Theater Bremen hat den Krieg in ein kleines Loch gepackt: die kleine Bühne im Brauhauskeller, vor einigen Jahren eigentlich schon aufgegeben als Spielstätte des Schauspiels. Hier fliegen nun die Bomben und Granaten, wenn auch nur ganz leise. „Das große Heft“ heißt das Stück nach dem gleichnamigen Roman der ungarisch-schweizerischen Autorin Ágota Kristóf. Es erzählt weniger vom Krieg selbst als vielmehr von der Kunst, ihn zu überleben – seelisch, nicht körperlich.

Auf der kargen Bühne mit rechteckigem Metallgestänge (Bühne: Franzsika Waldemer) erscheinen uns zwei junge Burschen in mausgrauen Gewändern (Peter Fasching und Justus Ritter). Sie seien Zwillinge, sagen sie, von ihrer besorgten Mutter aus der Stadt aufs Land gebracht. In die Obhut der Großmutter, die alle aber bloß „Hexe“ nennen: weil sie so alt, hässlich und böse sei. Weil sie sich niemals wasche und alles verkommen lasse. Großmutter selbst (Irene Kleinschmidt) äußert sich ungern dazu. Meist sitzt sie einfach nur da und raucht.

Das Leben bei Großmutter entpuppt sich als Krieg im Kleinformat: ein Existenzkampf in einer verwahrlosten, feindlichen Welt, eine tägliche Herausforderung für Geist und Seele. Die Zwillinge trainieren sich darin in der Bezähmung ihrer Gefühle. Sie beschimpfen einander so lange, bis ihnen die Beschimpfungen der Nachbarn nichts mehr ausmachen. Sie schlagen einander, bis sie die Schläge der anderen nicht mehr spüren. Sie hungern so lange, bis sie der Hunger des Alltags nicht mehr berührt. Den Krieg überleben, das ist für diese Beiden vor allem eine Kopfsache: Wer sich von Gefühlen übermannen lässt, der hat keine Chance.

Nebenan lebt das Mädchen mit der Hasenscharte. Wo die Brüder trainieren und üben, vertreibt dieses sich die Zeit mit Spielen. Beim Hofhund findet sie sexuelle Erregung, bei der Ziege schlürft sie gierig die Milch: Den Krieg überleben, das ist für sie vor allem eine Gefühlssache. Wer nicht genießen kann, der hat den Sinn seines Daseins schon verloren.

In der eisig nüchternen Sprache der abgebrühten Selbstoptimierer erzählen die Brüder davon, wie Gefühle in den Tod führen und Strategien ins Leben. Sterben muss etwa die Magd des Pastors, nachdem sie sich an den beiden Jungen befriedigt hat. Sterben muss auch das Mädchen mit der Hasenscharte, das sich gleich nach dem Einmarsch der gegnerischen Truppen den fremden Soldaten hingegeben hat. Und sterben muss auch der plötzlich zurückgekehrte Vater, der an einer mit Minen und Stacheldraht gesicherten Grenze seinen Freiheitsdrang mit Blut bezahlt. Leben dürfen einzig die beiden menschlichen Roboter, die ohne mit der Wimper zu zucken über die Leiche des eigenen Vaters ins gelobte Land spazieren.

Das wirkt auf der finsteren Bühne in diesem reduzierten Spiel betont absurd, ästhetisch verortet irgendwo zwischen Kafka und Beckett. Wesentlich neue Einsichten lassen sich darin nur schwer ausmachen, sollte Regisseurin Theresa Welge aus Kristófs rätselhafter Versuchsanordnung eine konkrete Aussage entnehmen, so wird diese jedenfalls nicht hinreichend deutlich. Darstellerisch gibt es aufgrund der maskenhaften Charaktere wenig zu zeigen, alle drei lösen ihre Aufgabe ordentlich, wenn auch mit ungewöhnlich vielen Versprechern.

Das im Titel versprochene „große Heft“ übrigens dient – auch das eine „Übung“ – zur Erfassung ausschließlich wahrhaftiger Thesen. „Die Großmutter sieht wie eine Hexe aus“, sagen die Zwillinge, sei nicht wahrhaftig und damit eines Eintrags ins „große Heft“ unwürdig. „Die Leute sagen, die Großmutter sehe wie eine Hexe aus“ sei unzweifelhaft wahr und damit fürs „große Heft“ geeignet. So einfach schafft man die Lüge aus der Welt. Die Moral aber noch lange nicht hinein.

Kommende Vorstellungen von „Das große Heft“: heute sowie am 27. Mai, jeweils um 20 Uhr im Brauhauskeller.

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