Zusammen statt allein

Neue hannoversche Intendanz setzt auf Verzahnung der Sparten

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Sonja Anders ist die neue Schauspiel-Intendantin des Staatstheaters. 

Hannover - Von Jörg Worat. Riesenauftrieb im Schauspielhaus-Foyer: Die neue Führungscrew des Staatstheaters stellte sich selbst und das Programm der kommenden Saison vor. Dann wird Sonja Anders Intendantin des Schauspiels und Laura Berman diejenige der Staatsoper sein, während Marco Goecke den Posten des Ballettdirektors übernimmt.

Wollte man der sehr ausführlichen Pressekonferenz eine große Überschrift verpassen, so könnte diese „Verzahnung“ lauten, ersichtlich bereits daran, dass Vertreter aller Sparten gemeinsam auf dem Podium saßen – in Hannover bei der Programmpräsentation bislang unüblich. Entsprechend soll künftig die Zusammenarbeit zwischen Schauspielern, Sängern und Tänzern ausgeweitet werden. Ferner gibt es das Bestreben, die Grenzen zwischen Produktionen für Erwachsene und Jugendliche noch mehr zu verwischen, wozu unter anderem gehört, dass Spielstätten nicht mehr gesondert für bestimmte Zielgruppen ausgewiesen werden.

„Ich glaube, dass Einstufungen wie ,U‘ und ,E‘, ,Klassik‘ und ,Pop‘ an Bedeutung verloren haben“, sagt Laura Berman, zuletzt Operndirektorin am Theater Basel. Sie stellt ihre erste hannoversche Spielzeit unter das vielleicht etwas sperrige Motto „Koordinaten des Anderen“ und geht mit zwölf Premieren sowie neun Wiederaufnahmen ins Rennen. Dazu kommt die Uraufführung einer Kooperation mit dem Schauspiel: „Der Mordfall Halit Yozgat“ von Ben Frost behandelt ein Thema aus dem NSU-Umfeld und soll musikalisch eine Bandbreite zwischen „konzentriertem Minimalismus und raumgreifendem Dark Metal“ abdecken.

Laura Berman kümmert sich ab sofort um die Inszenierungen an der Staatsoper.

Eröffnet wird die Spielzeit am 14. September mit „La Juive“ von Fromental Halévy: „In der Oper von 1835 geht es um Machtmissbrauch, ein immer noch aktuelles Thema“, betont Berman. „Zugleich ist es eine Grand Opéra, mit der wir alle Abteilungen bis hin zu Kostüm- und Bühnenbild zum Auftakt voll zur Geltung bringen können.“ Ansonsten reicht die Palette von einer Neuinterpretation der „Tosca“ über John Adams‘ „Nixon in China“, bis zu „Kuckuck“, einer Oper für Babys. Im Ballett dürften sich gewisse Akzentverschiebungen ergeben. Marco Goecke zollt zwar der Klassik durchaus Respekt, doch ausgeprägt neoklassische Elemente wie beim jetzigen Ballettdirektor Jörg Mannes werden wohl in den Hintergrund treten. Goecke will unter anderem „Der Liebhaber“ nach Marguerite Duras zur Uraufführung bringen: „Es wundert mich, dass noch kein Ballett diesen wunderbaren Stoff aufgegriffen hat.“

Klare Ansage von Sonja Anders, zurzeit noch Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am DT Berlin: „Dieses Theater wird weiblicher werden.“ Was durchaus wörtlich zu verstehen ist: Das auf 30 Mitglieder aufgestockte hannoversche Schauspielensemble besteht nun je zur Hälfte aus Frauen und Männern, ferner sind zahlreiche Regisseurinnen und Autorinnen vertreten. Im Einzelfall wird sogar der Stoff feminisiert: Tschechows „Platonow“ heißt hier „Platonowa“. Insgesamt sind 27 Neuproduktionen geplant, etwa Hebbels „Judith“ oder Bölls „Katharina Blum“, und zum Auftakt am 13. September steht die Uraufführung von „Zeit aus den Fugen“ nach dem Roman von Philip K. Dick, bekannt vor allem durch die Vorlage für den Film „Blade Runner“, auf dem Programm.

Marco Goecke wird neuer Ballettdirektor.

„Zeit aus den Fugen“ ist vor genau 60 Jahren erschienen, der Titel bei Shakespeare entlehnt – gleichwohl passt er bestens ins 21. Jahrhundert. Denn natürlich will auch Sonja Anders Theater fürs Hier und Heute machen: „Ich habe zwei große Themen im Blick: den politischen Gestaltungsraum des Einzelnen und die Landschaftsvermessung der menschlichen Seele. Sie haben viel miteinander zu tun, und ich möchte beleuchten, wie es damit unter den aktuellen Umständen aussieht.“

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