Sieben Wege aus geschlossenen Systemen im Künstlerhaus Bremen

Zunge zeigen

Blick auf das „Theatre of Speaking Objects“ von Eva Kot‘atkova. ·
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Blick auf das „Theatre of Speaking Objects“ von Eva Kot‘atkova. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingMan könnte es einen aufopferungsvollen Einsatz für ungetrübte Blicke auf die Kunst nennen. Es ließe sich darin aber auch eine wenig freundliche Geste in Richtung des Ausstellungspublikums sehen. Nicht zuletzt wirft die österreichische Künstlerin Marlene Haring mit ihrer Performance „Lickingglas“ Geschmacksfragen auf.

Stattgefunden hat die Aktion, die jetzt mit zwei Fotografien in der neuen Ausstellung des Künstlerhauses Bremen dokumentiert ist, im Mai 2010 in der Wiener Galerie nächst St. Stephan. Auf einem Hubwagen aus dem Fensterputzergewerbe schleckte Haring von außen sorgfältig die Scheiben des Kunstraums ab. Zumindest bis zum nächsten Regen hätte ihr Speichel auf dem Glas wie eine bemalte Leinwand gelesen werden können, vielleicht als eine wie auch immer zu bewertende Umwendung einer traditionellen künstlerischen Handlung. Was Harings Lecken für die Künstlerhaus-Ausstellung mit dem Titel „7 Ways to Overcome the Closed Circuit“ jedoch im Kern interessant macht, ist das Spiel mit der Raumsituation. Das für gewöhnlich im Innenraum stattfindende Kunstereignis ist hier nach außen verlegt. Grenzen und Gepflogenheiten werden aufgebrochen, Perspektiven gewechselt. Ein in der Regel in Gestalt ritualisierter Korrespondenzen etablierter Kunstbetrieb gerät durcheinander.

In Kooperation mit dem Museum of Contemporary Art Belgrade hat die Bremer Künstlerhaus-Leiterin Stefanie Böttcher nach eigenen Worten sieben Beiträge zeitgenössischer Künstler zusammengetragen, „die sich mit den Reibungen an und Verschiebungen von geschlossenen Zuständen – räumlicher bis hin zu mentaler Art – künstlerisch auseinandersetzen“.

In einer Video-Arbeit von Sasa Tkacenko wird das Museum für Gegenwartskunst in Belgrad selbst zum Thema, und das Motiv „geschlossener Raum“ tritt in einer eher profanen Bedeutungsvariante auf. Ursprünglich lediglich für Sanierungsarbeiten auf Zeit geschlossen, ist das Haus immer noch nicht wieder bespielbar, die öffentliche Hand verweigert Geld. Mit Tkacenkos Video, das die Räume in langsamen Kamerafahrten meist aus der Untersicht zeigt und bisweilen einen Skater mit ins Bild rückt, ziehen einerseits künstlerisches Leben und sportliches Vergnügen ein. Andererseits werden der Leerstand und der Verlust für die junge serbische Kunst umso spürbarer.

Eine individuelle Grenzerfahrung dürfte Mladen Miljanovic seinem ehemaligen Akademie-Professor Veso Sovilj beschert haben, als er diesen von einer militärischen Sondereinheit der serbischen Republik hat festnehmen und zu einem Verhör überstellen lassen. Befragt wurde der Lehrer, der an einen Lügendetektor angeschlossen war, zu künstlerischen Grundsätzen und Problemen, zu philosophischen Themen und persönlichen Dingen. Der Film in der Ausstellung zeigt zwischen Action und Doku die Entführung und das Verhör. Miljanovic „schenkte“ die Aktion seinem Mentor Sovilj, der eine Befragung des eigenen künstlerischen Tuns schon immer auf der Projekt-Agenda hatte, zu dessen 30-jährigem Berufsjubiläum.

Politische Grenzen, nationale Identität und die Herausforderungen, die sich aus dem prekären Status eines Landes ergeben, behandelt Ivana Smiljanic prägnant und subtil zugleich in ihrer Arbeit „Doubt/Determination“, einem Stempeldruck auf der Ausstellungswand. Im Habitus offizieller Verlautbarungen, rote Farbe und kyrillische Schrift, formt der Stempel „Zweifel“ die Fläche Serbiens, der Stempel „Entschlossenheit“ die des Kosovos. Die Grenzlinien innerhalb des Gesamtgebildes, das das geographisch-politische Verständnis Belgrads widerspiegelt, sind grafisch nur bei genauem Hinsehen erkennbar. Sie trennen aber inhaltlich markant verschiedenen nationale Mentalitäten.

Theater der

sprechenden Dinge

Während das Künstlerduo Libia Castro und Olafur Olafsson durch den Entwurf einer Briefmarke mit der Aufschrift „Dein Land existiert nicht“ in einem beiläufigen Klecks-Rahmen geopolitische Konstellation grundsätzlich aufweichen will, geht es Ulf Aminde um die Aufhebung alles Trennenden in Liebe und Lebensgemeinschaft. Er zeigt einen Text seiner Partnerin Svenja Leiber, der um Individualität, verschiedene Lebensfelder und um Gemeinschaft kreist. Verbindung ist das greifbare Thema in Amindes skulpturaler Miniatur „The Weight“, einem amorphen Klumpen aus den eingeschmolzenen Eheringen von Aminde und Leiber. Das Formlose – symbolische Direktheit mit eigenem Charme – spiegelt die Verbundenheit der beiden ohne institutionelle Segnungen wider.

Das größte Werk der Ausstellung ist das sechsteilige „Theatre of Speaking Objects“ von Eva Kot‘atkova. Eine Wand und ein Schrank, ein Mantel und ein Mauer, ein ballonartiges Gebilde und ein „Spinnentopf“ stehen für Personen, die in ihrer Kommunikation gehemmt, gestört oder begrenzt sind, durch Ängste, Beklemmungen, durch Sprachfehler, gesellschaftliche Barrieren. Die mit stilisierten menschlichen Körperteilen erweiterte, auf eindringliche Weise animierte Szenerie wird von einem Soundtrack in unterschiedlichen Sprachen begleitet.

Auch wenn der Besucher diese nicht versteht, fordert der Stimmklang eine Einfühlung in die jeweilige Person und Persönlichkeit heraus. Die Kommunikationsbarriere baut Brücken, lässt beispielsweise die Signale einer verzweifelten Suche nach Gesprächspartnern, eines Aufschreis aus dem Korsett isolierender Panik, eines Rückzugs in einen alles vernebelnden Verlust des Erinnerungs- und Sprachvermögens körperlich-räumlich erfahren.

Künstlerhaus Bremen,

Am Deich 68/69.

Bis 29. Dezember.

Mi-So 14-19 Uhr.

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