Beschwingt und analytisch zugleich:

Zuhause kann man das alles nachschlagen

Bremen - Von Tim Schomacker. Sie spielten nur, dass sie ihre Songs spielen, meinte Thomas Meinecke am Dienstagabend, schließlich sei man hier ja in einem Theater. In grauer Popmoderne-Vorzeit hat der Schriftsteller und Mitbegründer der Band „F.S.K.“ einmal notiert, man solle doch alle Theater in Parkhäuser umfunktionieren. Manches wird man eben nicht mehr los.

So ist es eine eigenartige und zugleich hübsche Situation, wenn eine Rockband-Apparatur mit Schlagzeug, Kabeln und Verstärkern im schwarzen Raum des kleinen Hauses des Bremer Theaters steht. Dahinter eine weiß auf schwarz gepinselte Botschaft, die Landpartien und Umstürze in einen ursächlichen Zusammenhang bringt. Beides passt. „F.S.K.“ – die damals noch Freiwillige Selbstkontrolle hießen – gründeten sich vor gut dreißig Jahren irgendwo zwischen alternativem Kunstbetrieb, Punk und Neuer Deutscher Welle. 1980 gingen viele noch zur Schule, die sich später auf die Musik der Münchner bezogen: Die Goldenen Zitronen, Stella, Knarf Rellöm. Im Publikum sitzen einige, die Bücher über Thomas Meinecke (hier Gitarrist und Sänger) veröffentlicht, Radiofeatures über F.S.K. gemacht haben, oder die akut Ausstellungen mit der Künstlerin Michaela Melián (hier Bassistin und Sängerin) planen. Zusammengenommen ein Ausweis dafür, dass das Quintett mit der Vorliebe für gedehnte, sich wahlweise an Detroiter Techno, frühem deutschen Progressivrock oder auch an deutsch-amerikanischen musikalischen Wechselbeziehungen orientierende Songs ihre bisherigen Jahrzehnte ausreichend kompromisslos, aber auch mit ausreichend Neuerfindungsgabe überstanden hat.

Die Theaterbühnensituation passt insofern, als vieles von dem, was „F.S.K.“ tun, gleichzeitig ungemein beschwingt wie analytisch zerlegt daherkommt. Auf ihrer laufenden Tournee präsentiert die Band neben Material ihrer neuen Platte „Akt. Eine Treppe hinabsteigend“ (der Titel bezieht sich auf ein Bild Marcel Duchamps) einige Songs aus den ganz frühen Tagen. „Das nächste Stück handelt von Josephine Baker“, sagt Meinecke einen Song an. „na, handelt ist übertrieben… zuhause kann man das alles nachschlagen“.

Die freundlich-spröde Art, anzukündigen, was als nächstes zu hören ist, hat etwas dezent Programmatisches. Wie die ausgestellte Musikproduktion wird den Liedern vieles Geheimnisvolles genommen – ohne dass gar nichts Geheimnisvolles übrig bliebe. Meinecke erzählt, dass der Text zu „Erykah sagt“ kaum mehr ist als die mehr oder weniger wörtliche Übersetzung der Selbstbeschreibung, die die eigenwillige R’n’B-Diva Erykah Badu ins Begleitheft ihrer aktuellen CD hineingeschrieben hat. „Gipsy Rose Lee und ihre Freunde“ beginne mit einer schlichten Aufzählung der Nachbarn und engen Bekannten der Burlesktänzerin und späteren Romanautorin gleichen Names. Der Song „Master Sound Recording Studios“ lässt textlich den Blick schweifen übers Interieur der legendären HipHop-Kaderschmiede (u.a. Missy Elliott) im US-Bundesstaat Virginia. Darunter, obzwar ehrliche Verbeugung ein „musikalisch komplett inadäquater“ (Meinecke) Uptempo-Schrengel-Rocksong.

„F.S.K.“ beherrschen die hohe Kunst des Auslotens und Antippens. Namen, Orte, Sounds werden mit musikalischer und anderer Geschichte kontaminiert. Das Eröffnungsstück heißt „Äpfel, Birnen“ und an ihm hängt – wenn man es denn so hören will – ein ganzer Rattenschwanz philosophischer Überlegungen dran: Von Erkenntnistheorie bis Genderforschung. „Warum denn eigentlich gehören Äpfel und Birnen nicht zusammen“, habe Ted Gaier gefragt, der hauptamtlich bei den Goldenen Zitronen ist, bei „F.S.K.“ als Produzent fungiert hat – und vor Monatsfrist auf eben dieser Bühne in der Performance „Der Internationale Strafgerichtshof“ zu sehen war. Spätestens hier wird deutlich, dass gegenwärtige Theaterverantwortliche mit anderer Musik großgeworden sind als ihre Vorgänger – und dass frühere Off-Künstler dadurch mitten im Hochkulturbetrieb angekommen sind. Kann auch gutgehen. Schöner Abend.

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