Émile Zolas Gesellschaftskritik „Bestie Mensch“ als Puppenspiel

Zugfahrt in die Tragödie

Da tanzen die Puppen: Sebastian Kautz (r.) mit seinem Kompagnon Gero John. ·
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Da tanzen die Puppen: Sebastian Kautz (r.) mit seinem Kompagnon Gero John.

Bremen - Von Lars Warnecke. Dass mangelnde Empathie und zunehmende soziale Kälte in der Gesellschaft kein Gegenwartsphänomen ist, zeigt Émile Zolas Kriminalroman „La Bête Humaine“ („Bestie Mensch“) aus dem Jahr 1890 auf eindrucksvolle Weise.

Die Bremer Shakespeare Company und das Metropol-Ensemble haben sich den Stoff des französischen Romanciers als Vorlage für ein Ein-Mann-Schauspiel genommen, das als meisterliches Kabinett aus Puppentheater und Maskenspiel daherkommt. Am Mittwochabend feierte „Bestie Mensch“ im Theater am Leibnizplatz Premiere.

Dabei imponierte vor allem der ungeheuer wandlungsfähige Darsteller und Regisseur Sebastian Kautz. Wie er die zahlreichen, sich voneinander absetzenden Stimmen der Charaktere spricht, wie er mit natürlichem Rhythmus Bewegungsabläufe und Gesten versieht: All dies führt dazu, dass er seinen Figuren Seele verleiht. Sein kongenialer Partner ist Gero John, der das Geschehen live auf dem Violoncello und Keyboard interpretiert und kommentiert.

Zolas Erzählung, die am Vorabend des deutsch-französischen Krieges im Eisenbahnermilieu spielt, hat Kautz zugunsten der theatralen Dramatik zwar verändert, aber nicht entstellt. Der Mensch, so die Botschaft an diesem Abend, ist das Produkt seiner Umstände. Je schlechter seine sozialen Ausgangsbedingungen, desto sicherer schlägt das Bestialische in ihm durch.

Die Industrialisierung, von Zola anhand des rasant zunehmenden Eisenbahnverkehrs geschildert, konfrontierte seinerzeit die Gesellschaft mit den gleichen Fragen, die sich auch dem Menschen im Zeitalter von Tablet-PCs und Smartphones stellen: Wohin führt unsere Technik-Zugehörigkeit? Wie kommunizieren wir miteinander? Verkommen Toleranz, Mitgefühl und Solidarität zu Fremdwörtern?

Roubaud verdankt seinen Job als Bahnhofsvorsteher dem Patenonkel seiner Frau Séverine, einem Eisenbahndirektor. Als er dahinter kommt, dass der Onkel seit frühester Jugend ein Verhältnis mit Séverine unterhält, sieht er rot. Beim Mord an dem Onkel wird er von Jacques Lantier beobachtet, der eigentlichen Schlüsselfigur in der Dreiecksbeziehung.

Der Lokführer ist eine tickende Zeitbombe, innere Dämonen flüstern ihm ein, Frauen zu töten. Noch beschränkt sich seine obsessive Lust auf die Lokomotive „La Lison“. Sie wird zum Symbol für die Gier – nach dem Besitz geliebter Menschen. Bald entwickelt sich Séverine zum Liebesobjekt. Es gibt bei diesem Trio keinen Weg zum Glück. Am Ende steht die Tragödie.

Die Geschichte von Liebe, Eifersucht und Mord erzählt Sebastian Kautz mit zahlreichen inszenatorischen Kniffen, die er teils sogar mit einer gehörigen Portion Humor würzt. So gibt es vor allem mit den Nebenfiguren auch einiges zu lachen. Das atmosphärische, ständig im Wandel befindliche Bühnenbild und die expressiven, teils karikierenden Figurenschnitzereien von Melanie Kuhl tun ihr Übriges und lassen eine so vielseitige wie andersartige Welt entstehen, in die man sich gerne hinein begibt.

Weitere Vorstellungen: am 24. November sowie am 5. und 17. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Leibnizplatz in Bremen.

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