„Zufall, aber schön“

Johanna Borchert im Interview über ihr neues Album

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Freiheit in der Musik: Johanna Borchert. 

Bremen - Von Rolf Stein. Mit ihrem Solo-Debüt „FM Biography“ sorgte Johanna Borchert, die bereits mit der Band Schneeweiß und Rosenrot auf sich aufmerksam gemacht hatte, vor drei Jahren bei Deutschlands Musikkritikern für Aufsehen. 2015 bekam sie den „Echo Jazz“-Award in der Kategorie „Beste Sängerin national“. Vor wenigen Wochen erschien nun ihr neues Album „Love or Emptiness“, das die Sängerin, Pianistin und Komponistin in den kommenden Wochen live vorstellt. Vor dem Tourauftakt am 14. Dezember im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen trafen wir Johanna Borchert zum Interview.

Frau Borchert, Sie sind in Bremen aufgewachsen, im Frühjahr haben Sie in der Glocke gespielt. Ihre Tournee startet im Schlachthof. Ein Zufall?

Johanna Borchert: Bremen ist natürlich auch Heimat für mich. Dass die Tournee im Schlachthof beginnt, ist Zufall, aber es ist schön.

In der Glocke haben Sie schon die Songs Ihres neuen Albums gespielt?

Borchert: Eigentlich sollte das ein Konzert zur Veröffentlichung von „Love or Emptiness“ sein, aber die Platte war noch nicht fertig. Weil wir das Konzert aber auch nicht absagen konnten, haben wir uns gesagt, dass wir dann ein tolles Event daraus machen. Ich habe dann noch extra Arrangements für Streicher geschrieben.

Ihr neues Album geht noch deutlich mehr in Richtung Song, es scheint weniger freie Anteile zu geben als auf „FM Biography“. Ist das eine bewusste Entscheidung gewesen?

Borchert: Ich habe im klassischen Sinne Songs geschrieben. Und dann haben wir mit der Band geschaut, wie wir sie arrangieren. Ich hatte natürlich Vorstellungen, die ich an meine Musiker herangetragen habe. Aber in diesen Anweisungen ist sehr viel Freiheit. Ich schreibe eigentlich nie Noten, außer für die harmonischen Teile. Jeder bringt seinen Sound, seine Ideen ein. Diese Freiheit liegt in der Musik. Ich bin keine Pop-Musik-Produzentin, die sagt: So und so muss das klingen. Das interessiert mich nicht. Ich finde wichtig, dass man herausarbeitet, was die Songs wollen und können. Das kann auch variieren von Konzert zu Konzert.

Auf „FM Biography“ spielten Sie unter anderem mit dem Gitarristen Fred Frith und dem Multiinstrumentalisten Shahzad Ismaily. Mit denen sind Sie aber nicht auf Tournee gegangen. Haben Sie für „Love or Emptiness“ jetzt eine feste Band gefunden?

Borchert: Ja. Ich hab das Gefühl, die checken besser, worum es geht, und sind der Musik und dem Projekt treu. Es ist eher eins geworden.

Aber Sie sind die Bandleaderin?

Borchert: Ich bin ganz klar die Bandleaderin! Ich sag auch, wenn ich etwas nicht mag und was ich mir wünsche. Es ist schwer zu erklären, aber Prince ist das Gegenmodell: Er hat jeden Ton vorgeschrieben, und nicht nur den Ton, sondern auch die Phrasierung. Das mach ich nicht. Aber ich komme mit dem Song und weiß, was ich will. Bei „Your Atmosphere“, dem letzten Song des Albums, wollte unser Schlagzeuger Moritz Baumgärtner unbedingt darauf spielen. Das durfte er aber nicht. Mir war klar, dass da kein Schlagzeug hinkommt. Ich bin schon die Instanz, die sagt: Gefällt mir, gefällt mir nicht. Diesmal war aber auch noch Olaf Opal als Produzent dabei. Der hat so eine Art natürliche Autorität. Wenn er etwas gesagt hat, haben das alle akzeptiert.

Sie und Ihre Band kommen eher vom Jazz, Olaf Opal vom Indie-Rock. Wie kamen Sie auf ihn?

Borchert: Das erste Album war eine Ansammlung von Songs, die ich über fünf Jahre geschrieben hatte. Die Summe daraus war auch ein Zufallsprodukt. Für mich ging es darum, die Songs cool aufzunehmen. Nach dieser Platte wusste ich dann, welche Stücke ich stark fand. Ich wollte eine Platte, wo alle Stücke in sich zur Geltung kommen und stark sind. Deswegen dachte ich, dass es gut ist, mit jemandem wie Olaf Opal zusammenzuarbeiten, weil der so etwas kann. Der checkt das.

So richtig Pop ist „Love or Emptiness“ aber trotzdem nicht. Da hätte man Dinge anders inszeniert. Es ist nicht auf Glamour hin produziert.

Borchert: Das wäre auch interessant. Das dachte ich bei der letzten Platte, dass es geil wäre, mal mit so einem amerikanischen Michael-Jackson-Produzenten zusammenzuarbeiten und diese Songs richtig durchzuschleifen, alles rauszuholen, was geht. Das wäre aber live für uns nicht umsetzbar. Das ist unrealistisch. Aber vielleicht haben Sie mir jetzt einen Floh ins Ohr gesetzt und ich versuche, die nächste Platte noch mehr durchzuproduzieren (lacht). Ich bin allerdings schon mit diesem Album so weit ins Minus gegangen, dass ich denke, ich schau jetzt erstmal, wie ich mit der Musik ein bisschen Geld verdienen kann.

Das ist heute mit Plattenverkäufen ja schwierig. Manche Musiker verdienen heute ihr Geld mit Dingen wie Theatermusik.

Borchert: Ich hab gerade ein tolles Theaterprojekt in Kopenhagen gemacht. „Mary Stewart“ mit zwei Schauspielerinnen und zwei Musikerinnen. Wir Musikerinnen waren genauso gekleidet wie unsere jeweilige Königin und haben ihnen musikalisch vorgegeben, wie sie ihren Text sprechen. Sie durften nur sprechen, wenn wir spielen. Am Schluss musste das Publikum entscheiden, ob Maria Stewart umgebracht wird oder nicht. Das fiel jedes Mal unterschiedlich aus. Das war super spannend.

Johanna Borchert tritt mit ihrer Band am Donnerstag, 14. Dezember, 20 Uhr, im Schlachthof in Bremen auf. Am Dienstag, 19. Dezember ist sie ab 20 Uhr im Stageclub in Hamburg zu sehen. „Love or Emptiness“ (Enja/YXellow Bird) ist am 3. November erschienen.

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