Oldenburgisches Staatstheater zeigt in der Exerzierhalle Björn Bickers Jugendstück „Deportation Cast“

Zucker für die Tränen

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Verzweifelt im Kosovo: Egzon (Denis Larisch) leidet an seiner Krankheit, Elvira (Kristina Gorjanowa) an Heimweh nach Deutschland.

Oldenburg - Von Nina Baucke. Einen klasse Job, den sich die Sachbearbeiterin (Kristina Gorjanowa) da gesichert hat. Lange war sie im Gebäudemanagement tätig – jetzt ist Schluss mit kaputten Heizungen, es geht endlich um Menschen: in der Abschiebebehörde.

Einer muss es ja machen, argumentiert der Arzt (Denis Larisch): „Abschiebung ist wie ein Theaterstück, in dem jeder eine Rolle spielt.“

Da ist es nur konsequent, wenn Björn Bicker sein Schauspiel „Deportation Cast“ nennt – auf Deutsch „Abschiebungs-Besetzung“. Am Mittwochabend erlebte es in der Oldenburger Exerzierhalle in der Inszenierung von Brit Bartkowiak seine Premiere.

Bartkowiak macht aus der Exerzierhalle einen Wartesaal mit Bänken aus Metallsitzen inklusive Cola- und Süßigkeitenautomat (Bühnenbild: Nikolaus Frinke). Sie ist Schauplatz einer Hütte im Kosovo und gleichzeitig einer Luxuswohnung mit Hometrainer in Deutschland. Außerdem ist sie ein Sinnbild für den Wartesaal in Behörden und auf dem Flughafen. Die Abschiebung und die damit verbunden Existenzkrisen, die Trauer, die Angst und die Hilflosigkeit werden zu einem stumpfen bürokratischen Akt, garniert mit Cola und Schokolade, Zucker für die Tränen.

Eine Roma-Familie im Kosovo geht nach ihrer Abschiebung aus Deutschland vor die Hunde: Die Kinder – alle aufgewachsen in Deutschland – hadern mit der alten und gleichzeitig neuen Heimat. Der Vater war vor der Flucht aus dem Kosovo Polizist, jetzt, nach der Abschiebung, sammelt er Müll. In Deutschland vermisst Bruno (Larisch) seine Freundin Elvira (ebenfalls Gorjanowa), die Schuld gibt er seinem Vater (Thomas Birklein), der als Pilot auch am Steuer der Maschine mit den Abgeschobenen gesessen haben könnte.

Es geht um die Fragen nach Schuld und Verantwortung. Vor allem aber geht es um das Warum. Wenn Elvira ihre Mutter (Caroline Nagel) anschreit, warum sie wieder im Kosovo sind, wo sie doch nichts kennt und niemanden versteht. Wenn ihr Vater nach dem Warum für das Trauma seines verstummten Sohnes Egzon (Larisch) sucht. Wenn die Lehrerin (dritte Rolle für Gorjanowa) nach dem Warum sucht, das ihren Schülern die Abwesenheit Elviras erklärt. Wenn Bruno seinen Vater in die Mangel nimmt, warum er als Pilot bei den Abschiebungen mitmischt. „Das ist mein Beruf“, kontert der Vater.

Jeder hat seine Rolle, jeder füllt sie nur aus, sagt der Arzt. Sie mache die Gesetze nicht, sie befolge sie bloß, sagt die Sachbearbeiterin der Abschiebebehörde. Außerdem sind da noch ein Anwalt (Birklein) und eine NGO-Aktivistin (Nagel) – insgesamt vier Beobachter. Das sogar wörtlich, denn immer wieder treten sie aus der Szene heraus und sprechen aus der Distanz über ihr eigenes Handeln.

Schnelle Szenenwechsel und die Mehrfachbesetzungen sorgen dafür, dass es dauert, um die verschiedenen Schauplätze und Charaktere ein-, beziehungsweise zuzuordnen. Hilfestellung leistet da lediglich die Beleuchtung durch Arne Waldl sowie die kleinen Kostümvariationen (ebenfalls Frinke). Auch die Darstellern gelingt es ihren Charakteren Konturen zu verleihen. Dabei machen es Kristina Gorjanowa, Caroline Nagel und vor allem Thomas Birklein dem Zuschauer leicht, ihnen zu folgen, während Denis Larisch vor allem als Egzon zu künstlich wirkt. Seine Figur des stummen Epileptikers kommentiert in Monologen ihre Welt: Warum er das auch noch nach seinem Tod tut und auch die weitere Handlung in Deutschland um Bruno und seinen Vater observiert – diese Erklärung bleiben Regisseurin und Autor dem Publikum schuldig.

Handlungsstränge, wie die Beziehungskrise des Piloten und seiner schwangeren Freundin oder Brunos Versuche, zu Elvira zu gelangen, lassen kalt, ganz im Gegensatz zu dem Aufprall von Elviras Familie in einem Leben, mit dem sie nicht klarkommt. Am Ende kommt der kleine Klecks Hollywood, wenn Elvira und ihre Mutter mit dem Auto nach Pristina zum Flughafen fahren und in ihrer Sprache „California Dreamin‘“ singen. Etwas schale Hoffnung, ein Traum von einem besseren Leben, der wieder im Wartesaal endet – immerhin, die Automaten funktionieren noch.

Weitere Vorstellungen von „Deportation Cast“: 18., 20., 21., 22., 27., 28., 29. und 30. November sowie am 7., 11. und 12. Dezember in der Exerzierhalle Oldenburg.

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