Im Bremer St. Petri-Dom erklingt in siebzehn Konzerten das gesamte Orgelwerk Johann Sebastian Bachs

Zentrum der Orgelmusik

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Domorganist Wolfgang Baumgratz

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Bach ist „Anfang und Ende aller Musik“ (Max Reger), „...der größte, universellste Komponist aller Zeiten, ein Weltwunder...“ (Walter Gieseking). Bach macht „die göttlichen Dinge menschlich und die menschlichen göttlich“ (Pablo Casals), und für den rumänischen Philosophen Emil Cioran ist die Musik von Bach der einzige „Gottesbeweis, den es gibt“.

Domkantor Tobias Gravenhorst

Ab heute erklingt im Rahmen der „Motette im Dom“ (jeweils Donnerstags um 19 Uhr) in siebzehn Konzerten über das ganze Jahr verteilt Bachs gesamtes Orgelwerk. Das Unternehmen wird bewältigt von Domorganist Wolfgang Baumgratz (im letzten Jahr seiner Amtszeit) und Domkantor Tobias Gravenhorst. Die beiden Musiker sprechen über den Schwierigkeitsgrad und die Struktur der Werke, über deren protestantischen und philosophischen Gehalt.

Johann Sebastian Bach hat seit dem Alter von 15 Jahren lebenslang Orgelmusik geschrieben, unabhängig davon, ob er an einer weltlichen (Weimar und Köthen) oder an einer kirchlichen Stelle (Leipzig) war. Er schrieb choralgebundene Musik ebenso wie frei konzertante. Wie sind Sie für die Aufteilung in die Konzerte vorgegangen?

Tobias Gravenhorst: Wir haben uns das Kirchenjahr als Leitschnur genommen. Das war nicht ganz leicht, denn es gibt unendlich viele Passionschoräle und sehr viel weniger in der übrigen Zeit.

Wolfgang Baumgratz: Diese Choräle geben das Thema und den Charakter vor und dem haben wir dann die freien Werke zugeordnet.

Er hat sehr viele Werke geschrieben, die unabhängig sind vom Gottesdienst?

Baumgratz: Ja, aber auch die großen Choralvorspiele sind nicht unbedingt gottesdienstlich zu verstehen,...

Gravenhorst:...da gab es eine Tradition in der Norddeutschen Orgelmusik, die Organisten stellten sich durchaus auch in Konzerten vor.

Viele Komponisten setzen Bach mit Gott gleich. Muss man gläubig sein, um ihn zu interpretieren oder zu hören? Der rumänische Philosoph Emil Cioran nannte ihn einen „Gottesbeweis“...?

Baumgratz: Nein. Ich habe ja viele Schüler aus ganz anderen nichtchristlichen Kulturkreisen. Da wird natürlich der Text besprochen, und er muss verstanden werden. Aber das ist eher philosophisch zu verstehen.

Gravenhorst: Die Musik ist derart schwer zu spielen, dass man immer einen quasi dramaturgischen Überblick behalten muss. Und dafür ist eine dienende Haltung erforderlich, man darf sich bei Bach als Spieler auf keinen Fall in den Vordergrund drängen, das geht schief.

In der protestantischen, oder besser der lutherischen Kirchenmusik wird seine Musik ja als Bibelexegese verstanden. Was meint das genau: Bach, der Protestant?

Baumgratz: Neben der sehr viel klareren Vokalmusik sind das in der Orgelmusik vor allem die Choräle, die Bach in Formen ohne Ende verarbeitet hat

Gravenhorst: Deutliche Theologie gibt es immer. Zum Beispiel „Wir glauben all an einen Gott“ ist unterlegt mit Chromatik, die Musik wirkt doppelbödig. Es fällt auf, dass immer, wenn von Glauben und Sicherheit die Rede ist, Bach so seine kleinen und großen Zweifel einstreut. Oder in „Dies sind die heilgen zehn Gebot“: da gibt es ausdrucksstarke Seufzer, die vielleicht das Leid zeigen, das mit zehn Geboten verbunden ist. Das ist ganz bewusst in lutherschem Sinne komponiert.

Bach hat die meisten seiner Klavier und Orgelwerke auch als Lehrwerke verstanden. Kann man das noch heute so sehen?

Baumgratz: Unbedingt. Die Triosonaten sind ein Prüfstein für jeden Organisten, er ist einfach das Zentrum der Orgelmusik.

Ein Zeitgenosse schrieb über Bach, dass „man kaum begreifen könne, wie es möglich ist, dass er seine Finger und seine Füsse so sonderbar und so behend ineinanderschrenken, ausdehnen und damit die weitesten Sprünge machen kann, ohne einen einzigen falschen Ton ein zumischen“. Rein technisch gesehen: Wie schwer ist Bachs Orgelmusik?

Gravenhorst:Sie ist die oberste Kategorie. Reger, Messiaen, alles sehr schwer, man muss die Töne lange üben. Aber wenn man alle Bachtöne in den Fingern und Füssen hat, dann ist man noch lange nicht fertig und man wird auch nie damit fertig. Da laufen drei Stimmen absolut gleichzeitg und gleichwertig ab: das geht vom Gehirn her eigentlich gar nicht. Ein Mönch sagt mir einmal: Wer die Bibel noch nicht vor Ärger an die Wand geschmissen hat, hat sie noch nicht richtig gelesen. Das gilt für mich auch mit den Bachschen Orgelwerken, und das sieht man meinen Orgelbänden auch an.

Als Bach starb, hatte er mehrere Jahrhunderte der Entwicklung der Polyphonie vollendet und wurde danach erstmal vergessen. Aus heutiger Sicht: gibt es doch etwas Progressives bei Bach? Was wäre das?

Gravenhorst: Bach konzipiert seine Musik in harmonischen Feldern, in denen die einzelnen Stimmen sich frei bewegen und oft untereinander erstaunlich dissonant sind, ohne dass der harmonische Zusammenhalt verloren geht.

Heute, 19 Uhr, beginnt der Bach-Zyklus mit Wolfgang Baumgratz und Tobias Gravenhorst im Bremer St. Petri-Dom. Der Eintritt ist frei.

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