SERIE: DIE NEUNTE KUNST „Paper Girls“ klärt über unsere sonderbare Zeit auf

Die Ära der Zeitreisen

Syke - Von Jan-paul Koopmann. So unmittelbar vor Beginn der 20er-Jahre lässt sich das dann doch einigermaßen sicher festhalten: Brian K. Vaughan und Cliff Chiang haben mit „Paper Girls“ ein, wenn nicht das wesentliche Comic-Epos der Zehner-Jahre geschrieben.

Die in diesem Jahr mit ihrer 30. Ausgabe vollendete Science-Fiction/Nostalgie-Serie wurde nicht nur mit Preisen überhäuft und von der Kritik gefeiert, sondern sie hat ganz offensichtlich auch einen Nerv der Zeit getroffen: Die Kinder der 80er sind erstens erwachsen geworden und haben zweitens kollektiv unter Beweis gestellt, dass sie mit eben dieser Kindheit in den 80ern nicht richtig fertig sind. Dafür steht im Fernsehen „Stranger Things“ – und im Comic (sogar besser noch) „Paper Girls“.

An der Oberfläche geht es um vier 12-jährige Zeitungsausträgerinnen, die in den frühen Morgenstunden nach Halloween 1988 zunächst scheinbar in eine Alieninvasion hinein radeln – und schließlich zwischen die Fronten eines surrealen Krieges geraten, der über diverse Zeitlinien und Realitätsebenen hinweg geführt wird.

Vaughans Geschichte wirkt mitunter ein wenig konfus, wird aber nicht zuletzt durch Chiangs so präzisen wie einfühlsamen Zeichenstil zusammengehalten. Es geht um vier sehr unterschiedlich Mädchen, aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen, mit sehr unterschiedlichen Problemen. Und die haben auch selber über sehr viele Hefte nicht den Hauch einer Ahnung, was eigentlich los ist.

Natürlich drängen da Kommentare auf die popkulturelle Retrodauerschleife der vergangenen Jahre an die Oberfläche. Es geht auch um Generationskonflikte, die seit 1980 irgendwie ausgeblieben sind, um fragwürdig idealisierte Kindheitserinnerungen – und natürlich nicht zuletzt darum, dass diese Heldinnen allesamt weiblich sind. Wer über diesen Comic nachdenkt, der weiß hinterher mehr über unsere sonderbaren Zeiten.

Nötig ist das umgekehrt aber nicht: „Paper Girls“ lässt sich auch als Actioncomic lesen, als Coming-of-Age-Drama und vielleicht sogar als Romanze. Schön ist die Serie in jedem Fall. Und wo sie nun vollständig vorliegt, lässt sich das alles auch endlich ohne wochenlange Pausen zwischen den Heften nachlesen. Die Zeit ist jedenfalls gerade richtig, jetzt, wo „Paper Girls“ drauf und dran ist, aus den Novitätenlisten auf die Ehrenplätze der Comicgeschichte überzuwechseln. Und das wird wohl noch eine ganze Weile so bleiben, auch wenn natürlich eine vage Resthoffnung besteht, dass der Retrowahn mit dem Anbruch der 20er-Jahre irgendwann einmal vorbeigehen wird.

Lesen

Brian K. Vaughan, Cliff Chiang: Paper Girls 1-6, Cross Cult, jeweils 144 S. Hardcover, 22 Euro

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