Rolando Villazón überzeugt beim Musikfest

Zeitlose Trauer

Er kann mehr als nur Herumkaspern: Rolando Villazón zeigt beim Musikfest Bremen den beeindruckenden Stand seines derzeitigen Könnens. - Foto: Harald Hoffmann

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Der mexikanische Tenor Rolando Villazón hat einmal gesagt, er sei kein Sänger und kein Tenor, sondern ein Darsteller. Allein von der Stimme her hatte er viele Krisen zu überstehen; ganz einfach gesagt, hat er sicher zu viel und das falsche Fach gesungen. Und das aus folgendem Grund: Weil seine Stimme – „ein wildes Tier“, wie er sie selbst einmal nannte – ihn mit den zugrunde liegenden Emotionen überwältigt. Dazu hat der „Darsteller“ immer ein wenig zu viel gekaspert. Kein Wunder, dass die Spannung für eine Aufführung im Musikfest groß war, die mit Claudio Monteverdis „L‘Orfeo“ wieder die Basiskonzeption des Musikfestes untermauerte.

Die 1607 in Mantua uraufgeführte erste Oper der Musikgeschichte war nicht nur die geniale Erfindung der Gattung, sie war zugleich ihr erster Höhepunkt, der fast hundert Jahre kompositorisch nicht mehr eingeholt wurde – mit Ausnahme der anderen Opern Monteverdis (Ulisse und Poppea). Es gelingt dem in Bremen beliebten Ensemble „L‘Arpeggiata“ unter der Leitung von Christina Pluhar, das ergreifende Werk so taufrisch erklingen zu lassen, als wäre die Musik gerade erst erfunden worden. Zwar fehlen dem Anfang Glanz und Schwung, aber immer mehr leuchten die Klangfarben in ihrer inhaltlichen Bedeutung: die Harfe zu den Gesängen Orfeos, die Bläser wie Blockflöten und Zinken charakterisieren die Hirtensphären und die Götter der Unterwelt werden durch die Posaunen hervorgehoben. Und durchzogen ist alles mit einer ungemein komplexen Rhythmik.

Im Zentrum der „Favola in Musica“ steht die Macht der Musik, die große Koloratur-Arie des Orfeo, mit der er die Unterwelt bezwingen will. Nicht nur hier überwältigt Villazón mit dem derzeitigen Stand seines Könnens: hohe Disziplin und Emotionalität vereinigt er in gekonnter Stimmführung für die komplizierten Tonrepetitionen, Triller und Koloraturen. Zusammen mit der Schönheit der Stimme ergibt sich ein perfektes Bild dieses Stiles in seinem Zusammenspiel von Erzählen und Singen. Das kann man kaum besser machen. Aber auch die anderen Protagonisten sind ideal besetzt. Die Unglücksbotin, die den Tod Eurydices Orfeo überbringt, ist Magdalena Kocená: Sie gestaltet ihre Klage so zeitlos, wie Trauer nur sein kann. Aber auch Céline Scheen als La Musica und Proserpina, Giuseppina Bridelli als Euridice und Speranza, João Fernandes als Caronte und Dinkie Yandell als Pluto singen gekonnt ihren vibratolosen, erzählerischen Stil. Die Sänger werden ergänzt von blendenden und stilsicheren Stimmen für weitere Rollen und den Chor.

Dazu kommt die diesmal äußerst geschmackvolle Einrichtung des konzertanten Arrangements – was beim Musikfest nicht immer der Fall ist. Sie bleibt seltsamerweise namenlos, obschon da eindeutig viel nachgedacht wurde. Eine große, eine hinreißende Aufführung in der ausverkauften Glocke, die den verdienten Beifall erhielt.

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