Der zeitlose Puls des Mülls

„Stomp“: Erste Show des Erfolgsformats setzt auf bewährtes Konzept

Auch mit kleinen Gegenständen schaffen die Multi-Talente auf der Bühne Geräusche.

Bremen - Von Ulla Heyne. Ein Mann betritt das Scheinwerferlicht und fegt die Bühne. Erst langsam, dann immer schneller, zwischendurch klopft er mit dem Besen auf den Boden. Ein Rhythmus schält sich heraus. Seit mehr als 25 Jahren geht das nun schon so. Das klingt arg nach Sysiphus, ist aber Teil einer ähnlichen Erfolgsstory: Stomp.

Was 1991 in den Straßen Großbritanniens - so will es die Legende - mit Händen, Füßen und ein paar Besen begann, wurde zu einem Vorreiter eines völlig neuen Performance-Genres und hat 15 Jahres lang Geld in die Kassen des Londoner Westend gespült. Manhattan benannte die 8th Street in „Stomp Avenue“ um und tauchte das Empire State Building zu Ehren des 20. Broadway-Jahrestages von „Stomp“ ganz in Rotlicht. Nun also, nach gefühlten sechs Jahren Pause, mal wieder Bremen.

Schweißtreibende 100 Minuten lang wird in der ersten von acht Shows im Metropoltheater getanzt, getrommelt, geschnipst und gesteppt, was das Zeug - oder besser: der Sperrmüll - hält. Denn so das Konzept: musiziert wird ausschließlich auf Schrott. Erstaunlich, was sich akustisch aus Streichholzschachteln, Mülltonnen oder Reifenfelgen herausholen lässt. Da werden Mülleimer zu Drumsets, Abzugschläuche zu Boomwhackers, Spültische zu Skiffleboards.

Hoch die Besen: Das „Stomp“-Phänomen hält sich seit 20 Jahren. Fotos: Heyne

Rhythmus als Selbstzweck - trägt dieses auch nach einem Vierteljahrhundert unveränderte Konzept, das auf aufwändige Lichttechnik und Spezialeffekte verzichtet, eine ganze Show? Unbedingt. Der Puls des Lebens, archaisch auf Ölfässern getrommelt, scheint international und universell zu funktionieren. Das ist den acht gut durchtrainierten Multi-Talenten auf der Bühne zu verdanken, die neben Tanzen, Jonglage und Percussion auch noch viel Mimik und komödiantisches Talent mitbringen. Aber auch der ausgefeilten Choreografie. Ein Ballett mit Einkaufswagen, Gleitflüge über Streusand oder ein Brötchentüten-Battle: Genial, was sich mit Wohlstandsmüll so alles anfangen lässt. Das macht sich gerade angesichts des heutigen Paradigmas der Nachhaltigkeit richtig gut. Klug werden den monumentalen Bildern von Akteuren, die an Seilen hängend mit ihren Drumsticks eine ganze Wand aus Schildern, Kochtöpfen und Siphons das nahezu ausverkaufte Metropoltheater zum Wummern bringen, zarte, fast poetische Bilder entgegen gesetzt: Eine Lichtshow nur mit acht Feuerzeugen, die im geheimen Puls der gut getakteten Akteure an- und ausgeknipst werden: das ist genial einfach, berührend und zeitlos. Die Rückführung auf die Stille: gerade sie hat in diesem dezibelgeschwängerten Raum ihren Platz.

„Stomp“-Show im Bremer Metropol-Theater 

 © Ulla Heyne
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Nun wären knapp zwei Stunden sinnfreien Rhythmusspektakels, so spektakulär und choreografisch ausgefeilt sich der Reigen aus martialischen Stockkämpfen oder dem Aufmarsch in auf Ölfässer geschnallten Schischuhen auch ausnehmen mag, auf Dauer denn doch etwas ermüdend. Diesem Abnutzungfaktor wird vorgebeugt: Es menschelt. Acht - mehr oder weniger starke - Charaktere, vom Macho über die feurige Afro-Tänzerin bis zum Moppelchen mit Vokuhila-Haarschnitt, der charmant den Clown gibt und den harten Kerlen in Blaumännern, ausgebeulten Jogginghosen und abgerissenen Cargopants charmant den Wind aus den Segeln nimmt: Das kommt an.

Erst nach der Zugabe, in der das Publikum sich beim Nachklatschen von Patterns seine Rhythmusfestigkeit erproben darf (leidlich, wie die gespielt entsetzten Minen der Einpeitscher zeigen), offenbart sich, was die Acht da eben geleistet haben. Aber da ist schon das letzte Stampf, Stampf verklungen und das Besucherohr genießt die Stille.

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