Barock aus Antwerpen: Rubens, van Dyck, Jordaens im Bucerius Kunst Forum Hamburg

Das Zeitalter der Inszenierung

Peter Paul Rubens; Frierende Venus, (1614), Öl auf Holz, 145,1 x 185,6 cm

Von Wilfried DürkoopHAMBURG (Eig. Ber.) · In Antwerpen, im 17. Jahrhundert das reichste und wichtigste Handelszentrum Nordeuropas, arbeiteten Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck, Jacob Jordaens und zahlreiche Maler aus deren Umkreis. Eine Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum bietet einen hier im Norden seltenen Einblick in die Malerei des Zeitalters der Inszenierung. Die gut 50 Bilder, Zeichnungen und Grafiken stammen aus dem Königlichen Museum für Schöne Künste in Antwerpen, das derzeit umgebaut wird.

Die Niederlande waren zu jener Zeit in zwei feindliche Lager zerfallen: die nördlichen Provinzen, vereint im protestantischen Glauben, hatten sich von der spanischen Fremdherrschaft befreit, während der römisch-katholische Süden weiterhin die Habsburger Hoheit in Madrid als Souverän anerkannte. Die Reformation gebärdete sich mittlerweile stockstreng und selbstgerecht, im Gefolge der Gegenreformation verbreiteten die Mordbrenner der Inquisition Angst und Schrecken. Die Gegenreformation brauchte bildende Künstler und zahlte gut, denn während des Bildersturms der Protestanten waren in den Niederlanden viele religiöse Werke zerstört worden. Die katholische Kirche wollte jetzt erst recht die Pracht der „wahren Lehre“ vorführen, wollte mit klaren, verständlichen, realistischen Darstellungen und über die Sinne die Seelen gewinnen. In ihrem Dienst schufen Maler prunkvolle „Vorhöfe zum Paradies“. Dazu gehörten große Gesten wie bei der Maria auf van Dycks „Beweinung Christi“ ebenso wie die ausdrucksvoll zum Himmel gedrehten Augen des „Christus am Kreuz“ von Rubens.

Auch während der Blockade der Schelde im Laufe des Krieges blieb Antwerpen ein bedeutender Handels- und Finanzplatz, der Kaufleuten und Bankiers Wohlstand bescherte. Für die war Kunst zuvörderst ein Mittel zur Repräsentation; sie begründeten so die Tradition bürgerlichen Sammelns. Beliebt waren etwa prächtige Blumenstücke Jan Brueghels oder Früchtestillleben mit aufgeschnittenen Melonen, Trauben, Pfirsichen und Birnen von Frans Snyders. Besonderer Wertschätzung erfreute sich auch der Bildtypus des Vogelkonzerts. Auf einem Paul de Vos zugeschriebenen monumentalen Ölbild sind mehr als zwei Dutzend gefiederte Prachtexemplare zusammengekommen, von denen einige aus den damaligen spanischen Kolonien in Südamerika stammen wie der große rote Ara, die Rotbugamazone am Baumstamm oder der Tukan im Geäst. Alle Vögel, auch die einheimischen wie Wiedehopf, Eichelhäher, Reiher oder Rohrdommel richten die Köpfe auf einen Kauz, der auf einem Zweig sitzt. Zu seinen Füßen hängt ein Notenblatt, mit seiner rechten Kralle schlägt der Kauz als Dirigent den Takt. Neben solchen unterhaltsamen Bildern, denen auch allegorische Bedeutungen zu Eigen sind, schätzten Sammler auch drastische Genreszenen mit enthemmten Trunkenen und erotischen Lockungen.

Gern entwickelten Kaufleute, Händler und Bankiers aristokratische Attitüden und ließen sich in ganzer Schönheit und in Lebensgröße darstellen, was bis dato dem Adel vorbehalten war. Van Dyck etwa setzte mit einem Porträt das Geltungsbedürfnis des Dargestellten, wohl im Textilhandel zu Wohlstand gekommen, mit Mühlsteinkragen und Satinschärpe prachtvoll in Szene. Mit zunehmender Wertschätzung der Familie nahm auch die Bedeutung der Familienporträts zu, die das gewachsene Selbstbewusstsein des Patriziats spiegelte. Munterer und farbenfroher konnten die Künstler Kinder porträtieren, die als standesbewusste Erben und Nachfolger präsentiert werden.

Die Maler richteten Landschaften her etwa mit einem Liebespaar, das mit Hunden nahe einer mächtigen Zwillingsbuche an der Wassermühle rastet, während eine Alte, auf einen Stock gestützt, einen Kessel trägt und Kühe, von Hirten bewacht, am See trinken. In den Seestücken brausen Stürme übers tosende Meer und werfen Schiffe auf Felsen; die winzigen blauen Punkte, mit denen die Seefahrer angedeutet sind, zeigen die Hilflosigkeit des Menschen, der den übermächtigen Elementen ausgeliefert ist.

Antwerpen war das „Hollywood“ des spanischen Reiches und Motor des wirtschaftlichen Erfolgs der südlichen Niederlande. Diese Nachblüte hinterließ dort bis heute ihre Spuren und erklärt auch den Reichtum des Museums für Schöne Künste in der Stadt an der Schelde. Die im Bucerius Kunst Forum gezeigte Auswahl vermittelt davon einen bleibenden Eindruck.

Bis 19. September. Katalog (Hirmer Verlag) in der Ausstellung 24,90 Euro.

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