Mina Salehpour inszeniert Lutz Hübners „Richtfest“

Zeit für Taten

Als sich das Schlaganfallopfer in der Schubkarre krümmt, wird es für die Baugemeinschaft Zeit, ihren hehren Worte auch endlich Taten folgen zu lassen. - Foto: Katrin Ribbe

Hannover - Von Jörg Worat. Wenn es den Begriff „Gebrauchsstück“ nicht schon gäbe, für Lutz Hübner müsste man ihn erfinden. Ebenso unverdrossen wie erfolgreich bringt der Berliner Autor einen Theatertext nach dem anderen heraus – und das Ergebnis ist ziemlich vorhersehbar: Stoffe am Puls der Zeit, immer unterhaltsam, manchmal etwas reißbrettartig, selten mit dem ganz großen Tiefgang und nie wirklich schlecht. Wovon man sich bei der Premiere von „Richtfest“ im Schauspielhaus Hannover einmal mehr überzeugen konnte.

Hübner, der die Stücke gern zusammen mit seiner Ehefrau Sarah Nemitz erarbeitet, lässt diesmal eine Baugemeinschaft aufmarschieren. Vom Soziologie-Professor über die Ex-Kneipenwirtin bis zum schwulen Musikerpärchen ist hier alles vertreten, geeint von Vorfreude auf das große Projekt, teils aus ideellen Gründen, teils aus eher praktischen. Doch es erweist sich, dass der Stücktitel mehrdeutig ist: Statt einer feierlichen Einweihung sind Kabbeleien angesagt, die sich verschärfen, als die ersten Überraschungen auftauchen – hier eine ungeplante Schwangerschaft, die einen ohnehin schon wackligen Finanzplan zu kippen droht, dort ein Schlaganfall, der eine künftige Mitbewohnerin pflegebedürftig macht.

Regisseurin Mina Salehpour beweist nicht zum ersten Mal, dass sie trotz ihrer Jugend bereits sehr souverän zu inszenieren weiß. Klug setzt sie Bühnenbildelemente wie Schuttrohre oder Abrissbirnen ein, die zugleich illustrieren und verfremden. Wirklich schön ist die Idee, das Ensemble über die gesamte Zeit ein Festessen zubereiten zu lassen; als es am Schluss fertig ist, haben sich indes alle derart zerstritten, dass nurmehr die minderjährige Auszubildende Judith am Tisch sitzt – einzig der vermeintlich unreifste Mensch scheint hier den Überblick behalten zu haben.

Die Kostüme von Maria Anderski und Andrea Wagner entsprechen insofern der Inszenierung, als sie Grundzüge verdeutlichen, ohne übermäßig plakativ zu wirken: Der Architekt ist einen Tick zu rosa gekleidet, der Finanzbeamte etwas zu hemdsärmelig, das junge Mädchen eine Spur zu putzig. Übrigens hat der Abend auch eine harte Szene zu bieten – das Schlaganfallopfer in der Schubkarre wirkt ziemlich krass, was indes durchaus Sinn ergibt, da so sehr deutlich wird, dass sich die Gemeinschaft durch diese Entwicklung nun an all den vorher geäußerten schönen Worten messen lassen muss.

Immer wieder macht sich bemerkbar, dass Autor Hübner ausgebildeter Schauspieler ist und seinem Ensemble die Pointen dutzendweise auf dem Silbertablett serviert. Jenes Ensemble nutzt diese Vorgaben dankbar, drückt schon mal ein wenig auf die Tube, chargiert aber nie. Bei durchweg hohem Niveau ist es unangebracht, einen der elf Akteure hervorzuheben.

Die Vorstellung dauert zwei pausenlose Stunden, und Langeweile kommt nicht auf, zumal wenn sich künftig der bei der Premiere noch etwas zögerliche Beginn einschleifen sollte. Ein sympathischer Abend, was Textvorlage und Inszenierung gleichermaßen geschuldet ist: Mit jeder einzelnen Figur wird man sich irgendwann irgendwo irgendwie identifizieren, wird sie mal bestens verstehen – und mal gleichermaßen überzeugt nervtötend finden.

Nächste Vorstellungen am 5., 10. und 16. November, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus, Hannover.

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