Zehn Boxen, zehn Künstler und mehr als 100 Alben: Unsere Klassik-Höhepunkte aus dem Jahr 2015

Gassenhauer trifft auf Indian Style und eine Löwin

Hannover - Von Jörg Worat. Munter plündern die Plattenfirmen weiter ihre Archive, stellen immer neue Boxen zusammen, geordnet nach Labels, Komponisten oder Interpreten.

Die Preise liegen irgendwo zwischen günstig, supergünstig und fast geschenkt, weshalb manche mit einer gewissen Berechtigung vom „Ausverkauf der Klassik“ sprechen. Was einen ja nicht daran hindern muss, öfter mal zuzugreifen, vor allem, wenn man noch kein passendes Weihnachtsgeschenk hat. Folgende zehn Boxen gehörten zu den Höhepunkten des Jahres 2015:

Man kennt die Klavierstücke „Gymnopédies“, man kennt das Chanson „Je te veux“ – Erik Satie, dessen Geburtstag sich 2016 zum 150. Mal jährt, war jedoch erheblich vielseitiger. Die wunderbare Zehn-CD-Box „Tout Satie!“ (Erato) macht das sehr deutlich. Renommierte Interpreten wie Aldo Ciccolini, Jean-Yves Thibaudet, Isabelle Faust oder Michel Plasson haben sich diese einzigartige Mischung aus Impressionismus, Minimal Music und Gassenhauern vorgenommen. Für Abwechslung ist gesorgt: Alleine die erste CD enthält 55 Nummern.

Die „Löwin am Klavier“ – jaja, diese gängigen Etiketten sind zuweilen etwas dämlich. Aber nicht immer ganz unbegründet: Martha Argerich kann schon einigen Wirbel an den Tasten entfachen. „The Complete Recordings On Deutsche Grammophon“ fasst auf 48 CDs zusammen, was bislang nur in einzelnen Abteilungen zugänglich war, nämlich Solo-, Duo-, Konzert- und Kammermusikaufnahmen. Anspieltipps: Chopin und Rachmaninow. Originalcover sind immer wieder gern gesehen, das von CD elf stimmt jedoch nicht mit dem Inhalt überein.

Das „Laudario di Cortona“, entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und erst 600 Jahre später wiederentdeckt, ist eine ungewöhnliche Sammlung geistlicher Lobgesänge. Zum einen sind sie in volkstümlicher Sprache überliefert, zum anderen teilweise mit Noten – eine Seltenheit bei Manuskripten dieser Epoche. Eine schöne Vier-CD-Box (Brilliant Classics) stammt von der Gruppe Armoniosoincanto, die hier und da von historischen Instrumenten begleitet wird. Schön übrigens auch aus dem Grund, dass die Interpretation gerade nicht immer ganz glattpoliert daherkommt.

Erstmals überhaupt ist eine Box mit dem Gesamtwerk von Alexander Scriabin (1871 bis 1915) erschienen. Auf 18 CDs (Decca) geht die Reise von spätromantischen Anklängen bis hin zu einem entschieden extravaganten Verständnis von Tonalität. Wer weiß, wo der russische Mystiker und Synästhet gelandet wäre, hätte eine Blutvergiftung dieses Leben nicht vorzeitig beendet – Scriabin wollte zuletzt Gesamtkunstwerke für alle Sinne schaffen. Der Schwerpunkt der Box liegt bei Klaviermusik, es gibt aber auch Symphonisches der hochemotionalen Art. Interpretennamen wie Ashkenazy, Richter oder Pogorelich stehen für sich, die primär über Youtube bekannt gewordene Pianistin Valentina Lisitsa interpretiert indes nicht minder sensibel.

Jacques Offenbach – das kann doch wohl kaum ein ernstzunehmender Tipp sein? Nun, mit Igor Markevitch auf dem Podium klang auch das charmant. Außerdem enthält die ihm gewidmete 18-CD-Box aus der „Icon“-Serie (Erato) auch gänzlich andere Einspielungen (meist älteren Datums), etwa eine höchst atmosphärische „Nacht auf dem kahlen Berge“ von Mussorgsky oder eine interessante Orchesterfassung von Bachs „Musikalischem Opfer“.

Man mag es ja etwas manieriert finden, wichtig war es allemal, und speziell ist es immer noch: Das Kronos Quartet spielt auf der Fünf-CD-Box „One Earth, One People, One Love“ (Nonesuch) Musik von Terry Riley. Streicherklänge (und ein paar Gastbeiträge) zwischen Minimal, Avantgarde und Indian Style. Schöne Klappcover.

Silvius Leopold Weiss ist heutzutage kein sehr geläufiger Name. Der Bach-Zeitgenosse war indes der bedeutendste Lautenspieler seiner Epoche und darüber hinaus. Wie gut er komponieren konnte, macht die Zwölf-CD-Box „The Complete London Manuscript“ (Brilliant Classics) mit geschmeidigen Interpretationen von Michel Cardin deutlich. Originell und zugleich die richtige Entspannungsmusik für Winterabende vor dem Kamin.

Pierre Boulez gilt als der Analytiker unter den Dirigenten, weshalb manche seine vermeintliche Unterkühltheit bemängeln und andere seine Objektivität preisen. Zum 90. Geburtstag sind mehrere Boxen erschienen; wer nicht gleich in Vollen gehen will, sollte die 14 CDs von „The Complete Erato Recordings“ ins Auge fassen. Hier gibt’s die Neutöner von der Klassischen Moderne mit Strawinsky, Messiaen (Spitze!) oder Schönberg bis hin zu Ligeti, Berio oder Xenakis. Auch Kompositionen von Boulez selbst sind vertreten.

Üppiger, luxuriöser und teurer, aber vergleichsweise immer noch erschwinglich ist die Box „Itzhak Perlman – The Complete Warner Recordings“. Zum 70. Geburtstag des Ausnahmegeigers herausgekommen, enthält sie alle Aufnahmen, die Perlman in mehr als 30 Jahren für EMI Classics, Erato und Teldec eingespielt hat. Das sind 59 Alben auf 77 CDs, und die Bandbreite ist enorm. Sie umfasst viele Klassiker, aber auch Ragtime und Klezmer; auf einer CD ist das Multitalent sogar als Sprecher und Sänger vertreten. Bei alledem kann man sich keinen seriöseren Interpreten vorstellen – das bemühte Experiment ist Perlmans Sache nie gewesen.

Nur der allermodernste Klang ist der beste? Unfug. Der Decca-Würfel „The Mono Years” vereint auf 53 CDs Aufnahmen von 1944 bis 1956 – und verdient unter den großen Labelboxen einen Podestplatz. Schon der erste Silberling mit Strawinskys „Petrouchka“ vibriert vor Vitalität, auch ansonsten sind etliche Sahnestücke angesagt, ob es sich nun um Brahms oder Beethoven handelt oder Exoten wie Kresimir Baranovics Ballett-Suite „Das Lebkuchenherz“. Es gibt dazu auch noch jede Menge Bonusmaterial, Einspielungen von Backhaus, Gulda, den Wiener Philharmonikern und vielen anderen Größen. Früher war eben doch alles besser.

Rubriklistenbild: © imago

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