Oldenburgisches Staatstheater zerlegt „King Kong“

Zauberhafter Affenzirkus

Zitate, Zitate, Zitate: „King Kong und der alte weiße Mann“ am Oldenburgischen Staatstheater.
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Zitate, Zitate, Zitate: „King Kong und der alte weiße Mann“ am Oldenburgischen Staatstheater.

Oldenburg – Kurz vor Ende dieses King Kongs – „die weiße Frau“ ist längst außer Sicht – fliegt Alexander Kluge in seinem Jagdflugzeug hoch über der Bühne und lässt sich vom Empire State Building interviewen. Und während der Philosoph und medienwissenschaftliche Tausendsassa so plaudert über einen Zoobesuch als Sechsjähriger und über sein neues Buch, da fängt man doch langsam an, sich zu wundern – vor allem darüber, dass einen nach gut eineinhalb Stunden in diesem Irrsinnstheater überhaupt noch etwas zu wundern vermag.

An Kuriositäten mangelt es wirklich nicht in Robert Gerloffs „King Kong“-Adaption, die am Samstag am Oldenburgischen Staatstheater ihre Uraufführung erlebte. Ganz genau: Die alte Geschichte vom Riesenaffen, den ein Filmteam erst auf seiner einsamen Insel stört, ihn dann nach New York entführt, wo er sich wieder befreit und mit der hübschen Schauspielerin Ann in der Pranke aufs Empire State Building klettert. Sie werden sich erinnern – vielleicht sogar ohne den Trickfilmklassiker von 1933 je gesehen zu haben. Weil er schließlich zigfach nacherzählt und quer durch Film, Comic, Videospiel, Werbung, Musik und was nicht noch alles zur Pop-Ikone wurde. Dass es Robert Gerloff und seiner Dramaturgin Anna-Teresa Schmidt mit ihrem Stück nun weniger um Affen als um eben dieses diskursive Eigenleben des Stoffs geht, lässt bereits der Titel erahnen: „King Kong und der alte weiße Mann“.

Lustigerweise müssen sie dafür gar nicht so weit weg vom Original, das mit seiner Geschichte vom Filmteam im Film damals schon schwer metamäßig vom Kino erzählt und von der durch die Weltwirtschaftskrise schlingernden Traumfabrik Hollywood. Im Theater funktioniert Kino nun so: Der hintere Bühnenraum bleibt bis kurz vor Schluss verschlossen. Ein schmaler Streifen Spielfläche gaukelt die Zweidimensionalität der Leinwand vor und wird aus dem Off vorsätzlich aufdringlich, aber umso effektvoller mit klassischen Soundtrack-Kompositionen bespielt. Sie gerät tatsächlich sonderbar cineastisch, diese Seefahrt im Gleichtakt schwankender Schauspieler, die mal klassische Perspektiven durchspielen, mal dank Strobogeflacker die Illusion von Stop-Motion-Effekten ins analoge Schauspiel zaubern.

Dazu: Zitate, Zitate und noch mehr Zitate. Ein Höhepunkt von Doppelung und Deutung ist es, als Caroline Nagel eine im Hintergrund flimmernde Szene aus „Blonde Venus“ live mitspielt und sich wie Marlene Dietrich zwischen schwarzen Tänzerinnen aus einem Affenkostüm schält, um die Juwelen funkeln zu lassen. Und weil Welt und Kultur anders geworden sind, knistert es zwischen den beiden so ähnlichen Szenen nicht nur wegen der lustvoll dargelegten Unterschiede von Film und Theater.

Von allen Seiten drängt angespielte Filmhistorie in die kleine Geschichte vom großen Affen: von Leni Riefenstahl bis Pan Tau, von „Shining“ bis zur „Sesamstraße“. All das tummelt sich im Spannungsfeld aus Zensur und Prüderie außerhalb sowie Propaganda und Missbrauch im Inneren des Filmgeschäfts.

Es bleibt auch nicht beim Text: In unzähligen Videoeinspielern wird durch die mitunter widersprüchlichen Diskurse gepflügt, die sich um King Kong ranken. Psychoanalyse, Rassismus, Ökologie – Reaktionäres und Progressivität.

Gerloff strickt aus dem versammelten Popwissen eine üppig bestückte Diskursrevue, die auf der Bühne mit geradezu handgreiflichem Spaß an der Sache zum Tanzen gebracht wird. Der stoische Ernst, mit dem Johannes Schumacher und Karl Miller die Mann-Männer an Bord spielen und die Rahmenhandlung zusammenhalten, schafft an anderer Stelle Raum für herrlich schräge Extravaganzen und Abschweifungen. Ein paar aufregende Minuten springt Zainab Alsawah im Boxer-Outfit über die Bühne und prügelt einen Schattenkampf durch, während sie in den Worten von Virginie Despentes selbstbestimmte Frauen abfeiert – ob sie nun „nach Sex riechen, oder nach dem Kuchen für die Kinder, wenn sie aus der Schule kommen“.

Apropos energetischer Körpereinsatz: Zoë Knights’ Choreografie ist überhaupt durchweg ausgesprochen zauberhaft anzuschauen, zuletzt beim scheinbar schwerelosen Flug der angeleinten Schauspieler über die aus riesigen K-O-N-G-Buchstaben errichtete Skyline New Yorks.

Doch auch wenn sich hier allerlei Diskurse von „Race, Class, Gender und Generation“ die Klinke in die Hand geben, verbeißt sich die Geschlechterfrage doch am hartnäckigsten – wohl auch, weil sie spätestens seit #Metoo fest eingeschrieben ins Kino ist. Als „wilde Insulaner“ treten hier dann Harvey Weinstein und Dieter Wedel auf, wie Leatherface mit Fleischlappen-Maske. „Wir wollen die Frau“, geifern sie in einer Sprache, die heute keiner mehr versteht, und schleichen sich später aufs Schiff, um sie mit einer Plastiktüte voller Popcorn, Schulzen-VHS und Valiumfläschchen ins Verderben zu locken. Eine Gratwanderung zwischen Supertrash und Echtwelt-Horror, die wohl gerade darum so erschütternd ist, weil’s in echt ja kaum sinnhafter zugeht bei den Creeps.

Der große Kunstgriff zwischen all dem Schabernack der Inszenierung ist es wohl, bei aller Häme gegen die Schweinegesellschaft von einst auch dem aufgeklärten Publikum seine blöden Erwartungshaltungen um die Ohren zu hauen. Besonders grandios: Als mit Caroline Nagel und Anna Seeberger gleich zwei weiße Frauen aufeinandertreffen, sich kurz eine Rivalität um die Hauptrolle andeutet und dann – nichts passiert.

Statt Zickenterror zwischen Methoden-Diva und der vor Spontaneität strotzenden Nachwuchskünstlerin entsteht ein herzlicher Kolleginnen-Moment in kumpelhafter Solidarität. Ach, wär’ die Welt – oder wenigstens das Diskurstheater – doch immer so schön!

Von Jan-paul Koopmann

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