Lars-Ole Walburg inszeniert in Hannover Roland Schimmelpfennigs „Der Goldene Drache“

Zahnbehandlung mit Rohrzange

Szenenweise undurchsichtig: Lars-Ole Walburgs Schimmelpfennig-Produktion unterhält, berührt aber nicht.

Von Jörg Worat HANNOVER (Eig. Ber.) · Die Welt ist schlecht. Und sie wird auch dadurch nicht besser, dass sie immer mehr zusammenrückt: Autor Roland Schimmelpfennig zeichnet in seinem Stück „Der Goldene Drache“ ein kulturübergreifendes Panorama der Entfremdung und hat für diesen Seiltanz zwischen Tragik und verquerer Komik in diesem Jahr den renommierten Mül heimer Dramatikerpreis erhalten. Im Schauspielhaus lief nun die Premiere, höchstpersönlich inszeniert von Staatsschauspiel-Intendant Lars-Ole Walburg.

Und zwar als Paradebeispiel dafür, dass Theater von der Behauptung lebt. Die Handlung spielt in Wohnungen, auf einer Brücke und vor allem im Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant „Der Goldene Drache“ – von alledem sieht man höchstens mal einen Herd oder einen Sessel. Dominiert wird die Bühne von etwas ganz anderem: Ausstatter Moritz Müller hat zusammen mit Walburg eine supersteile Riesenrampe entworfen, auf der Speditionswerbung zu sehen ist. „Ein starker Bayer für Europa und Übersee“ steht da etwa.

Das ist nicht als Respektlosigkeit gegenüber dem Autor zu werten. Schimmelpfennig selbst misstraut dem Hyperrealismus und hat mit seinen Anregungen bei Walburg sicherlich offene Türen eingerannt. Wo immer möglich, sollen die fünf Akteure für muntere Identitätskrisen sorgen, die Frauen die Männer spielen, die Alten die Jungen und umgekehrt. Sogar die Erwähnung der Haarfarbe wird umgehend dazu genutzt, die Figuren gegen den Typ zu besetzen. Eher als Regieanweisungen geläufige Formeln wie „Kurze Pause“ mutieren zu integralen Bestandteilen des gesprochenen Textes, und Walburg kann hier ungehemmt seiner Neigung nachgehen, die Darsteller ins Publikum sprechen zu lassen.

„Der Goldene Drache“ besteht aus einigen höchst kunstvoll ineinander verwobenen Episoden. Ein junger asiatischer Restaurantmitarbeiter hat entsetzliche Zahnschmerzen, kann jedoch mangels Aufenthaltserlaubnis nicht zum Arzt gehen. Die Kollegen übernehmen die Operation daher selbst, der Einsatz der Rohrzange führt indes zu einem fatalen Resultat. Auch in den umliegenden Wohnungen tut sich Betrübliches, so nimmt ein Mann die Schwangerschaft seiner Frau unwillig zur Kenntnis. Überraschenderweise kommt auch die altbekannte Fabel von der fleißigen Ameise und der tanzenden Grille ins Spiel – allerdings entwickelt sich daraus eine fiese Geschichte von sexueller Ausbeutung.

Die Akteure müssen diese ständigen Rollen- und Perspektivwechsel ohne große Unterstützung durch Kostüm und Requisite bewältigen, und wenn sie nicht gut wären, würde die Vorstellung gnadenlos abschmieren. Aber sie sind sogar großartig: Beatrice Frey, Julia Schmalbrock, Henning Hartmann, Camill Jammal und Thomas Neumann demonstrieren große Schauspielkunst, Frey hat mit ihrer Fähigkeit zu feinst detaillierter Artikulation nachgerade geniale Momente.

Allerdings ist die auf allen Ebenen bewiesene Kunstfertigkeit auch das Problem des Abends. Er unterhält fraglos auf hohem Niveau, er macht vielleicht ein wenig nachdenklich – aber berührt er auch? Es wird jedenfalls seine Gründe haben, dass im kräftigen bis stürmischen Schlussapplaus beim Auftritt des Produktionsteams vereinzelt unterschwelliges Murren zu hören ist.

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