Steptext Dance Project legt „Schlafwandler“ nach 20 Jahren neu auf

Mit zärtlichem Humor

Ziv Frenkel und Ann Minetti sind „Schlafwandler“. Foto: Marianne Menke

Bremen - Von Rolf Stein. Im Tanztheater hat in den vergangenen Jahren zunehmend Geschichtsbewusstsein Einzug gehalten. 2011 richtete die Kulturstiftung des Bundes einen Fonds für das kulturelle Erbe des Tanzes ein, was die Sache natürlich erleichtert. Reenactments oder Überarbeitungen historisch gewordener Stoffe stehen schon seit einer Weile auf den Spielplänen. Was das Bremer Steptext Dance Project derzeit in der Schwankhalle zeigt fügt sich in diesen Kontext ein, ist aber von durchaus eigenem Charme. Choreograf und Steptext-Gründer Helge Letonja konfrontiert nicht nur das Publikum mit einer zwanzig Jahre alten Arbeit – sondern auch die beiden Tänzer von einst.

„Schlafwandler“ entstand, als noch Susanne Linke das Bremer Tanztheater leitete, Uraufführung war 1999 im Schauspielhaus, das heute Kleines Haus heißt. Es hat sich seither auch ansonsten einiges getan. Dass nun die beiden Tänzer der Uraufführung das Stück noch einmal tanzen, hat natürlich seine Implikationen. Hörbare zum Beispiel: In stillen Sequenzen dürfte das Atmen heute doch etwas schwerer als damals klingen. Aber auch sichtbare: Wenn Anne Minetti sich mit dem Rücken zum Publikum umzieht, ist da ein nackter Rücken zu sehen, der ganz offenkundig keiner Mittzwanzigerin gehört.

Die Choreografie selbst, sagt Letonja, ist aber die gleiche. Für diese sehr spezielle Wiederaufnahme, die unter dem Titel „Schlafwandler 1999/2019“ noch bis Sonntag in Bremen zu sehen ist, wurde das rund 20 Minuten lange Stück allerdings um zwei Teile erweitert: Anne Minetti und ihr Tanzpartner Ziv Frenkel sollten mit dem Wissen von heute eine Neudeutung erarbeiten, ein dritter Teil basiert auf der Arbeit von Bremer Studierenden, aus deren Entwürfen einer für ein Bühnenbild ausgewählt wurde.

Der „Schlafwandler“ von 1999 ist, der Titel ist da recht buchstäblich zu verstehen, ein surreal anmutender Bewegungsreigen, in dem sich die beiden Tänzer von spannungsreicher Nähe in distanzierte Verbundenheit begeben, sich anziehen und wieder abstoßen, wie es – vielleicht – im wachen Leben zwei Menschen tun, die sich innig zugetan sind, aber manchmal nicht ausstehen können. Nicht, dass man sich nicht auch einmal auf Händen trüge – oder gar den anderen auf den eigenen Fußsohlen balancierte. Schrecklich mag man ihn im nächsten Moment ja dennoch finden. Diese mit zärtlichem Humor eingerichtete Szenenfolge wird von einer Tonspur zwischen von Atemgeräusch durchbrochener Stille und barockem Countertenor begleitet und von Daunen umwirbelt, von denen es, erzählt Letonja, damals mehr gegeben habe. Kaum zu glauben, aber offenbar eine Frage der Verfügbarkeit.

Der „Schlafwandler 2019“ arbeitet mit radikaleren Kontrasten, fährt vielsagend Schuberts 8. Symphonie auf, die „Unvollendente“, und konfrontiert sie mit einer radikal reduzierten und verlangsamten Bewegungssprache andererseits, die geradezu zen-mäßig wirkt.

Der dritte Teil nennt sich „Continuum“, scheint sich aber wenig geschmeidig anzuschließen. In ihm wird der Abend diskursiv, Minetti referiert zunächst auf Französisch, später auf Englisch über einem wundersam wogenden Seidentuch Grundlegendes zum Menschen an sich und zu seinem Verhältnis zu seiner Umwelt. Dieses Verhältnis – und das dürfte eine Pointe des Textes sein, die auch auf die ersten beiden Teile des Abend verweist – wirft ihn immer wieder auf den Umgang mit Seinesgleichen zurück. Denn nur im Kollektiv, heißt es da, ist der Mensch der Natur gewachsen. Den Teppich lässt Bühnenbildner Jurin Wendelstein mit einer Windmaschine fliegen, Timo Reichenberger zaubert darauf schillernde Farbspiele, ein abstraktes Dröhnen unterliegt dem Geschehen. Und Frenkel scheint gerade so an dieser fragilen Architektur zu haften.

Weitere Termine:

Heute, 20 Uhr und Sonntag, 19 Uhr, Schwankhalle, Bremen.

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