Es ist aus

Yoel Gamzou gibt sein Konzertdebüt

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Gemeinsam mit den Philharmonikern gab Yoel Gamzou ein gefeiertes Konzertdebüt. 

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Irgendwo aus großer Tiefe und unendlicher Entfernung scheint Yoel Gamzou mit den Bremer Philharmonikern die ersten Takte von Peter Tschaikowskis 6. Sinfonie, der sogenannten „Pathétique“ hervorzuholen. Das als nahe der Sentimentalität ästhetisch viel gescholtene Werk geriet beim jüngsten Philharmonischen Konzert als ein verzweifeltes „Rätsel“ – der Komponist selbst hatte es so bezeichnet. Gamzou hatte im Interview bekannt, dass auch er Tschaikowski mit allen bekannten Vorurteilen begegnet war, bis er die 6. Sinfonie einstudieren musste. Und in der Tat räumt seine Interpretation mit allem auf, was man je über den Russen dachte.

Die Wiedergabe wurde ein Todesgesang in jeder Hinsicht, verdeutlichte damit messerscharf die biografische Situation: Drei Wochen nach der von ihm dirigierten Uraufführung starb der homosexuelle Komponist 1893 an der Cholera, er hatte ein Glas (vielleicht nicht versehentlich) verseuchten Wassers getrunken. Gamzou präsentiert mit den wunderbar folgenden Philharmonikern ein Dokument der Auflehnung, der Zerrissenheit, der Verzweiflung. Er erreicht dies mit einer atemberaubenden Tiefenschärfe der Themen und Stimmungen, vieles wirkt vollkommen modern wie eine Montage. Immer wieder will diese Musik rebellieren und sie schafft es nicht. Die Art, wie Gamzou Phasen geradezu abreißt, wie er Synkopen mit unglaublicher Härte platziert, wie er sich mit neuen Melodien immer wieder auf eine sehnsüchtige Suche begibt – meisterhaft. Erst der Schlusssatz, ein Adagio lamentoso, bestätigt: Die Einsamkeit ist ohne Maß, es ist aus. Minutenlang hält dieser Schluss das Publikum in der Stille gefangen, bis es sich im Beifall Luft machen kann.

Bringen auch die Streicher wunderbare Flächen und Farben, so sind an diesem Abend doch besonders die Bläser zu loben, aus denen Gamzou alles nur Mögliche herauszuholen versteht: Selten hat man die Bläser derart an der Grenze zur Stille gehört.

Von unbändiger Wildheit erklingt auch die „Rumänische Rhapsodie“ Nr. 1 von George Enescu, die Gamzou als leidenschaftlichen Rhythmiker ausweist. Auch in der Wiedergabe von Igor Strawinskis Violinkonzert (1931) überzeugt das Orchester durch die Überdeutlichkeit einzelner Gesten, was das Konzert fast spannender macht, als das neoklassische barockisierende Werk wirklich ist. Guy Braunstein stattet den Solopart mit viel lyrischer Expression aus und provoziert zwei Zugaben.

Das Konzert war das erste in Gamzous neuer Position: Anfangs für zwei Jahre Musikdirektor des Theater Bremen, nun für fünf Jahre Generalmusikdirektor des Hauses – Marco Letonja ist Generalmusikdirektor der Bremer Philharmoniker. Die überragende Musikalität des 30-Jährigen, der mit seinem Körper die Musik selbst zu sein scheint, und seine ästhetischen Anschauungen – es gibt keine klassische und keine Popmusik, es gibt nur gute oder schlechte Musik – versprechen einige Überraschungen im Spielplan.

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