Züge eines Gospelgottesdienstes

Greenday in Köln: „Yeah“ ist das neue Amen

Green-Day-Sänger Billie Joe Armstrong bittet das Publikum, die Hände in den Himmel zu strecken. - Foto: dpa
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Green-Day-Sänger Billie Joe Armstrong bittet das Publikum, die Hände in den Himmel zu strecken.

Köln - Von Felix Gutschmidt. Auf Green Day ist Verlass. Die US-Band klingt in guten Momenten wie eine Punkrock gewordene bipolare Störung – im einen Moment tieftraurig, im nächsten grenzenlos glücklich. Diese Mischung funktioniert seit mehr als 20 Jahren. Die beiden Deutschland-Konzerte von Green Day in diesem Winter waren binnen weniger Stunden ausverkauft.

Über das aktuelle Album „Revolution Radio“ muss nicht viel gesagt werden. Green Day hat seiner musikalischen Entwicklung enge Grenzen gesetzt. Der Markenkern – die Band verzerrt und beschleunigt typische Kompositionsmuster der Popmusik und mischt sie mit tradionellen Elementen von Folk und Blues – ist seit zehn Jahren unverändert. Das Publikum in der Kölner Lanxess-Arena weiß also, was es erwartet.

Diese Gewissheit ist sehr tröstend in unruhigen Zeiten, gerade für Punkrocker, deren schlimmste Albträume gerade wahr werden: Donald Trump hat es mit seinem reaktionären Nicht-Politik-Stil zum US-Präsidenten gebracht, und auch in Europa werden nationalistische und fremdenfeindliche Töne immer lauter. Genau gegen dieses Denken brüllt die Punkbewegung seit Jahrzehnten an. Da tut es gut, sich für einen Abend mit 16.000 Gleichgesinnten seiner Werte zu versichern, in Ekstase eins zu werden mit der Menge, „zu singen, zu tanzen und zu lieben“, wie Sänger Billie Joe Armstrong sagt.

Im Wesentlichen funktioniert das Konzert wie ein Gospelgottesdienst, bei dem Rock Religion ersetzt. Die Bühne ist der Altarraum, statt „Halleluja“ singt die Menge „Hey-ya“, wenn der Vorturner darum bittet. Auch die Hände strecken die Menschen gen Himmel. Das Heilsversprechen des Abends formuliert Armstrong so: „Ich glaube bis zu meinem letzten Atemzug daran, dass Rock’n’Roll die Welt verändern kann.“ Lautstarke Zustimmung. „Yeah“ ist das neue Amen.

Green Day ist sich seiner Mission bewusst. Die Band reiht sich selbstbewusst ein in die lange Reihe prominenter Prediger des Rock’n’Roll. Das Vorspiel überlässt sie Queen („Bohemian Rhapsody“), den Ramones („Blitzkrieg Bop“) und Ennio Morricone („The Good, the Bad and the Ugly“ – auch das wohl im Gedenken an die Ramones). Später wälzt sich Billie Joe Armstrong auf dem Bühnenboden, als wäre der Heilige Geist in ihn gefahren, und singt mit fremden Zungen der Isley Brothers („Shout“), der Rolling Stones („Satisfaction“), der Beatles („Hey Jude“) und sogar von Monty Python („Always Look on the Bright Side of Life“).

Die Erlösung bleibt an diesem Abend aus. Trump ist noch US-Präsident, AfD & Co. hetzen weiter. Es braucht eben Zeit, die Welt zu verändern. Nächste Chance: 23. bis 25. Juni auf dem Hurricane Festival in Scheeßel.

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