Zwischen Röhren und Stoffen rücken Kindheitserinnerungen ins Bewusstsein: Doppelausstellung in der Galerie Gavriel

Das Wunder ist nur eine Antriebswelle

Hinter dem Stoff liegt seine Geschichte: Nicola Hanke porträtiert mit Textilien Persönlichkeiten.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Kalle Blomquist zerkrümelt etwas Schokolade in einen Trichter, zündet einen Bunsenbrenner an und hält ihn unter ein Reagenzglas. Zisch, bruzzel, dampf – „großer Gott, tatsächlich!

Der Arsenspiegel!“ Unweigerlich muss man in der Galerie Gavriel an Astrid Lindgrens Kinderbuch denken. An den kleinen Meisterdetektiven hinter seiner großen Versuchsanordnung. An all die Röhren, Trichter und Bunsenbrenner. Und an den Arsenspiegel, der nach allerlei „Piff“ und „Paff“ nachweist, dass die Schokolade vergiftet ist.

Tobias Venditti ist wohl keinem Verbrecher auf der Spur, jedenfalls ließe sich nicht erkennen, wie sich aus der eigentümlichen Konstruktion ein Arsennachweis ablesen ließe. Ein dünnes Röhrchen lässt etwa alle 30 Sekunden einen Wassertropfen fallen. Über zwei erhitzte bogenförmige Messing-Rinnen saust er in einen Trichter und tritt als Wasserdampf durch einen dahinter angebrachten Mini-Schornstein wieder aus. Eigentlich sinnlos das Ganze. Vielleicht aber auch nicht, hat doch das Experiment immerhin die längst verdrängte Kindergeschichte wieder ins Bewusstsein gerückt. Und das ist wahrscheinlich kein Zufall. Denn wurzelt der Reiz einer jeden physikalischen Mechanik nicht grundsätzlich im kindlichen Spieltrieb? Im Staunen über die Schlichtheit natürlicher Vorgänge, die allein mit Hilfe komplizierter Versuchsaufbauten erfahrbar wird?

Freilich erscheint vor diesem Hintergrund auch die Metaphysik als Ausdruck kindlicher und damit naiver Hoffnungen. Venditti lässt eine wenige Zentimeter große Jesus-Figur auf rührende Weise Wunder vollbringen. Mit erhobenen Händen versetzt sie sieben vor ihr angebrachte Spiegel für einen kurzen Moment in Bewegung. In Wahrheit besorgt den Effekt natürlich bloß eine Antriebswelle.

All den Röhren und Wellen, Trichtern und Schornsteinen setzt Nicola Hanke die sanfte Sinnlichkeit textiler Stoffe entgegen. Man ist versucht, die Polarität mit geschlechtsspezifischen Klischees zu begründen – hier das „männliche“ Interesse an der Mechanik, dort die „weibliche“ Lust an der Textilie – und vernimmt schon den empörten Widerspruch. Tatsächlich trifft auch vielmehr das Gegenteil zu: Während Venditti in der Mechanik die Verbindung zu so luftigen Themen wie Ästhetik und Religion findet, sucht Hanke in den fotorealistisch auf Leinwand gebannten Stoffen die mechanische Logik ihrer jeweiligen Geschichte.

Denn dass sich eine solche etwa hinter der Tischdecke mit rostroten Blumen und weißer Bordüre verbirgt, ist ganz unzweifelhaft. Kaffee und Kuchen kommen einem in den Sinn. Der Sonntagnachmittag nach Gutbürgerart mit Oma, Opa und auf dem Teller viel Sahne.

Oder auch: das Seidentuch mit gewollt exotischem Muster. Man glaubt, das Ergebnis eines Volkshochschulkurses in Seidenmalerei vor sich zu haben und denkt sich sogleich die Teilnehmerin samt ihrer Hoffnungen auf ein wenig Individualität und Orientflair im verregneten Bremen dazu.

„Zeitlupe“ hat Galeristin Andrea Gavriel die Doppelausstellung überschrieben. Es ist nicht ganz deutlich, wie der Titel gemeint ist. Im Sport ermöglicht die Zeitlupe die präzisere Wahrnehmung eines unübersichtlichen Ereignisses. Vordergründig verhält es sich bei Hankes Werken umgekehrt. Die Textilien verdecken den Hintergrund, lassen den Betrachter über ihren Besitzer und seine Lebensumstände im Unklaren. Tatsächlich aber lässt sich durchaus ein Zeitlupeneffekt erkennen – nicht im Bild zwar, aber im Rezeptionsprozess des Betrachters selbst. Sukzessive fügen sich darin Bruchstücke zu einer konkreten Vorstellung. Was sich aus dieser Vorstellung für das Hier und Heute ergibt, bleibt ungewiss: Das ist die unbefriedigende Seite dieser Ausstellung.

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