Bremer Rathschor mit Johannes-Passion

Wuchtiger Schwung

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Jan Hübner ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeMit dem Namen Wolfgang Helbich verbinde ich besonders zwei Werke, die ihm wohl mehr am Herzen gelegen haben als andere: das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms und die „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach.

So war es eine schöne Geste seines 2008 gegründeten „Bremer Rathschores“, zum Gedenken an seinen Tod vor einem Jahr seine geliebte Johannes-Passion aufzuführen. Als sein Nachfolger war der Kirchenmusiker und Tenor Jan Hübner gewählt worden – auch das soll noch ein Wunsch von Helbich gewesen sein –, und diese Wahl erwies sich mit dem jetzigen Konzert in der Glocke erneut als richtig. Hübner hatte als erste große Herausforderung Georg Friedrich Händels „Solomon“ einstudiert.

Die Umstände waren zunächst eher befremdlich: ein Chor von über 80 Sängern, ein Auftrittsritus wie im Sinfoniekonzert – die Solisten und der Dirigent betraten das Podium extra und wurden beklatscht –, eine Pause, damit auch der Catering-Service auf seine Kosten kam. Aber zunehmend passte das Konzept von Hübner zu diesem unhistorischen Rahmen. Denn was hier erzählt wurde, war kein Gottesdienst, sondern eine hochdramatische, literarisch gut erzählte und musikalisch atemberaubend gut komponierte unglaubliche Geschichte. Schon die scharf herausgearbeitete Eingangsdissonanz und die grelle „Herr!“-Anrede des Chores deuteten daraufhin.

Seit man weiß, dass Bach in jeder Stimme höchstens drei Sänger hatte und dass einer von diesen dreien die Solopartien sang, muss sich jeder Chorleiter dieser Frage erneut stellen. Eine derart große Chorbesetzung wie hier ist nur zu rechtfertigen, wenn die kompositorischen Strukturen nicht nur transparent und erkennbar bleiben, sondern dass sie auch in inhaltichem Sinn gestaltet sind. Und da gab‘s in dieser Aufführung nichts zu meckern, so klar, so klangschön, so flexibel, bis ins winzige Details genau war das gearbeitet.

Die Ebenen der betrachtenden Choräle, der aktiven Volkschöre, der reflektierenden Arien, trennte Hübner nicht voneinander, sondern ließ alles zu einem erzählerischen Ganzen ineinander übergehen (was beispielsweise zur Folge hatte, dass jeder Choral besetzungsmsäßig und stilistisch anders gesungen wurde). Stets war seiner sensiblen Zeichengebung ebenso abzulesen, welchen Klang er will, wie auch ein wuchtiger Schwung zu sehen, der keine Scheu vor höchster Dramatik hat.

Die überragende Basis war da der Evangelist von Georg Poplutz: unaufgeregter stets nach vorne ziehender Erzählcharakter und die beiden großen Arien in einer angemessenen emotionalen Theatralik. Das kann man kaum besser machen. Und der leuchtende Sopran Cornelia Samuelis sang ihre „freudigen Schritte“ als bildhaftes Rennen, wunderschön. Auch die Bässe Jörg Gottschick (Jesus, Arien) und Carsten Krüger (Petrus, Pilatus) und Altistin Marion Eckstein fügten sich in ein Konzept, das in der Lage war, nach aller mitreißenden Dramatik mit einem innehaltenden Nachdenken (die Sopran-Arie „Zerfließe, mein Herze“ und der Schlusschor „Ruhet wohl, Ihr heiligen Gebeine“) zu enden. Maßgeblich für das alles war natürlich die historisch gut informierte instrumentale Basis der „Neuen Rathsphilharmonie Bremen“, deren Mitglieder zum größten Teil Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen sind.

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