Gartenkultur-Musikfestival: Vier Uraufführungen bei Vehrings in Henstedt / Schöne Fliegen und gemütliche Schnecken

Worum Sperlinge sich sorgen

Vogelfänger: Paul Melzer und Tobias Klich mit ihrem musikalischen Käfig.
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Vogelfänger: Paul Melzer und Tobias Klich mit ihrem musikalischen Käfig.

Syke - Von Ute Schalz-Laurenze. Eine einsame Blockflötenspielerin steht auf einer Wiese und spielt in sich gekehrte Töne, die Vögel nicht nachahmen, aber immerhin assoziieren.

Überraschender Weise hört man die kleine Flöte sehr weit, ihr Raum öffnet sich weiter durch vorproduzierte Zuspielbänder, die von weit herzukommen scheinen.

Es ist ein Musikstück, aber es öffnet und verändert den Garten von Vera und Fritz Vehring, die seit acht Jahren jährlich für das Gartenkultur-Musikfestival ihren preisgekrönten Garten in Henstedt bei Syke zur Verfügung stellen. Was in den Gärten musikalisch passiert, ist den einzelnen Gartenbesitzern überlassen. Man kann irgendeine Musik im Garten spielen, man kann zum Garten passende Musik spielen und man kann noch was ganz anderes machen: den Garten als Begriff und Erlebnis in die komponierte Musik einbeziehen, ihn zur Geltung kommen lassen, ihn befragen, ihn mit an besondern Ecken gestellten Tönen zu verändern, genauso wie er die Wahrnehmung der Musik verändert.

Das war das Konzept in diesem Jahr, nachdem bei Vehrings es schon immer experimentelle zeitgenössische Musik gegeben hat. Dieses mal aber waren die Komponisten tagelang vor Ort, so hier für das uraufgeführte Stück „Die unbegreifliche Besorgnis der Sperlinge“ für Flöte und Zuspielband von Farzia Fallah. Die iranische Komponistin horchte tagelang die akustischen Eigenheiten des riesigen Geländes aus. So auch Elnaz Seyedi, die mit „Gelebte Linien“ für zwei Blockflöten sich mit dem Wandern auseinandersetzte. Nach einem geradezu klassisch polyphonen Anfang machen sich die beiden Spielerinnen (Annette John und Inga Klaus) unterschiedlich auf den Weg und das Publikum kann entscheiden, wo es mitgeht. Oder auch nicht und einfach zurückbleibt und damit eine dritte Hörerfahrung macht. Reale Vögel und Flugzeuge tragen das ihre dazu bei. Ein ebenso zartes und sensibles Stück, das als strukturelle Idee in diesem Garten entwickelt und nun uraufgeführt wurde.

Mit der Videokamera auf dem Gartenboden machte sich der Iraner Hassan Sheidaei auf die Suche nach Tierchen, um uns die Sicht von Insekten und Kleintieren zu vermitteln. Eine durch die Videovergrößerung furchterregend scheinende, aber supergemütliche Schnecke sucht da ihren Weg, eine Fliege zeigt in tänzerischer Schönheit ihr Putzgehabe. Einen wiederum noch anderen Aspekt brachten Paul Melzer und Tobias Klich ein, der schon mehrfach Installationen im Vehringschen Garten zeigte. Drei Flohmarktvogelkäfige stattete er mit winzigen Lautsprechern aus, aus denen man ebenfalls eine Uraufführung – über Kopfhörer – hören konnte: „Vogelfänger“. Robert Schumanns berühmtes „Der Vogel als Prophet“ diente ihm als Idee, den Schumannschen Kunstvogel mit den wirklichen Vögeln im Garten zu konfrontieren. Ein Stück von einem ganz eigenen, ungemein originellen Zauber, das tatsächlich das Hören im Garten grundsätzlich veränderte: ist es künstlich oder natürlich, kommt es aus Lautsprechern oder aus den Natur?

Alles in allem vier vollkommen unterschiedlich kreative Impulse (der StudentInnen der bremischen Hochschule für Künste), die Wahrnehmung im Garten zu verändern: gelungen!

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