„World of Reason“: Alexander Giesche dichtet am Theater Bremen für alle Sinne

Kein Licht im Tunnel der Vernunft

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Der Tanz um die schwarze Fahne: Nadine Geyersbach und Andy Zondag in „World of Reason“.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die tollen Tage sind vorbei, Vernunft ist wieder eingekehrt in unser Leben. Sie weckt uns morgens früh zur Arbeit, ermahnt uns, zeitig loszufahren. Erinnert an die unbezahlte Rechnung und an den nächsten Arzttermin. Eine Vormundschaft auf Lebenszeit, oft nervend zwar, doch stets korrekt, Vernunft liegt niemals falsch, hat immer Recht.

Fast immer jedenfalls. Zur Liebe taugt sie nicht so ganz, und auch zur Kunst lässt sie sich kaum gebrauchen: Wenn es um Sinn und Werte geht im Leben, ist sie dem Gefühl weit unterlegen.

Am Theater Bremen hat Alexander Giesche ein „Visual Poem“ auf die Vernunft erschaffen, ein „visuelles Gedicht“ also. Wer den Regisseur (der bis vor kurzem noch als „Artist in Residence“ am Goetheplatz beschäftigt war) kennt, weiß, was das bedeutet: einen Abend auf der Schnittstelle von Theater und bildender Kunst, von Tanz und Performance. Es wird starke Bilder geben, aber wenig Sprache. Und je weniger gesprochen wird, so lässt sich nach einigen Produktionen als Faustregel bilanzieren, desto besser ist das Stück. In „World of Reason“, jenem „Visual Poem“, das am Samstagabend Premiere feierte, wird wenig gesprochen.

Was zu sagen ist zu unserem Leben mit – und Leiden an der Vernunft, das wird zunächst vielmehr getanzt. Von einem Ventilator beispielsweise. Durch nichts als ein Kabel mit dem Schnürboden verbunden, schwebt er einem Propellerflugzeug gleich laut surrend im Kreis durch den Raum. Ein Tanz der Maschine, eine Feier der Vernunft: Im sich selbst beschleunigenden Apparat findet die technologische Rationalität des Menschen ihre höchste Ausdrucksform. Da mag der Mensch (Nadine Geyersbach) gleich mittun und selbst im Kreis sich drehen, ihn einfangen, diesen flüchtigen Propeller. Bis er merkt, dass in dieser kreisförmigen Hatz die Maschine schneller unterwegs ist und sich bald von hinten nähert, aus dem Jäger der Gejagte wird.

Der Bürger als Schöpfer einer Vernunft, die ihn selbst bedroht: Aus dieser Setzung entwickelt Giesche manchen spannenden, bildstarken Gedanken. Steckt seine beiden Protagonisten (das Duo komplettiert Andy Zondag) in Pinguinkostüme, damit sie die unter ihrer Last der Ratio ächzende Menschheit einmal aus tierischer Sicht zu analysieren versuchen. Woraus die Erkenntnis erwächst, dass die armen Wesen dieser Gattung Homo sapiens ihre ganze Orientierung einzig allein auf diese Vernunft ausrichten. Und dass sie aufgeschmissen sind, sobald sie von dieser im Stich gelassen werden.

Bald tragen sie in pathetischen Posen zu wuchtigen Klängen schwarze Fahnen durch den wabernden Theaternebel. Assoziationen zur Propaganda des Islamischen Staats werden greifbar, der Terror als Weltflucht für das an der Zivilisation gescheiterte Individuum. Kaum stecken die Fahnen im Bühnenboden, flattern sie auch schon wie verrückt im Wind. Auch dahinter verbirgt sich ein kleines Selbstzweck-Maschinchen: Die Luft kommt aus einer Düse am Fahnenmast.

Ein grundlegendes Dilemma solcher Aussteiger aus der Zivilgesellschaft offenbart sich hier. Denn ohne deren technische Errungenschaften lässt sich ihre Ablehnung nicht mit dem nötigen Pomp inszenieren. So kommt es, dass man in Syrien zurzeit Jahrtausende alte Zeugnisse zerstört, die als Grundlage abendländischer Kulturgeschichte gelten – dies aber gleichzeitig auf Youtube und Twitter dokumentiert, dem abendländischen Teufelszeug schlechthin.

Wer nach einem gelingenden Leben außerhalb des Koordinatensystems der Rationalität sucht, verheddert sich bald in den Widersprüchen von Wirklichkeit und Behauptung, von Leben und Ideal. Dann wird die Vollverschleierung als trotzige Reaktion auf den kapitalistisch sündhaften Modewahn plötzlich ihrerseits zu einem modischen Akt: Während sie vorne in Manier eines Models die verstörende Außenwirkung ihres Niqabs genießt, stolziert er hinten eitel mit Selfie-Stick durch den Nebel. Derweil erzeugt oben ein kreisrunder Spiegel durch Scheinwerferreflexionen einen spektakulären Röhreneffekt. Das Licht am Ende dieses Tunnels entpuppt sich als reine Illusion, aus dem Gesetz der Vernunft gibt es kein Entrinnen.

Bei alldem macht Giesche keine halben Sachen, seine Bilder sind radikal bis wahnwitzig, mitunter unverständlich, dann aber wieder umso bestechender: ein alle Sinne fordernder Abend voller theatralem Pathos. Seine beiden Akteure haben diese Ästhetik nicht nur verstanden, sondern geradezu aufgesogen, balancieren gekonnt auf dem Grat zwischen Ironie und Tragik. Dass der Ausgangspunkt des Ganzen ein Hollywoodfilm der neunziger Jahre („Der Mondmann“) ist, der das Leben des Performance-Künstlers und Komikers Andy Kaufman beschreibt, erweist sich als unerhebliche Information: Das Stück steht und funktioniert ganz für sich allein.

Kommende Vorstellungen: am 25. März und 16. April, jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen.

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